Der Cicerone: Halbmonatsschrift für die Interessen des Kunstforschers & Sammlers — 1.1909

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Die „modernen“ altkölnischen Gemälde

Von Wilhelm Bode1)

Meine erste Äußerung über die Frage der Echtheit gewisser Bilder der Kölner
Schule, über die das verdammende Urteil fast einstimmig gefällt worden ist, mag viel-
leicht voreilig erschienen sein, da ich nur aus allgemeinen Gründen und gestützt auf
die wenigen Bilder dieser Art in unserer Berliner Galerie mich aussprechen konnte.
Idi habe inzwischen Gelegenheit gehabt, auch die fraglichen Bilder in Nürnberg und
vor allem in Köln mir genauer anzusehen und kann meine Ansicht jetzt noch be-
stimmter dahin aussprechen, daß alle die als modern verdammten Gemälde, voran
das vielberufene Ältärchen der Madonna mit der Wickenblüte völlig echte Werke
weniger Kölner Werkstätten um 1425 sind, ja daß die meisten auch nicht einmal wesent-
lich übermalt sind. Die Madonna mit der Wickenblüte ist sogar trefflich erhalten und
ist und bleibt ein köstliches Meisterwerk der altkölner Schule. Alles ist an diesem
Ältärchen, am Mittelbild wie an den Flügeln und der Rückseite charakteristisch für
eine Kölner Arbeit des frühen fünfzehnten Jahrhunderts: Komposition, Empfindung,
Zeichnung, Färbung, Malweise bis zu dem Goldgrund und seiner gepunzten Musterung.
Nicht eine Stelle ist verdächtig, selbst nicht der eine kleine bis auf den Grund gehende
Riß in der Blüte, durch den der Verdacht gegen die Echtheit entstanden ist, der allmäh-
lich so riesenhafte Dimensionen angenommen hat. Solche Risse sollen nur auf neuen
Bildern Vorkommen, so behauptet man. Ja, wenn sie das ganze Bild oder einen
großen Teil desselben bedecken; aber warum sollen nicht auch bei einem alten Meister
ähnliche Risse an einzelnen Stellen Vorkommen? Sie kommen nicht selten vor, und
kommen gerade bei diesen primitiven Kölner Meistern vor, weil sie die helleren Farben in
den Schatten dick auftragen mußten, um ihnen die richtige Tiefe zu geben, nament-
lich Lackfarben. Bei einer ganzen Reihe verschiedenartiger altkölner Bilder im Kölner
Museum, in Berlin, in Nürnberg, im Privatbesitz ist dies der Fall. Die Annahme, daß
alle diese Stellen von einem und demselben oder von wenigen Kölner Restauratoren
des XIX. Jahrhunderts übermalt, oder gar die ganzen Bilder von ihnen gefälscht sein
sollten, eine Annahme, die ja jetzt schon in unserer Wissenschaft fast als unanfeditbar
zu gelten scheint, erinnert mich an eine „Entdeckung“ des bekannten Augenarztes und
Chemikers Dr. Liebreich-London. Ihm war die Veränderung des Grün in Blau auf
zahlreichen Bildern der älteren vlämischen Schule, namentlich auf den Fernen in den
Landschaften Jan Brueghels aufgefallen, die als Veränderung des Ultramarin unter dem
Namen die „Blaukrankheit“ bekannt ist. Er wollte diese chemische Veränderung nicht
gelten lassen, sondern erklärte, daß sie von den Übermalungen eines oder weniger
Restauratoren des neunzehnten Jahrhunderts herrühre, die in den Bildern ihre
Farbenempfindung zur Geltung bringen wollten. Den Einwand, daß solche Bilder von

') Obwohl dieser Beitrag erst nach Schluß der Redaktion eintraf, hielten wir es dodi für
angebradit, ihn mit Rücksicht auf die Aktualität der Frage sofort zu publizieren. Die Red.
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