Heidelberger Volksblatt — 4.1871

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Golltblan.

Nr. 12.

Samſtag, den 11. Februar 1871.

4. Jahrg.

Erſcheint Mittwoch und Samſtag. Preis monatlich 12 kr. Einzelne Nummer à 2 kr. Man abonntrt in der Druckerei, Schiffgaſſe 4
und bet den Trägern Auswärts bei den Landboten und Poſtanſtalten.

Die zwei Brüder.

(Aus dem Engliſchen überſetzt von H -m - r.)

(Schluß.)

Durch dieſen Anblick und durch eine ihm ſo theure
Stimme erſchüttert, ſah er ſich genöthigt, ein unwill-
kührlicher Zuhörer ihrer Unterredung zu werden.
Suſanne ſprach zuerſt: Eduard, ſagte ſie, ich muß
Dich recht ſehr bitten, allen Deinen Einfluß auf- mei-
nen Vater zu benutzen, um noch neuen Aufſchub unſe-
rer Heirath zu erlangen; er beſchuldigt mich der Lau-
nenhaftigkeit, und ich fürchte, Du wirſt eben ſo denken,
allein ich hoffe, daß das, was ich jetzt Dir anvertrauen
will, gewiß Deine vorgefaßte Meinung ändern wird.
Lange laſtete dies Geheimniß auf meiner Seele, und
obſchon ich vielleicht Unrecht thue, es jetzt zu offenba-
ren, ſo treibt mich doch die Furcht, noch ſtrafbarer zu
handeln, zu dieſem Bekenntniß. Dir, ſowie überhaupt
meinen übrigen Freunden, biieb es uubekannt, daß ich
Robert liebte. (hier fuhr Eduard auf) Lange hatten
wir den wechſelſeitigen Bund insgeheim geſchloſſen, aus
Furcht, mein Vater würde nie unſere Liebe genehmigen.
An dem verhängnißvollen Tage, wo durch ſeine Unvor-
ſichtigkeit Dein Leben gefährdet wurde, eilte er zu mir,
entdeckte mir ſeine Schuld und ſein Vorhaben, ſich, um
ſoviel möglich Dir einen kleinen Erſatz zu geben, für
Dich ein uſtellen. Wir trennten uns, nachdem ich feier-
lich verſprochen hatte, mich ohne ſeine Einwilligung
mit keinem Andern zu verbinden. Das Kreuz, das ich
beſtändig an mir trug, gab ich ihm zum Unterpfand,
eher nicht zu heirathen, als wenn er mir daſſelbe, als
Zeichen der Aufhebung meines Gelübdes, zurückſenden
würde.

opferung mit dem Verluſte ſeiner Geliebten lohnen!
Nein! nimmer! Obſchon ich Dich auch mehr als mein
Leben liebe! Die Hälfte meines Vermögens habe ich
nur für ihn aufbewahrt. Von nun an werde ich der
Beſchützer ſeiner Liebe ſein, und mit Freuden würde
ich, wenn wir ſo glücklich ſein ſollten, ihn hier wieder
zu ſehen, die Schuld meiner Dankbarkeit ihm abtra-
gen, und mein Glück nur in dem Eurigen finden.
Eduard! rief Suſanne empfindlich aus: Du haſt mich
mißverſtanden; nur Mitleid und ſchweſterliche Liebe
fühle ich für Deinen Bruder: ich würoe ja ungerecht
gegen Dich und mein eignes Gefühl handeln, wenn ich
Dir nicht offen eingeſtände, daß Dein lang geprüfter
Werth und Deine treue Liebe den Vorzug erhalten ha-
ben. Wie es ſcheint, hat Robert mich vergeſſen; doch
wenn er hier wäre, würde er ſelbſt meine getroffene
Wahl für gerecht anerkennen.
Nachdem Eduard Suſannen zärtlich für den Beweis
ihrer Liebe gedankt, ſetzte er hinzu, welches Glück auch
am Ende Robert noch bevorſtehen möge, würde er, ſo
lange man keine Gewißheit über das Schickſal ſeines
Bruders habe, weder ihr noch ſein Gewiſſeu durch ih-
rer beider Heirath belaſten. Er entfernte ſich hierauf,
um ihren Vater von dieſer genommenen Rückſprache
zu unterrichten, und Suſanne blieb allein zurück.
Alle die verſchiedenartigen, durch dieſe Unterredung
aufgeregten Gefühle Roberts löſten endlich ſich in Be-
wunderung und Dankbarkeit über das Benehmen ſei-
nes Bruders aus; oft war er dem Punkte nahe, ſich
in deſſen Arme zu ſtürzen, um ihm für ſeine großmü-
thige Liebe zu danken, allein ihn hielt die Betrachtung
zurück, daß, ſobald er ſich ihm zu erkennen gäbe, dies
nur Eduarden zu einem nutzloſeu Wettſtreit des Edel-
muths hinreißen und ſeine eigene gute Abſichten verei-
teln würde; aus Suſannens eignem Munde hatte er
vernommen, daß ſie Eduarden den Vorzug gäbe; er
beſchloß daher, ſo bitter auch für ihn das Opfer ſein
möchte, wenigſtens beide glücklich zu machen. Sein
Entſchluß ſtand feſt und zu deſſen usführung ſich ſelbſt
ermannend, trat er, im Vertrauen, daß acht Jahre
lang erduldete Mühſeligkeiteu und Kummer, unterſtützt
von der Abenddämmerung, ihn unkenntlich machen
würden, in die Laube ein.
Bei dem Ton ſeiner Stimme ſchreckte Suſanne auf,
und während ſie ihn ſehr genau betrachtete, wähnte
ſie, ihre Phantaſie habe ein Geſpenſt hervorgerufen,
oder der abgeſchiedene Geiſt ihres Geliebten ſei wirk-
lich erſchienen, um ſie des Treubruches zu bezüchtigen.

Und nun überlaſſe ich es Deinem Herzen und
Deinem Ehrgefühle, zu entſcheiden, ob ich mich als frei
betrachten dürfe?
Sicherlich nicht! rief Cduard mit Wärme. Ha!
warum liebe Suſanne, vertrauteſt Du mir nicht frü-
her dieſes Goheimniß? Du würdeſt manche Zudringlich-
keit Dir erſpart haben; nie würde ich ſelbſtſüchtig ge-
ſucht haben, mein Glück auf ſeine Koſten zu begrün-
den. Armer Robert! ſollte ich ſeine edelmüthige Auf-
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