Der Cicerone: Halbmonatsschrift für die Interessen des Kunstforschers & Sammlers — 1.1909

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.Ausstellungen <s Personalien

ganz in Fendis gefälliger Art, J. Ch. Schoeller
mit köstlichen Szenenbildern aus dem Wiener
Carl-Theater der Dreißigerjahre in miniatur-
artigen Aquarellen und andere. In diesem Zu-
sammenhänge sind auch einige ausgezeichnete
Porträtminiaturen zu nennen: Josef Teltschers
Bildnis Franz Exners, des Begründers der be-
kannten Wiener Gelehrtenfamilie, ein Herren-
porträt Georg Raabs und die Halbfigur einer
Dame von J. M. Schermer. Die moderne
reichsdeutsche Künstlerschaft hat eine Reihe groß-
zügiger Landschaften in Kohle durch Gustav
Kampmann, das Brustbild eines oberbayri-
schen Bauernmädchens (Bleistift) durch Karl
Haider und ein lübisches Interieur (Kreide)
durch Gotthard Kuehl beigesteuert. Die fort-
geschrittenste Wiener Kunst repräsentiert ein
Damenköpfchen Gustav Klimts. Walter Ham-
pels Deckfarbenskizzen verleugnen in ihrem
prickelnden Reize gleichfalls nicht den Ursprungs-
ort. Dagegen ist Alfred Coßmanns große,
liebevoll ausgeführte Röthelstudie zu der Ra-
dierung „Die Wacht“ ganz Kraft und Gesund-
heit. Es ist bezeichnend, daß dieser Wiener in
Graz geboren wurde. Von dem Ungarn Eme-
rich Simay ist eine seiner lebensvollen Äffen-
studien zu sehen. Zu den besten Erwerbungen
des letzten Jahres zählt eine fein gestimmte
Landschaft in Gouache von Alphonse Legros.
Die eingeborenen Engländer finden durch die
zeichnerisch vollendete Darstellung eines Hafen-
arbeiters von Frank Brangwyn, die Bleistift-'
Studie von einem Bauplatze Muirhead Bones
und den Marktplatz von Stratford am Avon
von L. G. Hornby glückliche Vertretung.

Die Abteilung der gedruckten Kunstblätter
leitet eine heil. Elisabeth in Teig druck ein,
technisch durch seine Zweifarbigkeit überaus
interessant, zudem sehr gut erhalten. Von
dem reichen Schatze trefflicher Holzschnitte des
XV. Jahrh., die im letzten Jahre in Wien und Stutt-
gart zur Versteigerung gelangt waren, fanden
leider nur 10 Blatt, darunter allerdings zwei
Unica, den Weg in die Albertina. Dabei ist die
Sammlung auch in den Besitz des sehr seltenen
Burgkmairschen Schnittes der Veronika mit
dem Schweißtuche gelangt. Von den modernen
deutschen Drucken sei nur auf einige Radie-
rungen Klingers und Stucks, Coßmanns
(darunter die prächtige Beethovenmaske) und
L. Kasimirs verwiesen. Erfreuliches bietet
Österreich insbesondere in farbigen Holzschnitten
(). Stoitzner, H. Frank, K. Thiemann und
W. Klemm), die Lithographie vertritt haupt-
sächlich H. Thoma in einer Reihe von neu-
erworbenen Blättern. Von den großen Fran-
zosen des XIX. Jahrhunderts fanden sich einige

615 I

graphische Originalarbeiten Millets und Co-
rots zusammen. Auch von Whistler ist ein
kleines Blättchen in die Sammlung gekommen.

H. R.

PERSONALIEN

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RICHARD ENGELMANN +

Ende September ist Richard Engel-
mann im 65. Lebensjahre auf der Philologen-
versammlung in Graz vom Schlag getroffen,
verschieden. Lange Jahre als Gymnasial-
professor in Berlin tätig — seit seiner Emeri-
tierung verlebte er den Winter regelmäßig
in Rom — hat er, ein Gelehrter von viel-
seitigstem wissenschaftlichen Interesse, haupt-
sächlich auf kunstmythologischem Gebiete eine
umfangreiche literarische Tätigkeit entfaltet.
Waren seine vielbenutzten Bilderatlanten zu
Homer und Ovid (Leipzig, Seemann 1889, 1890)
mit ihren reichen, antiken Kunstdenkmälern ent-
nommenen Illustrationen zu beiden Dichtern aus
der Schulpraxis, dem Bestreben, die Ergebnisse
archäologischer Forschung der Schule in hand-
licher Form zugänglich zu machen, hervorge-
gangen, so beschäftigen sich die meisten seiner
weiteren Arbeiten mit dem Verhältnis der
antiken Kunst zu den Tragikern, der Abhängig-
keit der Vasenbilder von sophokleischen und
euripideischen Tragödien. Hierher gehören
außer den „Archäologischen Studien zu den
Tragikern“ (Berlin, Weidmann 1900) zahlreiche
Aufsätze im Jahrbuche des Deutschen Archäo-
logischen Institutes (u. a. „Tyro“ 1890, „Vasen-
bilder nach Tragödienszenen“ 1899, „Mosaik
mit Darstellung des Hylasraubes“ 1900, „Aktor
und Ästyoche“, „Medeavasen und -Tragödien“
1902, „Die Josage“ 1903, „Andromeda“ 1904,
„Zu den Phoinissen des Euripides“ 1905) und in
Roschers Lexikon der Mythologie (u.a. „Harpyia“,
„jo“). Denkmälerinterpretation und mythologische
Untersuchungen bilden den Inhalt einer Reihe
von Aufsätzen in den Jahresheften des Öster-
reichischen Archäologischen Institus wie in der
Revue archeologique, Artikel der Berliner Philo-
logischen Wochenschrift enthalten Studien zur
lateinischen Epigraphik. Aus der ihm beson-
ders lieb gewordenen Beschäftigung mit italischer
Landeskunde, spez. mit Pompeji, mit römischer
Topographie und Architektur sind z. B. sein
„Pompeji“ (Seemann, Berühmte Kunststätten 4,
auch ins Englische übersetzt) und Aufsätze
im Jahrbuch des Ärch. Instituts, im Römisch-
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