Heidelberger Volksblatt — 4.1871

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dr. 48.

Samſtag, den 17. Juni 1871.

4. Jahrg.

Eeſcheint Mittwoch und Samſcag. Preis monatlich 12 kr. Einzelne Nummer à 2 kr. Man abonnirt in der Druckerei, Schiffgaſſe 4
und bet den Trägern. Auswärts bei den Landboten und Poſtanſtalten.

Spielerglück

(Novelle von Georg Reinbeck.)
(Forſetzung)

ich mich in Jhnen erblickte. - Jn mir? rief der Graf,
aus welcher Aehnlichkeit? - Eine ſehr allgemeine und
doch auch wieder manche beſondere, entgegnete der
Fremde. - Jch war einſt jung, von Stande und reich,
wie Sie, Herr Graf, das Glück lächelte mir, wie Jh-
nen, ich ließ mich zum Spiele verleiten, wie Sie, und
ſpielte anfänglich mehr aus Eitelkeit, denn aus ander-
weitigem Jntereſſe, wie Sie, Herr Graf. So ſah ich
Sie vor mir, ich ſah die Bewunderung Jhrer Freunde
über Jhr Glück, ich hörte, wie es zum größeren Theile
Jhren Combinatio en zugeſchrieben wurde, ich konnte
die Sicherheit bemerken, mit welcher Sie der günſtigen
Entſcheidung entgegenſahen; alles dies kannte ich aus
eigener Erfahrung, und da dieſe mich auch einen Blick
in die Zukunft thun ließ, ſo konnte ich nicht umhin,
mir ſelbſt zu ſagen: Solch' ein junger Thor warſt Du
einſt auch! und in dieſem Augenblik traf mich Jhr
Auge. Sie trauten wahrſcheinlich gerade einer der
ſcharfſinnigſten Kombinationen, denn es lag ein gewiſ-
ſer Triumph in Jhren Zügen . . . da eniſchied das
Glück gegen Sie. Jhre ſcheinbare Gleichgültigkeit
täuſchte mich nicht. Jch ſah, wie Sie jetzt eigenſinnig
das Glück zwingen wollten, denn meiue Kenntniß des
Spiels ließ mich die gewagte Chance erkenneu; der
Erfolg war, wie ich erwartet hatte; Sie ſuchten jetzt
meinen Blick, Sie fanden ihn, Sie wollten in mir die
Urſache Jhres Mißgeſchicks finden . . . Wieder einer,
ſagte ich zu mir ſelbſt, den der Teufel beim Schopf
hat! - und das mag wohl den Hohn in meine Züge
gelegt haben, den Sie darin zu finden glaubten. -
Sie hatten ſich diesmal geirrt, ſagte der Graf lächelnd
und ohne Bitterkeit, bei dem Schopf ſoll der Teufel
mich wenigſtens nicht feſthalten; denn ſchon geſtern
ſtand der Entſchluß bei mir feſt, nie mehr zu ſpielen.
- Und Sie glauben, es halten zu können? fragte der
Jtaliener mit ſpöttiſchem Lächeln. - Jch bin dies ge-
wiß, erwiederte der Graf, dadurch aufgeregt, mit Nach-
druck. - Das würde denn allerdings einen weſentli-
chen Unterſchied unter uns mochen, verſetzte Jener mit
ungläubiger Miene, denn das habe ich nicht vermocht.
- Sie werden den Wunſch natürlich finden, Signor,
ſagte der Graf, mit einem Leben bekannter zu werden,
das mir gewiſſermaßen nahe getreten iſt und an Er-
fahrungen ſo reich zu ſein ſcheint, Erfahrungen, die
mir, dem jungen Manne, vielleicht mehr, als alles An-
dere dazu nützen können, die Ausführung meines fe-
ſten Entſchluſſes mir zu erleichtern. - Erfahrungen,
Herr Graſ? entgegnete der Jtaliener ſarkaſtiſch, meine

Graf Zamoysky, der Fremde und ihre Begleiter
gingen einem nahen Wirthshauſe zu, in welchem der
Kammerdiener, auf Befehl des Grafen, das Frühſtück
beſorgte. Es ſtand bald reichlich vor ihnen. Der
Graf machte mit großer Zuvorkommenheit den Wirth,
und ſo trocken auch das Benehmen des ſeltſamen Frem-
den war, ſo lag doch nichts Abſchreckendes darin; es
war vielmehr ſichtbar, daß der Graf ihn intereſſirte.
Das Geſpräch wurde zwiſchen den beiden Hauptperſo-
nen auf italieniſch geführt, und der Fremde machte ſei-
nem Wirthe die verbindliche Bemerkung, daß er dieſe
Sprache mit großer Geläufigkeit und Feinheit ſpreche.
- Man geſteht uns Polen für Sprachen einiges Ta-
lent zu, erwiederte der Graf, und ich war in meiner
frühern Jugend mehrere Jahre mit meinen Eltern in
Toskana. - Der Fremde dagegen beantwotete mit
Offenheit die Fragen, ob er ſchon länger in Karlsbad
ſei und woher er gekommen. Er war erſt kurz vor
jenem Vorfall am Spieltiſche angekommen und zwar
von Genua. Dies gab Veranlaſſung zu einer intereſ-
ſanten Unterredung, indem es ſich auswies, daß der
Fremde nicht blos ſein Vaterland, ſondern den größ-
ten Theil Europa's aus eigener Anſchauung kannte
und überall mit Geiſt die ſich ihm dargebotenen Gegen-
ſtände auſgefaßt hatte, nur lag in ſeinen Bemerkun-
gen, beſonders über die Menſchen, eine gewiſſe kalte
Bitterkeit, die offenbar bewies, daß er mit dieſen manche
unangenehme Bekanntſchaft gemacht haben müſſe. Der
Graf fühlte ſich dadurch abgeſtoßen, und auf der an-
dern Seite wieder auch ſeltſam angezogen. Er konute
ſich nicht enthalten, zu äußern, daß die Erfahrung ſei-
nem Gaſte nicht die beſte Meinung von Menſchen ge-
währt zu haben ſcheine. - Wie ſollte ſie, antwortete
dieſer ſchneidend, da ich ſelbſt ein Menſch bin! - So
galt wohl, ſagte der Graf guthmüthig, der Spott, den
ich geſtern auf Jhrem Geſichte zu leſen glaubte, und
auf mich bezog, der Menſchheit überhaupt, die freilich
am Spieltiſche nicht eben im vortheilhafteſten Lichte er-
ſcheint? - Nein, erwiederte der Jtaliener, dieſer galt
einzig - mir ſelbſt. - Jhnen? fragte der Graf über-
raſcht. - Nicht anders, verſetzte der Fremde, und
wenn Sie es nicht mißverſtehen, auch Jhnen, inſofern
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