Heidelberger Volksblatt — 4.1871

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heute noch; ſie treibt mich ja fort! - Aber was hat
ſie denn gemacht mit mir, mit meinem Schädel?" -
Er befühlte ſich den Kopf. - "Behext hat ſie mich; -
hm, wollte ſie das vielleicht? - Hat ſie gemerkt, daß
ich in ihrem Netze liege, und die Schlingen feſter zu-
ſammenziehen wollen? - Leichtfertig mag ſie wohl et-
was ſein; das wußt' ich damals ſchon, als ſie den pei-
ßen Bandelieraboruck da hatte, wo jetzt mein Mund
lag; und daß ſie ſich ſogleich darein ergeben hat in
das Verhältniß mit dem Jungen: das iſt auch kein Be-
weis ihrer Tugend. - Was iſt ſie denn, bei'm Lichte
beſehen, anders als ſeine - - Hm, wenn ich nur
kecker wäre, dann würd' ich's ja bald erfahren, ob ſie
es wirklich angelegt hat auf mich. - Angelegt? - Al-
ter Geck!" fuhr er ſich an. "Dieſes junge, blühende
Weih ſollte es angelegt haben auf dich, du lebendige
Mumie? - Jch muß fort, ſonſt werd' ich verrückt!
Jch muß und will fort!"
Gottholde kam lange Zeit nicht zum Vorſchein; als
ſie gegen die Mittagszeit eintrat, fand ſie den Vater
beſchäftigt, Geld zu zählen. "Mein Liebchen," hub er,
ohne aufzublicken, an, "ich muß - verreiſen auf einige
Zeit - nach Breslau."
"Verreiſen? - Sie? wann? - warun?" frug Gott-
holde erſchrocken. Der Alte antwortete, ohne ſich im
Zählen zu unterbrechen: "Habe Geſchäfte, mein Engel-
chen; das baare Geld nimmt ab; ich will - Waizen
verhandeln." - "Waizen verhandeln? - kann das
denn der Wirthſchafts-Verwalter nicht?" wandte Gott-
holde ein. - Der Papa ſchüttelte den Kopf. "Rein,
mein Lämmchen, Geſchäfte von ſolchem Belang kann
man Fremden nicht wohl zutrauen; zudem -" -
Gottholde fiel ihm in's Wort: "Vater, lieber, theurer
Vater, Sie dürfen nicht reiſen! Sie ſind ja krank; und
- ſehen Sie, wie der Wind die Schneeflocken wirbelt.
Kann das Geſchäft nicht aufgeſchoben werden, nun, ſo
mag Anton reiſen. - Soll ich ihm rufen? Wollen Sie
es ihm ankündigen?"
Die Mundmuskeln des Alten bewegten ſich, als pul-
ſirten ſie; er ſann ein paar Augenblicke ſchweigend, dann
hub er etwas zögernd an: "Anton ſoll ich ſchicken? -
und Du - Du gedenkſt vielleicht - mit ihm zu rei-
ſen?" - "Väterchen!" rief Gottholde, "wie könnt' ich
Sie verlaſſen? ich würde ja keine ruhige Stunde haben
ohne Sie. Entweder warteu Sie beſſeres Wetter und
Jhre Herſtellung ab, oder Sie übertragen das Geſchäft
Anton. Jetzt laſſ' ich Sie nicht reiſen."
War es die Bangigkeit der Erwartung, was Gott-
holde antworten werde, geweſen, die vorhin die Geſichts-
muskeln des Greiſes bewegt hatte, ſo war es jetzt die
Maaßloſigkeit ſeines Entzückens über die empfangene
Antwort, was ihm aus den Augen ſprühte und ein
leichtes dämoniſches Spiel mit ſeinen Pulſen und Ner-
ven trieb. "So wahr der allmächtige Gott lebt, ſie
hat dich lieber, als ihn! frohlockte, wie ein Stimmen-
Chor in einem Jrrenhauſe, ſeine Seele mit tauſend
neugeborenen Zungen, während er mit erkünſtelter Ruhe
erwiederte: "Nein, mein Engel, ich kann nicht warten;
ich brauche Geld; ſag' es alſo Blottmer, daß er ſich

fertig mache zu ſeinem Probeſtück. Er muß aber mor-
gen früh um acht Uhr in Breslau ſein."
