Der Cicerone: Halbmonatsschrift für die Interessen des Kunstforschers & Sammlers — 1.1909

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RUNDSCHAU M

DAS MÜNCHENER GENERÄL-
KONSERVATORIUM.

Es ist nicht zu leugnen, daß die Münchener
Kunstverhältnisse, soweit die Interessen der
staatlichen Kunstpflege in Betracht kommen,
eine kritische Zeit durchmachen, aber es mehren
sich die Anzeichen, daß diese Krisis ihren Höhe-
punkt überschritten hat und daß gesundere Ver-
hältnisse sich zu konsolidieren beginnen. Man
muß nur den guten Willen haben, das Gute
auch anzuerkennen und muß vor allem den
Blick von der ständig bewegten und beun-
ruhigten Oberfläche abwenden können und ihn
auf das Positive richten, was unscheinbar und
mit löblicher Geräuschlosigkeit hinter der auf-
geregten Oberfläche geschaffen wird.

Zu den erfreulichen Zeichen einer Besserung
der Verhältnisse rechne ich vor allem die Neu-
organisierung des Generalkonservatoriums der
Kunstdenkmale und Altertümer Bayerns, der
kein Gerechter die Anerkennung versagen kann,
daß sie im großen Stil und nach großen be-
währten Gesichtspunkten geschaffen worden ist.
Hier liegt der Beweis vor, daß es auch in
Bayern nicht an Initiative fehlt und daß auch
die Kräfte hier vorhanden sind, diese Initiative
in großzügiger Weise durchzusetzen, ein Lob,
an dem auch das vielgeschmähte Ministerium
reichlichen Anteil hat.

Verschiedene günstige Umstände sind zu-
sammengekommen, um hier geradezu das Ideal
einer derartigen Behörde zu verwirklichen und
es ist zu erwarten, daß diese Einrichtung nun
das Vorbild für alle ähnlichen Institute sein
wird.

Der größte Vorteil, die absolute Zentrali-
sierung des Betriebes, die eigentliche conditio
sine qua non für eine durchgreifende und uni-
versale Wirksamkeit des Generalkonservatoriums,
hängt allerdings von einem glücklicherweise
gegebenen Umstand ab, nämlich den angenehmen
Größenverhältnissen Bayerns. Darum läßt sich
das hier Erreichte auch nicht ohne weiteres auf
andere Gebiete übertragen.

Die Zentrale ist natürlich in München. Und
zwar sind die Ämtsräume der neuen Behörde
in einem Anbau des Nationalmuseums unter-
gebracht. Der Zusammenhang der beiden An-
stalten ist nicht nur äußerlich, auch innerlich stehen
die Institute in engster Verbindung und sind
zur gegenseitigen Ergänzung aufeinander an-

gewiesen. Die innerlichen Beziehungen basieren
in erster Linie auf der Tatsache, daß das
Generalkonservatorium direkt aus dem Ver-
waltungskörper des Nationalmuseums heraus-
gewachsen ist. Denn die Pflichten des General-
konservatoriums waren bisher von Beamten des
Nationalmuseums erledigt worden, bis die wach-
senden Anforderungen der Inventarisation und
der Denkmalspflege eine klare Trennung und
Arbeitsteilung mit absoluter Selbständigkeit
beider Anstalten notwendig machten. So kri-
stallisierte sich aus dem Beamtenkörper des Na-
tionalmuseums eine neue Behörde, deren Zu-
sammensetzung unmittelbar zurückgeht auf die
Erfahrungen, die in der Praxis des National-
museums in puncto Zusammenarbeit der wissen-
schaftlichen und künstlerischen Kompetenzen ge-
macht worden sind. Das Nationalmuseum selbst
ist ja nun in einem Stadium, wo es dieser
Zusammenarbeit nicht mehr so dringend bedarf.
Es ist in seiner äußeren Gestalt und in seinem
Bestände nun ein festorganisiertes Ganzes, für
das es heute in erster Linie darauf ankommen
muß, seine reichen Schätze wissenschaftlich zu
erschließen, eine Arbeit, die ja mit den kürzlich
erschienenen prächtigen Spezialkatalogen schon
intensiv und mit schönem Erfolge in Angriff ge-
nommen worden ist. Die wissenschaftliche Er-.
Schließung des Bestandes wird auch am besten
zeigen, wo noch Lücken auszufüllen sind und
gerade hier kann das Museum von der Zu-
sammenarbeit mit dem Generalkonservatorium
den größten Vorteil ziehen. Doch davon später.
Wir wollten nur darlegen, daß es naheliegend
war, bei der Neuordnung der Personalbestände,
wie sie durch die Trennung der beiden Institute
notwendig wurde, im Nationalmuseum die Kunst-
historiker in die Front rücken zu lassen und die
Künstler für die vielfachen praktischen Bedürf-
nisse des Generalkonservatoriums abzugeben.
Im Generalkonservatorium halten sich nun die
Wissenschaftler und die Praktiker genau die
Wage. Fünf Kunsthistoriker und fünf Künstler
bilden den Stab des Generalkonservators, der
selbst natürlich Wissenschaftler ist. Im künst-
lerischen Beirat sind Maler, Architekten und Re-
staurationsspezialisten vertreten und im wissen-
schaftlichen Beirat sind neben den Kunsthisto-
rikern zwei Prähistoriker vertreten. Denn bei
der Neuorganisierung des Generalkonservatori-
ums ist ja die langerstrebte Vereinigung der
historischen mit der prähistorischen Denkmals-
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