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Heidelberger Volksblatt (4) — 1871

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Nr. 17 - Nr. 25 (1. März - 29. März)
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XNr. 28.

—— Mittwoch, den 22. März 1871.

L. Jahrg ·

Erſcheint Mittwoch und Samſtag. Preis monatlich 12 kr. Einzelne Nummer & 2 kr. Man abonnirt in der Druckerei, Schiffgaſſe 4

und bei den Trägern. Auswärts bei den Landboten und Poſtanſtalten.

Die Stimme des Gewiſſens.
Aus dem Tagebuch'eines engliſchen Aboskaten.
SSchluß.)

Sie erinnern ſich meiues damaligen äußerſten Be-

drängniſſes und des einigermaßen glücklichen Erfolges,

der jedoch kaum zulangte, daß ich dem Gefängniſſe ent-
ging. Sie mochten wohl ihr Erſtaunen äußern, daß
der Vater meiner Frau ſo etwas zuließ; er konnte

aber Alles, nur nicht ſich vom Gelde trennen. Er war

ein ſchmutziger Wucherer; die Liebe zum Reichthume
hatte bei ihm mit deſſen Beſitz zugenommen; und ich
glaube, er hätte mich eher im Gefängniſſe verderben
laſſen, als daß er ſeinen Mammon angegriffen hätte.

Es war gerade um die Zeit, oder höchſtens eine
oder zwei Wochen ſpäter, daß Herr Vellenden wieder

in eine Krankheit verfiel, an der er ſchon früher ge-
litten hatte; — ein Uebel, daß die ſchnellſte ärztliche
ülfe forderte, — von dem er aber bei früheren An-
ällen vollkommen wieder hergeſtelt worden war. Ag-
nes war auf ihren Vater ungemein achtſam; und als
wir am Weihnachtsabend beide auf dem Wege nach ſei-
nem Krankenzim ö
arzt, der eben aus dem Hauſe kam. ö ö
Sie wolen gewiß meinen armen Kranken beſuchen?
fragte Herr Amwell.

Mein Gatte, erwiederte Agnes, will ihm eine oder

zwei Stuuden Geſellſchaft leiſten; ich habe jetzt Ge-
und komme nur, um zu hören, wie er ſich be-
indet. ö ö —
Ich fürchte faſt, der Anfall wird wieder kommen,
ſagte der Docter, beſorgen Sie aber deßhalb nichts,
liebe Madame, wir wiſſen ſolche Sachen zu behandeln.
Schnelligkeit iſt dabei die Hauptſache. Es iſt daher
nöthig, lieber Herr, daß Sie mich augenblicklich rufen
laſſen, wenu Herr Bellenden einen neuen Anfall be-
kommen ſollte; es liegt daran, daß ihm alsdann ſchnell
eine Ader geöffnet werde. Sie können deßhalb aber

ganz unbeſorgt ſein, Madame. Der gute alte Herr

kann darum noch zwanzig Mal den Weihnachtsbraten
genießen. —1

Herr Amwell empfahl ſich, und wir gingen in's

Haus und in die Krankenſtube. Meine Frau blieb nur
einige Minuten, ſie hatte zu Hauſe zu thun, und beim

Weggehen bat ſie mich, den Herrn Amwell ja ſogleich

er waren, begegnete uns ſein Haus-

rufen zu laſſen, wenn es noͤthig ſein ſollte. Sie ging.
ſodann, und ich ſetzte mich auf einen großen Stuhl am
Bette. ———
Meine Lage war ſeltſam, fuhr Herr Moreton fort.
Ich, deſſen Hoffnungen ſchon ſo viele Jahre hindurch
auf eine Erbſchaft gerichtet waren; — ich, der ich die

größten Hinderniſſe beſeitigt geſehen, und mich darüber

gefreut hatte, und der ſelbſt die Veranlaſſung zu ihrer
Beſeitigung geweſen war; ſaß jetzt am Krankenbette.
des einzigen Menſchen, der zwiſchen mir und der Erh-
ſchaft ſtand! — eines Menſchen ſogar, deſſen Tod ich
lange erwartet, und zu hoffen mir erlaubt hatte. Ich

konnte nicht umhin, über die ſeltſame Lage, worin ich

mich befand, zu lächeln; und als ich nach dem Kranken-
bette ſah, und im ſtillen Zimmer blos das unruhige
Athmen des alten Mannes hörte, hatte ich die Empfin-
dung — faſt wie ein Verbrecher.
Ohnweit von mir ſtand ein Tiſch mit verſchiedenen
Mixturen; ich nahm eine nach der andern, und beſah.
ſie. Eine war ganz gelb, körnig, ſah aus, wie Mäuſe-

gift. Während ich ſie in der Hand hielt, wurde der

böſe Geiſt' in mir völlig rege. Das ſollte Gift ſein!
ſagte ich zu mir ſelbſt. Meine Geldnoth ſchien zuzu-
nehmen, der Werth des Reichthums zu wachſen; die
Liebe zum Genuß wurde größer, die Schätzung des Le-
bens eines alten Mannes geringer. Ju dieſem Augen-
biick verlangte der Kranke zu trinken, Thornton! —
darf ich zaudern, zu geſtehen, daß ich ſtark in Verſu⸗—
chung gerieth, — Mäuſegift, das zwar nicht auf dem
Tiſche, jedoch im Hauſe war, zu holen! Allein ich wi-
derſtand der Verſuchung; ich nahm die verhängnißvolle
Flaſche einen Augenblick in die Hand, ſetzte ſie dann
aber weit weg, und reichte dem alten Manne, was er
forderte. Kaum war dies aber geſchehen, und ich wie-
der auf meinem Sitze, als ich mir meine Wankelmü-
thigkeit vorwarf. Das ſind, dachte ich, Diſtinctionen
ohne reelen Unterſchied. Ein Jüngling, der zwiſchen
mir und dieſem Vermögen ſtand, ertrank; und ich

ſtreckte die Hand nicht aus, ihn zu retten: es giht ver-

ſchiedene Arten des Mordes; allein bei allen iſt das

Verbrechen daſſelbe. .

Es war mir beinahe zur Gewißheit geworden, daß
ich ein Thor ſei: als gewiſſe Anzeichen, in welchen ich
mich nicht irren konnte, mir die Verſicherung gaben,
daß des Herrn Amwell Beſorgniſſe nahe bevorſtänden;

und wirklich traten ſie auch augenblicklich im höchſten
Grade ein. Ich erinnerte mich an die Worte des Herrn

Amwell, die er ſagte, als er mich verließ: „Alles hängt
 
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