Der Cicerone: Halbmonatsschrift für die Interessen des Kunstforschers & Sammlers — 1.1909

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Äbb. 1. Behangmuster einer blaudekorierten Platte mit der Marke h

□ Straßburg, Kunstgewerbemuseum

Beiträge zur Geschichte der Straßburger Keramik

I. Die Änfänge der Fayence-Industrie

Von Ernst Polaczek

Durch die aus Akten geschöpften Veröffentlichungen von Tainturier1) und
Schlicker2) sind wir über die Vorgänge bei der Begründung der Hannongschen Manu-
faktur genau unterrichtet. Wir wissen, daß der eigentliche Initiator des Unternehmens
ein aus Änspadi zugewanderter J. H. Wachenfeld war. Er taucht 1719 in Straßburg
auf und gründet ein Jahr später mit dem seit 1709 hier ansässigen Tabakpfeifen-
macher Carl Franz Hannung eine „Porzellanfabrik“. Die Geschäftsgemeinschaft wird
schon im darauffolgenden Jahre gelöst, Carl Franz Hannung setzt den Betrieb zu-
nächst allein fort, begründet 1724 in Hagenau eine zweite Fabrik und übergibt diese
mit dem Straßburger Unternehmen zusammen im Jahre 1730 seinen beiden Söhnen
Paul Anton und Balthasar.

Aus einem 1729 datierten Preisverzeichnis, von dem noch ausführlicher die Rede
sein soll, geht hervor, daß die Produktion rasch zu bedeutendem Umfang und großer
Mannigfaltigkeit gediehen sein muß. Die Zahl der Formen und Größen ist sehr erheb-
lich, und doch gibt es kein einziges Stück, das sich etwa durch seine Marke als Arbeit
des Begründers der Manufaktur erweisen würde. Was ist in Straßburg und Hagenau
fabriziert worden, ehe der polychrome Blumendekor der Hannongs zu seiner tech-
nischen und künstlerischen Vollkommenheit und zu seiner fast unbedingten Allein-
herrschaft gelangt ist?

Brinckmann hat uns die Antwort hierauf gegeben. Mündlich und literarisch
hat er die Vermutung ausgesprochen, daß eine große Gruppe von Fayencen mit
blauem Behangmuster Erzeugnis der Straßburger Manufaktur sei; sie gehören, so
meint er, der Frühzeit — etwa den Jahrzehnten 1721 bis 1750 — an, gehen also dem
im allgemeinen für die Hannongsche Fabrikation charakteristischen Blumendekor zeitlich
voran“). Es gibt nun tatsächlich eine —• freilich nur sehr kleine — Zahl blaudekorierter

’) Tainturier, Hnciennes Industries d’Alsace et de Lorraine. Manufactures de porcelaine et
de fa'ience in der Zeitsdirift „Le bibliographe alsacien“, II—IV. 1865/67.

2) Sdiricker im Kunstgewerbeblatt 1891, 114.

») Jahresbericht des Hamburger Museums für Kunst und Gewerbe für 1907.
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