Der Cicerone: Halbmonatsschrift für die Interessen des Kunstforschers & Sammlers — 1.1909

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Der Cicerone

Heft 18

WIEN - -:

Die Besetzung der beiden Lehrstühle für
Kunstwissenschaft an der Universität Wien ist
nunmehr definitiv erledigt und zwar in dem
Sinne, daß Prof. Dr. Josef Strzygowski, bis-
her in Graz, als Nachfolger von Riegl berufen
worden ist, während Prof. Max Dvorak den
durch Widkhoffs Tod frei gewordenen Lehrstuhl
einnehmen wird. Wien darf sidt zur Ernennung
zweier so erlauchter Gelehrten gratulieren. Sie
wird dazu beitragen, den hohen wissenschaft-
lichen Ruf gerade der Wiener kunstgeschichtlichen
Fakultät auch für die Folge zu erhalten.

DENKMALPFLEGE

VÄNDALISMUS ÄM NIEDERRHEIN

Die prächtigen Passionsgruppen, die mit dem
Kalvarienberg die Südseite des Xantener Domes
zieren, sind weit über die Grenzen ihrer Heimat-
stadt wohlbekannt. Sie verdienen ihren Ruf
mit Recht, denn sie gehören zum Bedeutendsten,
was die spätgotische Plastik des Niederrheins
uns schenkte. x) Um so mehr muß man bedauern,
daß diese kostbaren Denkmäler in ihrem Bestände
gefährdet sind, dadurch, daß sie vor einigen
Tagen in unverständlicher Weise mit einer
dicken Schicht von Ölfarbe überschmiert wurden.
Gleich als man mit diesem Barbarismus, anders
kann man es nicht nennen, begann, ging dem
jetzigen Pfarrverwalter ein ausführlich begrün-
dendes Schreiben des rheinischen Provinzial-
konservators zu, in dem auf die großen Gefahren
hingewiesen wurde, die ein solches Vorgehen
den Monumenten bringen mußte. Äls Antwort
gleichsam hierauf erschien am 4. September im
Xantener „Boten für Stadt und Land“ ein Ar-
tikel, der das Verfahren in Schutz nimmt und
sich auf das Schreiben des Provinzialkonservators
bezieht, jedoch die darin ausschließlich geltend
gemachten Bedenken gänzlich verschweigt. Statt
dessen ist die Abhandlung von großer Schärfe
durchsetzt gegen den, der den Provinzialkon-
servator auf die begonnenen Arbeiten aufmerk-
sam machte, während die breite Öffentlichkeit
diesem nur Dank wissen kann, daß er ein Übel

1) Vgl. P. deinen, Kunstdenkmäler der Rheinprovinz,
Kreis Mors, S. 100.— Stephan Beißel, die Bauführung des
Mittelalters 111 S. 43. — Bode, Gesell, d. deutschen Plastik,
S. 219 nebst flbb. — flus’m Weerth, Kunstdenkmüler
des Christi. M. fl. in d. Rheinlanden Tat. XIX.

zu verhüten suchte. Denn ein Übel ist das Ver-
fahren unbedingt. Künstlerisch ist es zu verur-
teilen, weil durch das Aufträgen von Farbschichten
alle Feinheiten der Details, die Arbeit des Meißels
und damit ein gut Teil von des Künstlers Per-
sönlichkeit dem Äuge entzogen werden. Die in
Frage stehenden Bildwerke waren nun zwar
schon früher einmal überstrichen worden, aber
das ist doch kein Grund, dieses Verfahren zu
wiederholen und die Sünde der Vergangenheit
zu vergrößern. Schlimmer sind aber die tech-
nischen Bedenken, die man erheben muß. Die
Farbe nimmt nämlich dem Sandstein, woraus die
Figuren gefertigt sind, die natürliche und für ein
gutes Fortbestehen des Materials notwendige
Porosität. Sie verbindet sich mit den oberen
Schichten des Steines und entzieht den darunter
liegenden das Bindemittel. Die unausbleibliche
Folge wird sein, daß nach einer kurzen oder
längeren Zeit die ganze Oberfläche der Skulptur
sich loslöst. Dies alles war dem Pfarrverwalter
mitgeteilt, der aber keine Notiz davon nahm.
Das Vorgehen des Xantener Kirchenvorstandes
muß um so mehr befremden, weil für den Dom
bisher aus provinzialen und staatlichen Mitteln
ungewöhnliche Beihilfen zur Verfügung gestellt
wurden. Eine Pflicht des Anstandes ist es da
wenigstens, und das war bei den jeweiligen
Bewilligungen auch ausdrücklich betont und zu-
gestanden worden, sidi in allen den Dom be-
treffenden künstlerischen Angelegenheiten vorher
mit den sachverständigen Organen der betref-
fenden Behörden in Verbindung zu setzen, die
ja zu Rat und Tat unverzüglich und in weitestem
Maße stetig bereit sind. Am 30. September
erhält Xanten einen neuen Pfarrer, und gerade
das Interregnum benutzt man bedauerlicherweise,
um manche anscheinend lang gehegten Pläne
unter dem Titel der Verschönerung auszuführen.
Hoffentlich ist in der Angelegenheit noch nicht
das letzte Wort gesprochen und wird man auch
hier, ähnlich wie damals in Dürboslar, ein
Exempel statuieren und eine Warnung geben,
daß die in kirchlichem Besitz befindlichen Kunst-
schätze nicht dem Kirchenvorstande und der
Gemeinde allein gehöre n, daß vielmehr die ganze
Öffentlichkeit ein Recht an solche Werke hat,
sicherlich, wenn sie einen so bedeutenden histo-
rischen und künstlerischen Wert darstellen wie
die Xantener Monumente. Die Entrüstung, die
sich bei allen berufenen Kreisen über den ge-
nannten Vandalismus geltend macht, ist nicht
gering. Dr. Heribert Reiners.

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