Der Cicerone: Halbmonatsschrift für die Interessen des Kunstforschers & Sammlers — 1.1909

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Heft 6

Eine Porzellanarbeit Tschirnhausens

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Tabaksdose aus porzellanartiger Masse □

Ende des XVII. Jahrhunderts von E. W. Tschirnhausen
in Dresden angefertigt □

□ Dresden, Königl. Porzellansammlung

der königlichen Porzellansammlung in Dresden zugesprochen, die sich durch ihre
ganze Erscheinung, sowie ihr Abweichen untereinander in Einzelheiten bei ihrer
sonstigen Übereinstimmung im allgemeinen, sofort als noch nicht geglückte Ver-
suchsstücke ausweisen. Doch diese Tradition war nicht sehr wertvoll: sie beginnt erst
mit dem XIX. Jahrhundert. Was soll man aber wissenschaftlich mit einer solchen an-
fangen, bei der von ihrem etwaigen Ausgangspunkte an für uns weit über 100 Jahre
fehlen? Auch zeigen die Stücke alle keine Merkmale, die mit den Tschirnhausenschen
Porzellanversuchen irgendwie in Verbindung zu bringen wären, es sei denn ihre oft
sehr mangelhafte Glasur, die dem, was hierüber hinsichtlich seiner Erzeugnisse über-
liefert worden, entsprechen könnte. Doch hat inzwischen eine vor kurzem von der
Meißener Manufaktur vorgenommene chemische Untersuchuug festgestellt, daß diese
Stücke bereits echtes Porzellan darstellen, doch von einer Zusammensetzung, die selbst
Böttger noch nicht verwandt hat. Es sind Feldspatporzellane, wie wir sie jetzt fast
ausschließlich hersteilen, indes Böttger noch Kalkporzellane fabriziert hat. Auch findet
sich im Museum zu Kassel ein diesen ganz verwandtes Stück, das bereits bemalt ist,
doch in einem Stile, der ganz und gar an die Malerei französischer Weichporzellane
erinnert.

Nun ist aber vor etwa zehn Jahren zuerst aus Dresdener Privatbesitz eine
„Porzellandose“ im Kunsthandel aufgetaucht, die zunächst in der Sammlung Emden in Ham-
burg verschwand, jetzt dank der Veräußerung dieser in die Dresdner Porzellansammlung
gelangt ist. Diese Dose, eine Tabaksdose, aber zeigt merkwürdige Beziehungen zu
Tschirnhausen und seinen Arbeiten, so merkwürdige, daß eine Herstellung durch
jemand anders fast als völlig ausgeschlossen gelten kann. Damit hätten wir wirklich
ein Erzeugnis Tschirnhausenscher Porzellankunst vor uns, von dem wir auf seine
übrigen Arbeiten und überhaupt auf das Maß seines Könnens auf diesem Gebiete
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