Heidelberger Volksblatt — 4.1871

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helllekſſ Egkltt.


Nr. 46.

Samſtag, den 10. Juni 1871.

4. Jahrg.

Erſcheint Mittwoch und Samſcag. Preis monatlich 11D kr. Einzelne Nummer à 2 kr. Man abonnirt in der Druckerei, Schiffgaſſe 4
und bei den Trägern. Auswärts bei den Landboten und Poſtanſtalten.

Eine Redoute.

(Eine Erzählung.)

(Schluß.)

Ausrufungen des Beiſalls. Nun eilten ſechs ſchlanke
Waldnymphen herbei und bildeten Dianens Gefolge.
Ein hochgewachſener, ſchöngeſtalteter Aktäon wollte ſich
dieſem Zuge anſchließen, ward aber von den Nymphen
lachend und ſpottend zurückgewieſen. Mollys Herz er-
kannte in ihm den Oberförſter.
Die Neuheit und der Reiz dieſes Vergnügens ver-
fehlten ihre Wirkung auf Molly nicht. Der Anblick der
bunten Traumwelt - der Zauber herrlicher Tanzmuſik
- das Bewußtſein der Nähe und des Schutzes gelieb-
ter Perſonen - ſtimmten die Unſchuldige zur liebens-
würdigſten Fröhlichkeit. - Dianens Nymphenchor
ſchwang ſich im raſchen Walzer und die von demſelben
verlaſſene Göttin, welche dieſen Tanz ausgeſchlagen
hatte, lächelte freundlich dem Hirſchkopf des Aktäon zu,
der jetzt von den neckenden Nymphen nicht abgehalten
wurde, ſich der Holden zu nähern. - "Schöne Diana!"
ſagte er feurig: "Dein Zürnen raubte mir einſt die
Menſchheit - dein Lächeln macht mich heute zum Gott!"
Es ſchlug zwölf. Die anweſende Polizeiperſon kün-
digte an, daß man ſich demaskiren ſolle. Die Larven
ſanken - und die Amtsräthin, eine der muthwilligen
Nymphen, ſchloß Molly-Dianen freudetrunken in ihre
Arme. Aktäon ward zum Oberförſter. Er benutzte den
erſten ungeſtörten Augenblick, dem Mädchen das lie-
bende, verlangende Herz zu öffnen und bat mit inni-
ger Offenheit und mit der Kürze des ſich ſeines Wer-
thes wahrhaft bewußten Mannes um die kleine Hand,
welche ſo ſanft Wunden zu verbinden verſtehe. - Die
ſüße Verwirruug, in welche die überraſchte Molly durch
dieſen Antrag verſetzt wurde, ſprach zum Vortheil des
Drängers, der an den Syndikus gewieſen ward. Ge-
nug - unſere jungfräuliche Göttin fuhr als Braut nach
Hauſe.
Am folgenden Morgen ließen ſich die Amtsräthin
und der Oberſörſter bei dem Syndikus melden, und
Molly - dem Oheim das Frühſtück darreichend - er-
glühte und zitterte ſo heftig, daß die Taſſe klirrte. -
Die Gemeldeten wurden angenommen und der Ober-
förſter trug, unterſtützt von der wohlredenden Schwe-
ſein Anliegen vor. Der alte Mann verbarg ſeine Rüh-
rung hinter einem komifchen Ausfall. "Ei, ei!" ſagte
er, "das geht ſehr raſch! Nach jedem Maskenball ein
Freier! wenn ich mehrere Töchter hätte, und ſie an
den Mann zu bringen wünſchte, ſo dürfte ich ſie ja nur
auf die Redoute ſchicken, um meinen Zweck zu errei-
chen. Jſt dieſer Erfolg als der allgemeine anzuneh-
men, ſo begreife ich nicht, warum die Maskeraden nicht

Am Tage vor dem beſtimmten Maskenball fiel es
Molly ein, den Jnhalt des ihr von der Amtsräthin ge-
ſchenkten Päckchens in Augenſchein zu nehmen. - Manche
meiner Leſerinnen werden es vielleicht ſehr unwahr-
ſcheinlich und ganz unvereinbar mit der dem weiblichen
Geſchlecht angeſtammten Neugierde finden, daß dies
nicht früher geſchah; allein - ſo oſt auch Molly im
Begriff war, das kleine Geheimniß zu entſiegeln, ſo
ward ſie doch immer durch eine ihr ſelbſt unbegreif-
liche Scheu davon zurück gehalten. -
Jetzt aber öffnete ſie das dichtverhüllte Päckchen.
Ein ſchönes ideales Gewand ſtellte ſich ihren überraſch-
ten Blicken dar, und als Molly jedes Stück deſſelben
- die niedlichen Sandalen, das weißſeidene Unterkleid,
das Oberkleid von grünem mit Silber geſticktem Flor,
den Kamm mit der ſchimmernden Mondesſichel, den
Köcher mit feingeſpitzten Pfeilen, den Bogen von Eben-
holz, das kleine vergoldete Hüfthor am ſilbernen Bande
- betrachtet hatte, konnte ſie nicht zweifeln, das es
das Gewand der Diana ſei. - "Alſo die Göttin der
Jagd!" lispelte ſie ſtill für ſich, und ein flüchtiger Ge-
danke an den Oberförſter überzog ihre zarten Wangen
mit dem Karmin der holdeſten Schaam.
Der letzte Februar erfchien endlich. - Mollys Ban-
gigkeit vermehrte ſich mit jedem Glockenſchlage. Das
Licht des Tages machte dem Schatten der Dämmerung
Raum, und Molly kleidete ſich nun - obgleich zitternd
- an. Die Amtsräthin mußte in genauer Gemein-
ſchaft mit den Grazieu und Halbgöttinnen ſtehen, denn
dieſer Anzug ſchien von den Himmliſchen ſelbſt ange-
ordnet zu ſein, und Molly erbebte - freudig erſchrocken
- faſt von ihrer eigenen Schönheit. Der Syndikus
prallte drei Schritte vor dem herrlichen Götterbilde,
in welches ſeine kleine anſpruchloſe Molly ſo plötzlich
verwandelt war, zurück, und Julie konnte ſich einer
Negung des Neides unmöglich erwehren. - Jetzt fuhr
ein Wagen vor. Ein Bedienter in prächtiger Livree
erſchien und meldete, er habe Befehl, das Fräulein
abzuholen. - Molly ſtieg ein. Bebend trat ſie in den
hell erleuchteten Redoutenſaal. - Aller Blicke richteten
ſich auf die wunderniedliche Maske; man hörte laute
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