Die junge Frau ließ etwas das Köfpchen hängen,
und im Stillen den Wirbelwind beſeufzend, der die Flo-
cken kreiſelte, erwiederte ſie: "Jch werd' es ihm ſagen,
lieber Vater;" doch kaum hatte ſie es geſprochen, als
die Thür ſich öffnete und Blottmer eiutrat. Der Papa
erſchrack; er fürchtete, jetzt ſelbſt zu den verabredeten
Eröffnungen ſchreiten zu müffen, aber glücklicherweiſe
kam Gottholde ihm zuvor. "Denke, Anton," eilte ſie
dieſem entgegen, "der Vater iſt unwohl, er hat ſich er-
kältet, und dennoch will er nach Breslau fahren, um
Waizen zu verkaufen, weil er Geld braucht; da hab'
ich Dich vorgeſchlagen; nicht wahr, Du fährſt nach
Breslau?"
"Jch, unter allen Umſtänden, aber nur nicht, wenn
der Vater krank iſt," fiel der Jüngling ein; aber nun
faßte der Alte Muth, bewies ihm die Nothwendigkeit, den
hohen Waizenpreis benutzen zu müſſen, bevor derſelbe
falle, und beruhigte ihn über ſein Beſinnen durch die
Heiterkeit, die er an den Tag legte, und durch die Eß-
luſt, mit welcher er bei dem Mittagsmahle Gottholdens
Kochkunſt die gebührende Ehre widerfahren ließ, ſo bün-
dig, daß der Sohn in den väterlichen Willen ſich er-
gab und morgen ſein Probeſtück auf dem Breslauer
Getreidemarkt abzulegen verſprach. Papa lehrte ſein
letztes Glas auf gute Verrichtung, nahm ſeinen Ruhe-
platz auf dem Sopha ein und ſah, nun erſt wieder das
Geſicht verlängernd, dem Arm in Arm ſich zurückziehen-
den Paare nach. - Nicht lange ließ ſein grillenhecken-
der Dämon ihn ruhen; es war keine Zeit zu verlieren
in den kurzen Tagen, den Waizen aufmeſſen zu laſſen,
der nach Breslau verfahren werden ſollte, und ſtatt an
den Waizen zn denken, ſteckte der Junge da drinn und
verkoſ'te die flüchtigen Stunden; es war durchaus noth-
wendig, ihn auf den Speicher zu treiben; und nachdem
der Papa noch einigemale unſchlüſſig ſich umher gewälzt
hatte auf dem ihm untergeſchobenen Daunenbette, ſtand
er auf, um den Säumigen von ſeinem Roſenlager auf-
zujagen. Er ſchlich der Thür zu und lauſchte: kein
Athemzug war hörbor; er bog ſich zum Schlüllelloche
nieder; aber Blottmer war nicht im Zimmer; Gottholde
war allein; ſie ſchrieb, - jetzt legte ſie die Feder hin
und ſchlüpfte zur andern Thür hinaus. - Was mag
ſie ſchreiben? frug ſich der Alte, drückte leiſe auf den
Drücker und die Thür gieng auf. Er trat ſchüchtern
hinein, blieb ein paar Secuuden lang vor dem Bette
ſtehen und ſchlich dann an den Schreibtiſch; mehrere
Briefe lagen darauf; ſie waren an Gottholdens Schwe-
ſtern, theils ſchon vollendet, theils noch ungeſchloſſen.
Er nahm den einen und las:
"Laß alle Sorge um mich fahren. Der Mann, in
deſſen Hände Gott mein Schickſal gelegt hat, iſt ein
Engel; es giebt keinen Zweiten auf Erden, der ihm
gleiche! Dieſe Liebe, dieſe Sorgfalt für mich iſt eines
Dankes werth, der meine ganze Seele ausfüllen mnß,
wenn ich mir uicht ſelbſt verächtlich werden will. Jch
darf und will nichts Anderes fühlen, als Liebe und
Verehrung für ihn. Wenn Jhr ihn ſähet, wie ich ihn
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