Der Cicerone: Halbmonatsschrift für die Interessen des Kunstforschers & Sammlers — 1.1909

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Die Neuordnung der Vatikanischen Pinakothek

Von Ernst Steinmann

Pius VI. ist es gewesen, der zuerst im Vatikan und zwar in der Galleria de’
Candelabri eine Gemäldesammlung vereinigt hat. Einige Gemälde aus dem Quirinal
und aus St. Peter, die durch Mosaikkopien ersetzt worden waren, bildeten den Be-
stand dieser ersten Vatikanischen Gemäldegalerie. Aber schon im Jahre 1798 wurde
die Sammlung wieder zerstreut. Bonaparte verlangte und erhielt durch den Vertrag
von Tolentino 100 der besten Gemälde aus päpstlichem Besitz in Rom und 115 Gemälde
aus dem Kirchenstaat.

Erst durch den Wiener Vertrag im Jahre 1815 wurden diese gestohlenen Schätze
Italien zurückerstattet. Am 30. September wurde der Bildhauer Canova, dem der
Papst diese delikate Mission übertragen hatte, autorisiert, für die päpstliche Regierung
die Bilder aus dem Louvre zu entfernen. Er tat es nicht ohne geheimen und offenen
Widerstand zu finden mit der Hilfe österreichischer und preußischer Soldaten. Dabei
gelang es ihm noch nicht einmal, alle Bilder wieder aufzufinden. Von den 100
kehrten nur 77 nach Rom zurück, von den 115 blieben 39 in Frankreich. Die Römer
feierten die Rückkehr ihres „Patrimonio artistico" mit Freudenfesten, und da jetzt sämt-
liche aus Frankreich zurückerstatteten Gemälde in Rom verblieben, so hatten sie keine
Verluste zu beklagen. Damals ist die Vatikanische Galerie um eine Anzahl ihrer
köstlichsten Stücke bereichert worden. Man braucht nur Raffaels Madonna di Foligno,
Peruginos Madonna aus der Prioren-Kapelle in Perugia und Pintoricchios Krönung
Mariä zu nennen.

Die neue Sammlung wurde zunächst im Appartamento Borgia untergebracht,
dann gelangte sie im Jahre 1822 in die von Gregor XIII. angelegten Zimmer des
dritten Stockwerks, dann wurde sie aufs neue in die Galleria de’Candelabri zurückgeführt,
um endlich von Pius IX. im Jahre 1857 wieder in das dritte Stockwerk verlegt
zu werden.

Hier blieben die Gemälde bis vor kurzem in wenig günstigem Licht aufgehängt,
fast unter dem Dach, überdies allen Gefahren einer äußerst schwankenden Temperatur
ausgesetzt und im Falle eines Feuers unrettbarem Untergange preisgegeben.

Solche Erwägungen mögen Pius X. veranlaßt haben, die Neuordnung der
Vatikanischen Gemäldegalerie ins Auge zu fassen und sich durch die gesicherte Unter-
bringung der kostbaren Bilder um die Kunstschätze des Vatikans ein bleibendes Ver-
dienst zu erwerben.

Niemand wird behaupten wollen, daß die gewählten Räume in dem von Pius IV.
angelegten Arm des Belvedere, der zur Skulpturengalerie hinaufführt, das Ideal einer
modernen Gemäldesammlung sind. Diese schmalen, in langer Reihe durcheinander-
gehenden Räume sind schon deshalb nicht unbedingt zur Aufnahme einer Gemälde-
sammlung geeignet, weil sie das Licht alle von einer Seite, einfallend vom Belvedere-
hofe, erhalten. Aber ebensowenig konnte man billigerweise vom Papst erwarten,
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