Heidelberger Volksblatt — 4.1871

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Nr. 73.

Mittwoch, den 13. September 1871.

4. Jahrg.

Erſcheint Mittwoch und Samſtag. Preis monatlich 1 kr. Einzelne Nummer à 2 kr. Man abonnirt in der Druckerei, Schiffgaſſe 4
und bei den Trägern. Auswärts bei den Landboten und Poſtanſtalten.

Der Sohn des Millionärs.
(Fortſetzung.)

Bei den letzten Worten ihrer Mutter war das junge
Mädchen bleich und zitternd vor Schreck auf einen Stuhl
geſunken.

Wie! Nachbarin, ſagte Madame Deschamps, deren
Ueberraſchung in das tiefſte Staunen übergegangen
war, was haben Sie denn gegen dieſe Heirath einzu-
wenden, die Sie ſo ſehr wünſchten, und um die Sie
Alles zugelaſſen hätten? . . . Es iſt genug .. Zum
Henker, was macht Sie denn jetzt ſo bedenklich, den
Sohn eines Millionärs zu verſchmähen?
Den Sohn eines Millionärs? wiederholte Madaute
Firmin, faſt erſtickend vor Zorn . . . Nachbarin, das
ſollen Sie mir bezahlen . . .
Was . . . Nein . . . das iſt ein wenig ſtark . ..
wahrhaftig . . . Die arme Madame Deschamps konnte
nur abgebrochene Worte hervorſtammeln; es war ihr
unmöglich, einen vollſtändigen Gedanken auszuſprechen.
Ja, Madame, das ſollen Sie mir bezahlen! Es
iſt ein ſchändlicher Streich, den Sie mir geſpielt haben.
Eine Mutter ſo betrügen, die Parthie eines Windbeu-
tels gegen Sie nehmen, eines . . . Marſch Juliette,
ich bitte Dich, keine Ohnmacht! Du ſiehſt, ich bin
nicht gelaunt, ſie mit anzuſehen . . . Deinen Hut! ..
Jch, ich hätte Sie betrogen, Madame Firmin! ſagte
die alte Hausbeſitzerin und hob zur Beglaubigung ih-
rer Unſchuld ihre Hände empor, ich hätte Sie betro-
gen! Ein Windbeutel! . . . . Nachbarin, Nachbarin!
Sie ſind eine Undankbare! Sie haben mir Jhre Toch-
ter zur Bewachung über den Hals geſchoben, ein Di-
ner und Briefporto und jetzt kommen Sie und wollen
Streit anfangen, um nur nicht . . . . Jch kenne Jhre
Kniffe! aber es wird nicht ſo gehen, wie Sie denken;
ich rufe die ganze Stadt zu Zeugen auf, ich werde Je-
dermann Jhre Aufführung erzählen!
Und ich die Jhrige, Madame Deschamps. Mein
Vertrauen zu Jhnen ſo zu mißbrauchen und ein jun-
ges Mädchen in den Abgrund der Verführung zu ſtür-
zen! Pfui! Sie ſollten ſich zu Tode ſchämen!
Jch mich zu Tode ſchämen! Sie vielmehr, Madame
Firmin, ſollten ſich ſchämen, daß Sie Jhre Töchter
dem erſten beſten, der da kommt, an den Hals werfen
.. . . Pfui über Sie! Ei ſehen Sie doch, Sie glau-
ben wohl, ich laſſe mir gutwillig in's Geſicht ſagen,
ich ſei keine rechtſchaffene Frau und laſſe geduldig mein
Haus beſchimpfen! . . . .
Sie und Jhr Haus und Jhre Drohungen ſind mir
zum Lachen, Madame, und ich ſage nochmals, Sie

Wohlgeſprochen, ſchrie Madame Deschamps; das
iſt . . . . Aber Juliette unterbrach ſie wiederum und
ließ ſie nicht weiter zum Worte kommen; ſie nahm das
Papier, das ihr Emil reichte und ſagte: Jch werde die-
ſen Brief nicht leſen; aber wenn Sie es erlauben, ſo
ſchreibe ich einige Zeilen darunter. Herr Raymond
entfernte ſich ſogleich, um Sie nicht darin zu ſtören.
Ein braver junger Mann! ſagte Madame Deschamps,
als er hinaus war; ſein Vermögen macht ihn nicht
ſtolz. Gieb doch einmal, liebſtes Juliettchen, laß doch
einmal ſehen, um zu wiſſen, wie der Vogel ſingt! ...
Kaum hatte ſie die Worte ausgeſprochen, da öffnete ſich
mit großem Geräuſche die Thür und Madame Firmin
trat herein mit einem Geſichte, auf dem ſich eine Ge-
müthsbewegung ausdrückte, die dem Zorn ſehr ähnlich
ſah. Juliette ſchrie vor Furcht und Ueberraſchung
laut auf und fiel ihrer Mutter um den Hals.
Meine gute, meine liebe Mutter! ſagte Juliette,
Du kommſt gerade zur rechten Zeit! Wenn Du wüß-
teſt! . . . . Ach! wie bin ich glücklich!
Anſtatt ihre Zärtlichkeiten zu erwiedern, ſtieß Ma-
dame Firmin ihre Tochter unſanft zurück und ſagte in
einem bittern Tone: Ja wohl komme ich zur rechten
Zeit. Komm ſogleich und folge mir nach Hauſe!
Aber einen Augenblick nur, liebe Nachbarin, ſagte
Madame Deschamps ganz beſtürzt, was iſt Jhnen denn
geſchehen? Was ſoll denn das bedeuten?
Jch habe keine Zeit, mich in Erklärungen einzulaſ-
ſen, Madame Deschamps; ich will, daß Juliette mir
folgen ſoll und das wird genug für ſie ſein, denke ich,
mir zu gehorchen!
Das ſollte man doch nicht glauben! nahm die alte
Dame wieder das Wort; das iſt der Dank! aber ich
will mich nicht zanken und Jhnen die gute Nachricht
keine Minute länger vorenthalten: unſer junger Mann
hat ſich endlich erklärt, liebe Nachbarin; er wartet blos
auf Sie, um Jhre Tochter zu heirathen.
Meine Tochter zu heirathen! ſagte Madame Firmin
in immer größern Zorn gerathend; da hat er die Rech-
nung ohne den Wirth gemacht; er mag ſich ſonſt wo
eine Frau ſuchen . . . . Marſch, Juliette, Deinen Hut
und Deinen Shawl.
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