Der Cicerone: Halbmonatsschrift für die Interessen des Kunstforschers & Sammlers — 1.1909

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Ausstellungen s Entdeckungen

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Galerie Druet, in der über 60 Bilder des
Meisters zusammengetragen sind. Mit vieler
Freude sieht man bekannte Bilder wieder und
daneben zwei Dutzend unbekannte, die das
Bild dessen, der so kühn suchte, runden. Mit
Schrecken nimmt man wahr, daß zahlreiche
Gemälde van Goghs in den letzten Jahren sich
durch Äusbleichen sehr verändert haben. Eine
trübe Aussicht für die Zukunft, wenn dieser
Zerstörung nicht Einhalt geboten werden kann.
Das aber ist kaum zu hoffen, da die meisten
Biider mit Dekorationsfarben gemalt sind. Van
Gogh und seine Bilder gewähren den Blick auf
eines der tragischsten Künstlerschicksale aller
Zeiten. Selten sind Mensch und Künstler so
eins wie bei van Gogh; als Mensch und als
Maler war er eine Kämpfernatur. Eine heftige
Unruhe zuckt durch sein Leben und mit elemen-
tarer Kraft schlägt er sich durch. Das alles
spiegelt sich in seiner Malerei wieder. Von
Pissaro nahm er seinen Ausgang. Mit Seurat
arbeitete er zusammen. Monticelli fügte seiner
Kunst einen neuen Faktor hinzu. Aber er war nie-
mals einNachahmer. Er durchlebte jeden Moment,
dem er sich ergab, sah durch ihn hindurch und
entkleidete ihn aller Zufälligkeiten. In Millet
hatte er die Mittel zu einer schlichten Volks-
kunst gefunden, in Daumier die Vehemenz der
Pinselführung und in Monticelli den mit Juwelen
übersäten Reliefstiel, der aus der dicken Ver-
mischung der Farben auf der Leinwand ent-
stand. Aus diesen Elementen sind die wilde
Pracht seiner Linien und die feurige Glut seiner
Farben herausgewachsen.

In der Galerie Georges Petit hat die inter-
nationale Äquarellisten-Gesellscheft ihre dies-
jährige Ausstellung eröffnet.

Durand-Ruel, der seinen Ausstellungsturnus
noch nicht begonnen hat, plant für Dezember
eine Ausstellung des Aquarellisten Rene Binet
und für das Frühjahr 1910 eine Gemäldeaus-
stellung der Skandinavierin Anna Boberg.

Otto Grautoff.

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ENTDECKUNGEN

DIE NEUAUFGEDECKTEN WAND-
MALEREIEN DER NIKOLAIKIRCHE ZU
STRALSUND

Während die Restaurierung von S. M. de’
Frari in Venedig in ein wenig erfreuliches Sta-
dium getreten ist und auch in Italien die Ge-
müter gegen voreilige und leichtsinnige „Wieder-
herstellungsversuche“ empört hat, ist einer
nordischen Kirche soeben eine glänzende Reha-
bilitierung zuteil geworden, die uns für manche
Unbill ungeschickter und pietätloser Restaura-
toren entschädigt. Das imposante, der Lübecker
Marienkirche nachgebildete Innere der Nikolai-
kirche zu Stralsund war durch eine jener typi-
schen Äustünchungen der Nachreformationszeit
kalt und unbehaglich geworden. Gelegentliche
Untersuchungen förderten das überraschende Er-
gebnis zutage, daß die Kirche nicht nur (was als
natürlich erschien) früher teilweise ausgemalt war,
sondern daß die alten Wandmalereien fast völlig
intakt unter der weißen Tünche saßen. Die
möglichst gewissenhafte Wiederherstellung des
alten Zustandes war unter diesen Umständen
eine Schuld, zu deren Abtragung sich das
preußische Ministerium, die Provinz Pommern
und die nächst beteiligte Stadt Stralsund zu-
sammenschlossen.

Das Resultat der eben jetzt vollendeten Re-
staurierung übertrifft sicherlich alle Erwartungen,
die von den Beteiligten gehegt waren. Es zeigt
sich, daß die Ausmalung in ihrer Gesamtheit ein
ebenso wichtiges Denkmal für den gotischen Stil
und seine Art, Kirchenräume zu dekorieren, dar-
stellt wie die einzelnen Teile eine Bereicherung
unserer Vorstellungen von der Entwicklung und
Ausbildung des Stils der Malerei im XIV. Jahr-
hundert bedeuten.

In der Tat ist die Qualität des überwiegen-
den Teiles der Ausschmückung außerordentlich
hoch; einzelne Figuren sind von einer Feinheit
des Gewandwurfes, die unmitteibar an die be-
deutenden französischen Schöpfungen der Zeit
gemahnt, andere überraschen durch Eigenart der
Pose oder des Ausdrucks. Das Schema der Aus-
malung ist etwa folgendes: an den Pfeilern des
Mittelschiffes Darstellungen (als abgeschlossene
„Bilder") unten, stehende männliche Gestalten in
großen Abmessungen oben, und zwar so, daß
die Köpfe (in plastischer Ausführung) sich in die
Kapitelle einfügen und die Verwendung ver-
schiedenfarbiger Tuche auf den beiden Körper-
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