Der Cicerone: Halbmonatsschrift für die Interessen des Kunstforschers & Sammlers — 1.1909

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Das Mädchen von Änzio

Endlich nach langwierigen, zwei Jahre dau-
ernden Unterhandlungen ist die Statue des
Mädchens von Änzio in das römische Thermen-
museum überführt worden. Die Übergabe ge-
schah in Änzio am 10. Oktober unter ganz
besonders feierlichen Zeremonien. Der Unter-
richtsminister Rava hatte sich mit dem General-
direktor Ricci und dem Direktor des Thermen-
museums Panibeni eigens nach Änzio begeben,
wo in Gegenwart eines Notars die Übergabe
in der Villa Sarsina stattfand. Die Statue wurde
sorgfältig verpackt und auf einem von vier
Carabinieri begleiteten Lastwagen auf der Land-
straße nach Rom gebracht, wo sie im Thermen-
museum in einem eigens hergestellten Gemache
dem Publikum nächstens gezeigt werden wird.

Es ist nun an der Zeit, ein der weiteren
Öffentlichkeit unbekanntes Faktum in Kürze zu
erwähnen. Die Berühmtheit der Statue datiert
erst seit elf Jahren. Zwanzig Jahre lang blieb
sie ganz unbeachtet und sozusagen unbekannt.
Es war im März 1898 als dem Unterzeichneten
bei einem römischen Äntiquare unter vielen
Photographien auch die jener Statue ohne nähere
Ängabe in die Hände fiel. Gerade damals be-

fand sich mein Lehrer Professor Klein in Rom
und hatte kurz vorher sein Buch über Praxiteles
publiziert. In meiner Freude über die herrliche
Skulptur, deren Ursprung ich anfangs im Kreise
des Praxiteles suchte, brachte ich ihm die Pho-
tographie der Statue, ihm ihre Publikation über-
lassend. Seit der Publikation Kleins (Praxitelische
Studien S. 39 ff.) folgten dann die Veröffentlichun-
gen Ältmanns, Furtwänglers, Ämelungs und Loe-
wys und die Berühmtheit dieses Juwels antiker
Plastik wuchs immer mehr. Nie werde ich den Ein-
druck vergessen, als ich die Statue selbst zum
ersten Male am 7. Juli 1898 in Änzio im halbdunklen
Ätrium der Villa sah, und wie auf meine Frage,
ob nicht noch andere Fragmente der Statue da
seien, der guardiano der Villa nach längerem
Besinnen mich in seine Küche führte, wo er
unter der Kommode einen Eierkorb hervorzog,
den dichten Staub wegblies und darin zwei
Finger der göttlichen Skulptur und ein großes
Fragment des Tellers mit der Löwentatze und
der geheimnisvollen Rolle zum Vorschein kamen.
In einem solchen Zustande verwahrte man eine
der edelsten Schöpfungen des griechischen Genius!

Ludwig Pollak.

Die Neuordnung der Münchener alten Pinakothek

Seitdem Geheimrat von Tschudi die Leitung
der bayerischen Galerien übernommen hat, werden
die Blicke, die er einem Bilde außerhalb der
Pinakotheken gönnt, als Änkaufsabsichten ge-
deutet, die Veränderungen, die er in dem ersten
Vierteljahre seines Regiments in der alten Pina-
kothek hat vornehmen lassen, sogleich erregt
betrachtet und besprochen. Äufs dringendste
ist zu wünschen, daß die Arbeit, die Tschudi
mit der starken Initiative seiner Persönlichkeit
begonnen hat, und die bei aller verheißungs-
vollen Sorgfalt noch in den Anfängen steckt,
erst dann in ihrem Wert eingeschätzt werden
möge, wenn sie zum glücklichen Abschluß ge-
langt sein wird. Was bedeutet gegenüber der
Notwendigkeit, in der alten Pinakothek syste-
matisch zu räumen, die aufgeregte Konstatie-
rung, daß ein völlig übermaltes Bild des Guido

Reni einstweilen in das Depot gebracht worden
ist! Im Laufe des nächsten Jahres wird die
Umgestaltung der alten Pinakothek vollzogen
sein, und es ist im Sinne der ästhetischen
Ökonomie nur zu begrüßen, wenn die seit
langem geforderte Sichtung, zu welcher Reber
sich nicht hat entschließen können, durch Tschudi
ernstlich durchgeführt wird.

Auch über die angeblich erfolgten Ankäufe
von Tschudis kann doch ernsthaft erst be-
richtet werden, wenn sie abgeschlossen und
von der Kommission für die Ankäufe begut-
achtet sind. Bis dahin darf nur von inhalts-
losen Gerüchten die Rede sein, die allerdings
Hugo von Tschudi beweisen, wie sehr er im
Mittelpunkt der Aufmerksamkeit steht, und wie
froh wir Münchener sind, ihn gewonnen zu
haben. U.-B.
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