Der Cicerone: Halbmonatsschrift für die Interessen des Kunstforschers & Sammlers — 1.1909

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DER KUNSTMÄRKT

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VON DEN AUKTIONEN

DIE KUPFERSTICHSÄMMLUNG
LÄNNÄ

(Versteigerung in Stuttgart Mitte Mai)

Vom 11. bis 22. Mai dieses Jahres wird bei
H. G. Gutekunst der erste Teil der Kupferstich-
sammlung des Barons Adalbert von Lanna
aus Prag zur Versteigerung kommen. Es kann
wohl keinem Zweifel unterliegen, daß die zweite
größere Kupferstichauktion dieses Jahres die
erste, jene der Holzschnittsammlung Schreiber,
an Bedeutung erheblich übertrifft; denn im
eigentlichen Sinne des Wortes darf man sagen,
daß mit der Sammlung Lanna die letzte be-
deutende Privatsammlung aufgelöst werden
wird. Ich rechne dabei nicht zu Privatsamm-
lungen den vor Zersplitterung geschützten Be-
sitz alter Ädelsfamilien und auch nicht das eine
Ausnahmestellung beanspruchende auserlesene
Kabinett Baron E. von Rothschilds, sondern nur
jene großen von kunstsinnigen Privatmännern
mit liebevollem Verständnis zusammengebrachten
Kupferstichsammlungen, deren Schicksal es zu
sein scheint, nach ein oder zwei Menschenaltern
wieder in alle Welt verstreut zu werden. Dies
ist denn auch das Los der Sammlung Lanna.

Es wird viele geben, die erst jetzt ihre Be-
deutung und ihren Wert richtig kennen lernen
werden. Herr von Lanna hatte bereits 1895
durch einen Fachmann einen wissenschaftlichen
vornehm ausgestatteten Katalog seiner Kupfer-
stichsammlung verfassen lassen, um so einiger-
maßen Ersatz für ihre Unzugänglichkeit zu
bieten. Wenn es auch bei der Größe der ver-
hältnismäßig rasch zu bewältigenden Arbeit dem
Verfasser jenes Kataloges an der Zeit zu ein-
gehender Vertiefung und an Vergleichsmaterial
zu den nötigen Neubestimmungen fehlte, so
enthält dieses Verzeichnis H. W. Singers doch
manche neue Beobachtungen und Ergänzungen
unserer Handbücher, so daß ihm auch nach der
Auflösung der Sammlung ein bleibender Wert
nicht abzusprechen sein wird. Ihn ergänzend
kommt nunmehr der ebenfalls vortrefflich aus-
gestattete Auktionskatalog hinzu. Er enthält
nicht weniger wie 65 vorzügliche Lichtdruck-
reproduktionen seltener Blätter, und es verdient
hervorgehoben zu werden, daß auch sein Text

dank einer solchen Vorarbeit so zuverlässig und
fehlerfrei ist, wie man es sonst bei solch
ephemeren Arbeiten nicht gerade oft findet.

Vergleicht man beide Verzeichnisse, so wird
man zunächst mit Freude bemerken, daß von
den rund 10000 Nummern, die der Singersche
Katalog aufzählt, nur das Beste und Wertvollste
zur Versteigerung kommt. Alles Geringwertige,
das auch bei den bestgeleiteten Sammlungen nicht
ganz zu vermeiden, und alles Mittelgute, das
eigentlich nur dazu dient, das allgemeine Niveau
einer Sammlung herabzudrücken, ist mit Recht
fortgelassen. Da nun auch die Verzeichnisse
zeigen, daß seit der Veröffentlichung des Singer-
schen Kataloges keine wesentlichen Zugänge
zu verzeichnen gewesen sind, so trägt die
Sammlung, so wie, sie jetzt zur Versteigerung
kommt, noch ganz den Charakter jener Zeit,
der Neigungen und des feinen Verständnisses
ihres Besitzers deutlich aufgeprägt. Herr von

JAKOB DE GHEYN, Heinrich IV. von Frankreich
□ (Sammlung Lanna)
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