Heidelberger Volksblatt — 4.1871

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Nr. 11.

Mittwoch, den 8. Februar 1871.

4. Jahrg.

Erſcheint Mittwoch und Samſcag. Preis monatlich 12 kr. Einzelne Nummer à 2 kr. Man abonnirt in der Druckeret, Schiffgaſſe 4
und bet den Trägern. Auswärts bei den Landboten und Poſtanſtalten. *

Die zwei Brüder.

(Aus dem Engliſchen überſetzt von H - m - r.)

des Gegenſtandes ihrer Liebe zu ſchämen; und was
kann für ein weibliches Gemüth ſchmerzlicher ſein, als
wenn ſie den Manu ihrer Wahl von allen denen, auf
deren Urtheil ſie einen vorzüglichen Werth ſetzt, geta-
delt und verachtet ſieht, wenn auch noch dazu ihre ei-
gene Vernunft trotz des Sprichworts: "die Liebe iſt
blind" ihr ſagt, daß dieſes Urtheil nicht grundlos ſei.
Der angelegentlichſte Wunſch ihres Vaters war, ſie
zu verheirathen - ſie befürchtete aber, daß er, gegen
Robert zu ſehr eingenommen, nie in eine Verbindung
mit dieſem einwilligen würde. Unter allen ihren An-
betern, deren ſie viele hatte, zeigte ſich Eduard am
meiſten ergeben, er war faſt immer um ſie, und hatte
ganz den Beifall ihres Vaters, theils, weil dieſer das
Wohlwollen ſeiner Tochter für denſelben kannte, theils,
weil er deſſen edelmüthigen Character ſchätzte und mit
Recht glaubte, daß ſie ihn allen ihren Bewerbern vor-
ziehen würde; denn ihre Neigung zu Eduard ſtand nur
jener für deſſen Bruder nach, und dieſer Vorzug ent-
ſprang vielmehr aus Mitleid, als aus eigener Billigung.
Während nun die Liebenswürdigkeit Eduards, ſein zart-
ſinniges Betragen und deſſen untadelhafte Aufführung
ihn allen ſeiuen Umgebungen täglich werthvoller mach-
ten, mußte Suſanne bei reiferem Urtheil ſich ſelbſt ge-
ſtehen, daß er ihrer Achtung und Liebe würdiger, als
deſſen ungeſtümer, mißleitiger, obſchon edelmüthiger
Bruder ſei, ſie mußte fühlen, wie wenig in Berbindung
mit ſolch heftigem Character eine Frau auf künftiges
Glück hoffen könne; und ſo wendete ſich beinahe un-
willkührlich ihr Herz Eduarden zu, ungeachtet ſie ſich
an das Roberten geleiſtete Verſprechen noch immer un-
widerruflich gebunden hielt.
Sechs Jahre waren nun verfloſſen, ſeitdem er die
Heimath verlaſſen hatte, und noch blieben ſeine Be-
kannten ohne irgend eine Nachricht von ihm. Sein
Vater war indeſſen gebrocheuen Herzens über deſſen
Aufführung und aufgebraht über ſein gefühlloſes Ent-
weichen geſtorben, nachdem er ihn vorher enterbt und
das ganze Vermögen Eduarden vermacht hatte. Seinen
letzten Willen und noch einige beſondere Verfügungen
für den Fall, wenn Robert zurückkehren ſollte, hatte
derſelbe der Sorgfalt ſeines alten Freundes Grantley
anvertraut. Dies Letztere ſchien zwar wen Wahr-
ſchennichkett für ſich zu haben, indem es einſtens wirk-
lich veraaitet hatte, als habe er bei einem am Spiel-
tiſche entftandenen Streit das Leben eingebüßt. Su-
ſannens und Eduards gutes Herz widerſprach aber die-
ſem Gerüchte, und da dieſe Nachricht auch nicht von

Unterdeſſen litt Eduard an Leib und Seele. Durch
einen geliebten Bruder verwundet nnd um ſein Ver-
mögen gebracht, was konnte ihm ſür die Zukunft übrig
bleiben, als Elend und Mangel. Von der Furcht vor
Letzterem ward er jedoch ganz unerwartet befreit. Am
Morgen nach dem ihm zugeſtoßenen Unfall ward ihm
ein Päckchen, das hundert Pfund enthielt, gebracht, und
auf welchem blos die wenigen von einer ihm unbekann-
ten Hand geſchriebenen Worte: "An Hrn. Eduard Long-
ſield," ſich befanden. Vergebens bemühte er ſich, zu
errathen, von wem ihm zur rechten Zeit dieſe Hülfe
geſendet worden ſein möchte: von Robert, deſſen jetzi-
ger Geldmangel ihm am beſten bekannt war, wußte er
wohl, daß dieſer ihm keines ſchicken konnte; ſeine Ver-
muthung fiel daher auf ſeinen Vater: allein dieſer
wollte nicht das Geringſte davon wiſſen, und deſſen
Wort durfte nie bezweifelt werden. Eduard blieb daher
über ſeinen Wohlthäter um ſo mehr im Dunkeln, als
Pachter Aſchby, der aber aus Schaam ſeiner Feigher-
zigkeit ſich wohl hütete, etwas von ſeinem Verluſte be-
kannt zu machen, am beſten das Räthſel hätte löſen
können.
Nachdem Eduards Wunde zwar geheilt war, ſein
linker Arm aber ſür immer unbrauchbar blieb, verfügte
er ſich zum Bürgermeiſter des Orts, um ihm ſeine
Dienſtunfähigkeit anzuzeigen. Zu ſeinem größten Er-
ſtaunen erfuhr er nun hier, daß ein Stellvertreter be-
reits ſich freiwillig für ihn gemeldet, und vor vierzehn
Tagen zu ſeiner Beſtimmung abgegangen ſei.
Diesmal war ſein erſter Gedanke ſein Bruder. Nur
allein Robert, dies fühlte er, konnte eines ſo großmüthi-
gen Opfers fähig ſein, allein da ihm deſſen Liebe zu
Suſannen unbekanut war, konnte er die ganze Größe
dieſer Aufopferung nicht ermeſſen. Manche Zeit ging
indeſſen vorüber, aber von Robert hörte man nichts:
Gram über ſeine Abweſenheit, und die unglücklichen
Verhältniſſe, unter welchen ſie ſich trennteu, nagten
ſchmerzlich an Snſannens Geüth. Mit ihm war ſie
feierlich verlobt, doch durfte ſie es nicht lant bekene;
ſie liebte ihn aufrichtig, doch hatte man ſie belehrt, ſich
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