Der Cicerone: Halbmonatsschrift für die Interessen des Kunstforschers & Sammlers — 1.1909

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RUNDSCHAU

SAMMLUNGEN

BERLIN

Berichte aus den Königl. Museen. Im
Februarheft der „Amtlichen Berichte aus den
Königl. Kunstsammlungen“ berichtet Bode über
Neuerwerbungen der Abteilung der Bildwerke
christlicher Epochen an deutschen Barock- und
Zopfskulpturen. Im Gegensatz zur Architektur
jener Zeit, die schon seit langem ihre Bewun-
derer und Nachahmer hat, ist die Plastik bis
vor kurzem arg vernachlässigt worden. Bisher
war auch der Bestand des Kaiser Friedrich-
Museums an derartigen Werken so gering, daß
man kaum einen Eindruck davon erhalten
konnte. Für das neue deutsche Museum ist je-
doch ein Saal mit kleinen Nebenräumen vor-
gesehen, in dem alles, was an bedeutenden
Stücken dieser Epoche aus Magazinen und an-
deren Verstecken zusammengebracht werden
konnte, wieder zur Geltung kommen soll.

An neuerworbenen Stücken bespricht Bode
zunächst eine Pieta, die sich dem Franz
Ignaz Günther mit Wahrscheinlichkeit zu-
weisen läßt, ebenso wie die altbemalte Holz-
figur der auf Wolken emporgetragenen Maria.
Für zwei kleine, leichtbemalte Tonmodelle ist
Günthers Autorschaft durch die danach ausge-
führten Kolossalfiguren in Neustift bei Freising
gesichert. Verwandte Arbeiten sind eine ste-
hende Madonna, ein kleines Tonmoaell der
Pieta und andere kleinere Plastiken. Durch In-
schrift beglaubigt ist die Marmorbüste eines
jugendlichen Geistlichen, von Johannes Probst,
datiert von 1799.

Grün wedel zeigt die Erwerbung einer
Sammlung von Altertümern aus Borazan an,
aus der er einige der wichtigeren Stücke ab-
bildet und bespricht. Falke führt eine kürzlich
gekaufte Kanne aus geschliffenem Bergkristall
und vergoldetem Silber ein, die in allen Einzel-
heilen dem Stile Holbeins so nahe steht, daß
ein Entwurf des Meisters aus seiner englischen
Zeit dafür vorausgesetzt werden muß. Die ge-
streckte ovale Form des Gefäßkörpers befremdet
zunächst, erklärt sich jedoch durch die gegebene
Form des Bergkristalls. Das beste Vergleichs-

stück ist ein Kannenentwurf Holbeins in der
Basler Sammlung, den Direktor Ganz nachwies.

Messerschmidt beschließt das wie ge-
wöhnlich reichhaltig und gut illustrierte Heft
mit der Besprechung einiger Siegel, deren Wert
hauptsächlich darin besteht, daß sie von alt-
orientalischen Königen stammen.

Außerdem gelangten in der Gemälde-
galerie des Kaiser Friedrich-Museums
einige Neuerwerbungen zur Aufstellung. Zwei
Porträts (Gegenstücke) von Romney bereichern
die erst seit wenigen Jahren gebildete und schon
sehr ansehnliche englische Abteilung. Ihnen
gewachsen sind zwei herrliche Bildnisse von
Anton Graff, die besonders malerisch zu des
Meisters höchsten Leistungen gehören. Eben-
falls Gegenstücke sind zwei umfängliche Ältar-
flügel des Petrus Christus, mit dem h. Johannes
d. T. und der h. Katharina in Landschaft —
Werke von ungewöhnlicher malerischer Qualität
für diesen meist trockenen Meister. — Endlich
erwarb die Galerie durch Schenkung das alt-
niederländische Beweinungstriptychon aus der
Sammlung Turner (cf. Monatshefte 1908, S. 1178)
und kaufte ein venetianisches Bild der Zeit um
1600: zwei spielende Männer, malerisch von
feiner, eigenartiger Wirkung. H. V.

s

LONDON -

Zwei öffentliche Kunstinstitute konnten kürz-
lich Jubiläen feiern, von denen hier freilich
wenig Wesens gemacht wurde. Die National
Portrait Gallery, die nun 50 Jahre alt ist,
und das große Britische Museum, das auf
eine reiche Geschichte von 150 Jahren zurück-
blicken kann. 1859 wurde die damals aus nur
59 Bildern bestehende National Portrait Gallery
in einem Hause in Great George Street eröffnet;
dann wanderte sie nach South Kensington, von
dort 1885 in völlige Verbannung nach dem
Vorstadtmuseuni in Bethnal-Green, das von
South Kensington aus mit Wanderausstellungs-
objekten versehen wird. 1895 kam sie dann
endlich in ihr neues, gut gelegenes, für Galerie-
zwecke aber völlig ungeeignetes, größtenteils
dunkles Heim, für das ein Mäcen 80 000 £ ge-
stiftet hatte. Die Gallery zählt heutigen Tages
ca. 1550 Bilder, aber die allermeisten sind von
Privaten oder Künstlern (z. B. die Wattsschen
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