Der Cicerone: Halbmonatsschrift für die Interessen des Kunstforschers & Sammlers — 1.1909

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Frühe Watteauszenen auf Meißner Porzellan

Von Ernst Zimmerniann

Zu den künstlerisch interessantesten Zeiten der Meißner Manufaktur gehört
unzweifelhaft diejenige, da nach Böttgers, des Erfinders des Meißner Porzellans im
Jahre 1719 erfolgtem, frühem Tode ein Jahr darauf der in Jena geborene Wiener
Emailmaler Johann Gregorius Herold nach Meißen kam und sich hier vor die ebenso
wichtige wie interessante Aufgabe gestellt fand, dem neuerfundenen Porzellan einen
wirklich annehmbaren künstlerischen Stil zu geben. Denn man weiß es ja jetzt (vgl.
hierüber mein soeben erschienenes Werk: „Die Erfindung und Frühzeit des Meißner
Porzellans“), daß es Böttger in der kurzen Zeit, die ihm nach der Erfindung des
Porzellans noch zu dessen weiterer Durchbildung vergönnt war, nicht mehr gelungen war,
ihm auch eine befriedigende künstlerische Erscheinung zu geben. Geldmangel zwang
ihn, auf das Porzellan die Formen zu übertragen, die ursprünglich für das früher
erfundene und früher ausgebildete rote Steinzeug erdacht worden waren, die aber
doch gar nicht für das ganz anders geartete Material des Steinzeugs paßten. An-
scheinend Gleichgiltigkeit des Publikums in diesen Dingen — denn das neu erfundene
Porzellan ging auch ohnedem reißend schnell ab — verhinderte ihn, wirklich schöne
und glänzende Farben, wie sie sein Vorbild das ostasiatische Porzellan in so einziger
Weise zeigte, zur Anwendung zu bringen. So war nach Böttgers Tode der allgemeine
Ruf in der Manufaktur, wie aller, die sich für ihre Weiterentwicklung interessierten,
nach einem tüchtigen Maler, als welcher eben nun Herold angenommen wurde.
Wie weit dieser dann die ihm gestellte Aufgabe gelöst hat, ist bekannt. Auf seinen
Leistungen beruht es zur Hälfte, daß die Meißner Manufaktur für den größten Teil
des XVIII. Jahrhunderts die eigentlich führende geworden ist, auf seinen Leistungen
allein, daß ihre Farbenpracht bis auf den heutigen Tag, die schönste gewesen ist, die
das europäische Hartporzellan je gekannt hat. Er erfand die richtigen Farben, die
richtigen Harmonien und den richtigen Dekor und hat dies alles sogar durch zwei
ganze Zeitalter der Kunst hindurch zu führen gewußt. Fast ganz unbekannt aber ist
es bisher geblieben, daß er zu dieser wahrhaft klassischen Vollendung doch nicht so
auf einen Schlag gelangt ist, daß auch er hierbei gerungen, experimentiert und probiert
hat und anfangs vielfach fehlgegangen ist. Selbst seine schönen Farben hat er nicht gleich
zur Verfügung gehabt, auch zu diesen ist er erst unten vielen Mühen nach einigen
Jahren gelangt. Zeugnisse dieser seiner Vorarbeiten zu einem wirklich guten Porzellan-
stil haben sich, in ihrer Bedeutung bisher wenig erkannt, vielfach erhalten, ganz
besonders in der Dresdner Porzellansammlung, die ja so reich gerade an Erzeug-
nissen dieser frühen Zeiten ist. Sie sind dort geschlossen aufgestellt und können so
in ihrer vollen Bedeutung gewürdigt werden.

Unter diesen frühen Versuchen Herolds ist wohl nichts so merkwürdig, als daß
er es damals schon unternommen hat, Watteauszenen ins Porzellan einzuführen, mithin
jene Szenen, die sonst erst im Porzellan wie auch in den übrigen Gebieten des Kunst-
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