Heidelberger Volksblatt — 4.1871

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Nr. 58.

Samſtag, den 22. Juli 1871.

4. Jahrg.

Erſcheint Mittwoch und Samſeag. Preis monatlich D kr. Einzelne Nummer à 2 kr. Man abonnirt in der Druckerei, Schiffgaſſe 4
und bei den Trägern. Auswärts bei den Landboten und Poſtanſtalten.

Die Roſe und das Schaffot.

Forſetzung)

Rechne auf mich; allein ich kann nicht umhin, Blanka
vor das Revolutionstribunal zu ſtellen.
Was höre ich? rief Marceau erſchrocken; kannſt
Du nicht bei Deiner Allmacht hierin, das Urtheil auf-
ſchieben?

ſechs Tagen bin ich wieder da. - Jch erwarte Dein
Wort.
Du ſollſt es haben, General, aber ſechs Tage -
von der Stunde an, die in dieſem Augenblicke ſchlägt,
fügte Carrier hinzu, nach der Seite deutend, wo die
Uhr in langſamen, ernſten Tönen Mittag anzeigte: -
nicht eine Stunde mehr, ſage ich Dir. Wenn Du fünf
und zwanzig, oder nur zehn Minuten ſpäter kommſt,
wird zwiſchen Dir und Blanka von Beaulieu der un-
bekannte, aber unermeßlich gedachte Raum ſein, wel-
cher das Leben von der Ewigkeit trennt. Jch wieder-
hole Dir's, eine Militärkommiſſion ſpricht nie los.
Jn ſechs Tagen, genau genommen, bin ich hier -
oder todt.
Marcea lief nach dem Gefängniß, worin ihm der
Schließer de Eingong verweigern wollte. Jch bin der
Obergeneral der Weſtarmeen, rief er mit ſtarker Stimme,
worauf man öffnete. Das Arreſthaus, worin Blanka
verwahrt wurde, war ein ehemaliges Kloſter; die
Frauenzimmer befanden ſich in einem, hinten im Gar-
ten gelegenen Gebäude, was ſonſt das Penſionariat
hieß, weil es wirklich Penfionäre bewohnten. Jede
Gefangene hatte eine eigne, kleine Zelle, die ein
einziges, ſtark vergittertes Fenſter erhellte, was aber in
einen ſchönen Garten ging. Man könnte denken, daß
die damaligen Tyrannen ihren Gefangenen die Ausſicht
auf dieſes reizende Fleckchen geſtatteten, um ſie die
Freiheit deſto mehr vermiſſen zu laſſen. Eine barba-
riſche Sorgfalt zeigte ihren Augen die ſüßduftenden,
buntfarbigen Blumen, damit den Unglücklichen der Ver-
luſt eines Lebens noch empfindlicher würde, deſſen Ju-
gend und gefühlvolles Weſen die Geſchenke einer ſchö-
nen Jahreszeit entzückten. Auch ſah man ſie ſortwäh-
rend an den Gittern; - ihr Aufenthalt war ſo klein
und das Auge trägt die Gedanken ſo weit.
Jm Angenblicke, wo Marceau, quer durch den Gar-
ten gehend, dem Hauſe näher kam, ließ ſich an einem
Fenſter deſſelben ein durchdringender Schrei hören.
Der General ſah in die Höhe, es war Blanka, vor de-
ren Geſicht die neidiſchen Eiſenſtäbe ſich kreuzten. Man
kann denken, mit welcher Schnelligkeit der noch übrige
Weg zurückgelegt wurde. Ein gefühlloſer Kerkermeiſter
war dem Helden der Vendee gefolgt, er drehte den
Schlüſſel im Schloſſe.
Sie verlebten eine glückliche Stunde des Wiederſe-
hens und fanden keine Worte, um ihre Freude und
zugleich ihren Schmerz auszudrücken. Nur mit Mühe
gelang es dem General, die Jungfrau zu beruhigen;

Jch vermag Alles, wenn die Rede vom Verdammen
iſt, mein lieber General; ſtark bin ich, um mit der
Keule der rächenden Geſetze zu vertilgen, ohnmächtig
und ſchwach, um ihre Kraft zu hemmen. Jndeß will
ich es über mich nehmen und, mexke wohl, auf Gefahr
meines eigenen Kopfes, die Verſetzung in Anklageſtand
einige Tage aufzuſchieben. Reiſe nun ſogleich nach Pa-
ris. Deine Dienſte ſind groß, Deine Freunde zahl-
reich; Du wirſt daher für Deine kleine Vendeerin
Gnade erhalten, welche hier nicht bewilligt werden kann,
weil ein Revolutionstribunal niemals etwas bewilligt.
Eile, fliege, General, verliere keine Minute.
Vor Ende des Tags werde ich unterwegs ſein;
aber die Bügerin Marceau will ich retten.
Wozu ſoll dieſer eitle Titel? Weder ihm, noch Dir
ſondern Deinen Dienſten wird Robespierre eine heilſame
Willfährigkeit zeigen. Jch frage Dich, ob die Schnel-
ligkeit Deiner Reiſe nicht einer leeren Förmlichkeit
vorzuziehen iſt, welche unſer bequemes Eheſcheidungs-
geſetz in vier Wochen nichtig machen kann.
Wir denken verſchieden, Bürger Repräſentant. Gieb
mir einen Paß, um in Blankas Gefängniß zu kommen.
Bürger-General, ich bin wirklich untröſtlich - -
Du verweigerſt mir den Eintritt in's Arreſthaus?
Jn der That, Du überlegſt nicht hinlänglich.
Bürger- Repräſentant, das ſcheint mir. - Hierauf
fügte Maxceau nach einer Verſchweigung hinzu, bemühe
Dich nicht, mir die verlangte Erlaubniß auszuſtellen
- ich Narr! die erſte Militärperſon der weſtlichen
Departements braucht Niemanden zu fragen, um ſich
die Gefängniſſe öffnen zu laſſen. Es giebt keinen
Schergen, der ſie nicht kennen ſollte. Carrier, ich danke
Dir für Deinen Rath und will ihn befolgen: noch vor
Ende des Tages werde ich im Wagen ſein. Gieb mir
Dein Wort als Republikaner, Vlanka nicht eher, bis
ich zurückgekehrt, vor die Commiſſion zu führen - in
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