Der Cicerone: Halbmonatsschrift für die Interessen des Kunstforschers & Sammlers — 1.1909

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Ausstellungen

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Das Thema ist der Mensch unter der Gewandung,
die bald als bloßes Ornament, bald als kunst-
volle Umspielung und Variierung der Körper-
motive auftritt. Das menschliche Gesicht ist
wieder auf seine ursprünglichen Elemente redu-
ziert, aber nicht im Sinne des Klassizismus, son-
dern in jenem der Gotik: Linie nicht um der
Linie willen, sondern wegen des Ausdrucks, der
darin schlummert. Daher das Zurückgehen auf
die christliche Mgstik und die Passionsgeschichte.
— Es fällt nicht schwer hierzu literarische
Parallelen zu finden. —

Auch das Künstlerhaus hat dem Franzosen-
tum ein Opfer gebracht. Theodule Ribots
eigenartiger Kunst ist ein ganzer Saal gewidmet,
der selbst in seiner starken Einseitigkeit eine
bedeutende Wirkung ausübt. Ribot ist ein Ein-
samer, den es zu ein paar alten Meistern hin-
zieht, in deren Art er malt, als habe er bei
ihnen im Atelier studiert. Ribera und Velazquez
sind seine wahren Lehrer. Er führt den Keller-
lichtstil Riberas mit einer solchen Treue und
Anhänglichkeit an dessen gesamte Äußerlich-
keiten und zugleich mit solcher Vertiefung fort,
daß man von dem prächtigen Musikantenbild
aus über die lebenswahren Porträts und die
Stilleben und Küchenstücke hin immer auf neue
Wunder des Einfühlungsvermögens dieses
Künstlers trifft. Ribots Kunst mag somit nichts
in die Zukunft Weisendes besitzen, aber in
sich ist sie voll von malerischen und Äusdrucks-
werten, die ihm einen großen inneren Wert auf
alle Fälle sichern.

Bei Fritz Gurlitt stellte ein Jüngerer aus,
dessen Entwicklungsgang zu eigenartig und doch
wieder zu typisch ist, um nicht das Interesse zu
fesseln: Karl Hofer. Vor ein paar Jahren war
es, daß ein weiblicher Akt von ihm, „Mädchen
mit Katze“, auf der Münchner Sezession inter-
essierte. Man bemerkte starke französische
Einflüße, anfängerhafte Unsicherheiten der Zeich-
nung, aber ein seltenes Vermögen der Tonemp-
findung und trotz dem scheinbaren Naturalismus
ein Etwas, das wohl nur als poetisches Empfinden
zu charakterisieren ist. Das sehr suggestive
Bild blieb mir lange Zeit im Kopfe; und obgleich
ich mittlerweile den größeren Teil der nicht um-
fänglichen, gewählten Ausstellung, darunter ge-
wiß vollendetere Kunstwerke als das Hofersche
Bild, vergessen hatte, sehe ich dieses noch heute
an seiner Stelle zu Eingang des drittletzten
Saales hängen. Der Künstler, der scheinbar
meistens im Auslände, und zwar überwiegend
in Paris gelebt hat, stellte nicht lange darauf
bei Schulte aus; und da in seinen Werken die
zeichnerische Unzulänglichkeit fortdauerte, so
mußten sich notgedrungen Bedenken erheben,

die man in München unterdrücken zu können
geglaubt hatte. Das Koloristische war dagegen
noch bestechender geworden, so sehr die aus-
schließliche Verwendung weniger silbriger Töne
und das matte, schwächliche Helldunkel mißfiel.

In den bei Gurlitt jetzt ausgestellten Bildern
erkennt man den Künstler zunächst — und hier
liegt die Enttäuschung — an den treulich fest-
gehaltenen Fehlerhaftigkeiten der Zeichnung,
dann erst an seinen positiven Eigenschaften
wieder. Er ist viel farbiger geworden, den
nackten Körper, das Hauptthema seiner Kunst,
behandelt er nicht mehr als tonige Einheit,
sondern zerlegt ihn nach Pariser Art in zahl-
reiche koloristische Parzellen. Das Resultat ist,
soviel muß ehrlicher Weise gesagt werden, kein
erfreuliches. Die Bilder sind zerquält, ihre Un-
mittelbarkeit hat empfindlich gelitten, und das
Suggestive der Wirkung ist dahin. Von einem
falschen Weg zu sprechen, den der Maler ein-
geschlagen, wäre übereilt; die farbige Reaktion
war eine Notwendigkeit, und die gesamte bei
Gurlitt versammelte Produktion trägt zu aus-
gesprochen den Stempel einer Übergangsphase,
als daß man sich bereits auf irgend ein Wert-
urteil gegenüber dem noch stark gährenden
Künstler festlegen könnte. Die unleugbare
starke Ursprünglichkeit seiner Begabung, die
auch in der neuen Metamorphose noch hervor-
tritt, rechtfertigt, daß man seiner Entwicklung
auch von dieser Stelle aus folgt und seinem
weiteren Schaffen mit hohem Interesse ent-
gegensieht. Hermann Voss.

e

HAAG -

Am 1. März wurde eine zum Besten der
Arbeitslosen veranstaltete Ausstellung von Anti-
quitäten, alten Möbeln, Teppichen usw., sowie
alten Gemälden aus Haager Privatbesitz in Gegen-
wart des Prinzen Heinrich der Niederlande feier-
lich eröffnet.

S

LEIPZIG — -

Die Stadt Leipzig veranstaltet zur Feier des
500jährigen Bestehens der Universität eine
„Universitäts-Jubiläumsausstellung“ in den Räu-
men des renovierten Alten Rathauses, deren
Dauer auf die Zeit vom 15. Juli bis 15. August
bemessen ist. Die Leitung der Husstellungs-
arbeiten liegt in den Händen der Direktion des
städtischen Kunstgewerbe-Museums, der ein
Arbeitsausschuß zur Seite steht. Das Programm
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