Der Cicerone: Halbmonatsschrift für die Interessen des Kunstforschers & Sammlers — 1.1909

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Der Cicerone

Heft 17

in Gewandung und Haltung der Madonna wirkt
in der Tat noch altertümlich, aber die freie Be-
handlung der Landschaftsform und dasvonRaffael
beeinflußte Bewegungsmotiv des Christkindes
kündet den Beginn der neuen Strömung an. Der
Typus der Madonna, obgleich er schon die Weich-
heit der italienisierenden Meister auf weist, ist
doch noch voller Änmut und von schlichtem Aus-
druck. Huch andere Meister der gleichen Rich-
tung — wie etwa Mabuse in dem wundervollen
Triptychon des Museums zu Palermo — haben
in ihren Jugendwerken eine ähnliche ansprechende
Schlichtheit und Husdrucksfähigkeit.

Ägnews zeigten außer diesem Bildchen ge-
legentlich auch andere Primitive, z. B. aus ita-
lienischen Schulen. Es hat indessen nicht den
Anschein, als ob die Gunst, in der auch die
kleinsten Quattrocentisten und Trecentisten eine
Zeitlang bei den Sammlern standen, noch unver-
ändert fortbestünde. In Berlin gehört die Gegen-
wart entschieden den Holländern und Vlamen
des XVII. Jahrhunderts; und die Sympathie für
diese Meister ist mit Rücksicht auf ihre gesunde,
echt malerische Begabung und ihre der unseren
verwandte Gefühlsart durchaus begreiflich. Huf
diese natürliche Sympathie wird der Kunsthandel
auch in Zukunft starke Rücksicht nehmen müssen.

H. V.

VON DEN AUKTIONEN

DER VERKAUF DER SAMMLUNGEN
HOMMEL IN ZÜRICH

Die Auktion der Sammlungen Dr. Hommel
in Zürich, die volle zehn Tage in Anspruch
nahm, war von Kunsthändlern und Sammlern
gut besucht. Trotzdem erfüllten die bezahlten
Preise die allerdings vielleicht etwas hoch-
geschraubten Erwartungen nur in Ausnahme-
fällen und bezeichnenderweise zumeist bei den
Objekten, die trotz ihres augenscheinlichen Min-
derwerts irgend einem bedeutenden Meister zu-
geteilt waren. Es wurden namentlich bei den Ge-
mälden blindlings Namen gekauft und Summen
dafür bezahlt, die zum eigentlichen Kunstwert
der betreffenden Gegenstände in gar keinem Ver-
hältnis mehr stehen. Im Gegensatz dazu sind
wirklich gute Arbeiten, so einige der einwand-
freien, wohl erhaltenen Gemälde kleinerer nieder-
ländischer Meister, zu überraschend geringen
Preisen abgegeben worden.

Insgesamt ergab die Versteigerung der Anti-
quitäten und Kunstgegenstände, die 10% Auf-

geld nicht berechnet, ungefähr 190 000 fr. Von
den 176 Gemälden erzielten 125 Stück rund
450 000 fr., vorausgesetzt daß man den einen
großen Käufer auch wirklich als Käufer betrachten
darf. Etwa 50 Bilder wurden zu einem Gesamt-
wert von rund 100 000 fr. zurückersteigert.

Wäre vor der Auktion eine ernste, reinlichere
Scheidung zwischen guten, beglaubigten, zweifel-
haften und direkt schlechten Objekten veran-
staltet worden und hätte man den Verkauf der
überaus verschiedenartigen Dinge nicht in so
ermüdender Weise ununterbrochen durch zehn
lange Tage durchgehetzt, wäre wohl ein durch-
schnittlich ernsthafteres Publikum angezogen und
ein auch den Fachmann befriedigenderes Er-
gebnis erzielt worden.

Einige Preisnotierungen mögen das Gesagte
belegen. Es kann dabei natürlich auf die schier
unerschöpfliche Menge gleichartiger Kleinarbeiten,
die in ihren Preislagen alle weit unter 1000 fr.
blieben, nicht eingegangen werden; sie sättigten
gar bald die Käuferschaft und wurden ohne
Rücksicht auf den einstigen Ankaufspreis zuge-
schlagen. Aber da sich gar manches Gute dar-
unter befand, kam der ausdauernde Kunst-
kenner auf seine Kosten.

Ein 2,05 m hoher, reich geschnitzter gotischer
Krummstab (Katalog Nr. 1178) aus Elfenbein,
polychromiert und vergoldet, erzielte 3200 fr.,
ein romanisches Schmuckkästchen (Nr. 1183) aus
Zedernholz mit Elfenbeinreliefs (22,0x26,0x17,5
cm) 2300 fr., die Mutter Gottes mit Johannes,
Nr. 1427 des Katalogs, eine fast vollrund aus
Lindenholz geschnittene süddeutsche Figuren-
gruppe des XVI. Jahrhunderts (80 cm hoch)
1100 fr., eine Abendmahlsszene (Nr. 1432) gleich-
falls süddeutscher Herkunft 950 fr. und Nr. 1346,
ein holzgeschnitzter gotischer Hausaltar (Höhe
54 cm, größte Breite 58 cm) bei einem An-
schlagspreis von 700 fr., 1600 fr. Die beiden
Konrat Meit zugeschriebenen Figürchen Adam
und Eva aus Buchsbaum (Nr. 1460, 27,5 cm hoch)
wurden zu 1500 fr. ausgeboten und zu 3200 fr.
zugeschlagen.

Der Jünglingskopf polykletischen Stils (Nr. 1139),
eine römische Kopie von trefflicker Arbeit, die
wohlerhaltene Büste Marc Aurels (Nr. 1138) und
Nr.ll46,ein hochinteressantes griechisches Giebel-
relief mit figürlichen Darstellungen (80 auf 27 cm),
nach Furtwängler wohl der bekrönende Rest eines
sonst aus Lehmziegeln erbauten Grabmals aus
dem Ausgang des V. Jahrhunderts (publiziert von
Furtwängler in den Abhandlungen der bayrischen
Akademie 1902) sind um 3900 fr., 1500 fr. und
2600 fr. für die archaeologische Sammlung der
Unversität Zürich angekauft worden; eine 1,16 m
hohe Marmorstatue, Maria mit dem Kinde
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