Heidelberger Volksblatt — 4.1871

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Nr. 41.

Mittwoch, den 24. Mai 1871.

4. Jahrg.

Eccheint Mittwoch und Samſiag. Preis monatlich 1D kr. Einzelne Nummer à 2 kr. Man abonnirt in der Druckerei, Schiffgaſſe4
und bet den Trägern Auswärts bei den Landboten und Poſtanſtalten.

4

Des Lebens Wendungen.

Aus einem Tagebuche.

(Schluß.)

wenn ſie ihn nicht erarbeitet. Meine Töchter ſind
doch, Gottlob! hübſche Kinder, und Aurora, meine Ael-
teſte, ift Dir ſo herzlich gut. Und an Geld fehlt's ih-
nen einſt nicht und ihre Ausſteuer hat die Mutter auch
längſt beſorgt. Beſonders die von der Aelteſten, denn
man pflegt Oben anzufangen, bis zur Letzten herab.
Laß doch die Alfanzereien und mach' Dich nicht länger
lächerlich mit Deiner Romanenliebe. Eliſe, die Zweite,
lachte auf, nnd meinte: er werde doch nicht den Ver-
zweifelnden ſpielen wollen? und darauf ſagte Bertha,
die Drut.: es ſei ja noch kein Anderer da, der
die Spröde haben möge." Da alterirte ſich denn
mein braver Neffe und ſchlug in ſich, und ſagte: er
wolle Ehren halber noch einmal bei Jhnen anfragen,
und dann hoffe er, Auroren ein freies Herz präſentiren
zu können. Ja, und wie er nun iſt! Da bat er mich
heute, zu Jhnen zu gehen, und ich ſolle Jhnen ſagen,
daß ſein Advokat ihm geſagt, man habe Jhnen des
Schmuckes wegen gar übel gerathen, indem dieſer, als
von Jhrer Mutter geerbt, Jhnen und Jhrem Bruder
zukäme, und keineswegs den Gläubigern, und er wolle
noch heute am Tage zu Jhrem Nutz nnd Frommen
Jhre Sache zu betreiben beginneu und zu ſeiner Ehre
den Schmuck herausſechten. Sie brauchen Jhm nur
eine Vollmacht darüber zu geben." - Herr Rich be-
merkte: es ſei nicht glaublich, daß der Advokat den
Prozeß gewinnen werde; hingegen lade mir der wahr-
ſcheinliche Verluſt deſſe ben alle die großen Koſten, die
er veranlaſſe, auf. - Sara klopfte und ſchnupfte aber-
mals und ſprach: "Auch dafür iſt geſorgt! Mein Neffe
will alle Koſten tragen. Der großmüthige Menſch!
Und nun, Mamſell, wie wird es damit?" - Jch er-
wiederte, daß die Sache mit meiner und meines Bru-
ders Bewilligung beendet, und weder er uoch ich wün-
ſchen könnten, auf eine unrechtmäßige Weiſe, zum Nach-
theile der Giäubiger, dieſen Schmuck an uns zu brin-
gen. - Jetzt blies Sara ſich mächtig auf. - "Unrecht-
mäßig!" ſo ließ ſie ſich vernehmen. "Ei, ſeht doch!"
Nun die Rechtmäßigkeit iſt zwar ohnehin nicht weit her,
indeß wenn man ſo arm iſt, darf man es mit der Recht-
mäßigkeit überhaupt ſo genau nicht nehmen. Aber man
hat Hochmuth! Man will die Großmüthigkeit vor den
Leuten ſpielen laſſen, als wenn man Gott weiß wie
viel zu verſchenken hätte! Jch glaube, wenn ich mir
auch nichts davon merken laſſe, man hat Abſichten, die
wohl nicht erfüllt werden möchten! Freilich, wenn man
allein mit einem Schock Herren im Poſtwagen durch die
Welt fährt, da macht man Bekanntſchaften, und wenn

Sara's glänzende Beredſamkeit zeigte ſich immer noch
im hellſten Licht. Jedoch verwandelten die freundlichen
Ermahnungen und Vorſtellungen, deren ſie ſonſt ſich
bediene, um mich zu einer Verbindung mit May zu
bewegen, ſich täglich mehr in bittere Vorwürfe und hä-
miſche Sticheleien. Jch konnte froh ſein, wenn eine
ernſte Strafrede mit jenen empfindlichen Angriffen wech-
ſelte, denen nit Ruhe und Sanftmuth zu begegnen mir
oft unglaublich ſchwer ward. Cinſt kam ſie, wie jeht
oft geſchah, in der Abſicht zu uns, mit mir ein ernſtes
Wort zu ſprechen; denn auf dieſe Weiſe leitete ſie ge-
wöhnlich die erneuten Aufträge Herrn May's ein. Mir
ward darum auch keine Freude über ihren Beſuch zu
Theil, und als nun gleich nach ihr auch Frankenſtein
erſchien, um Madame Rich, die ſich unwohl befand, zu
beſuchen, ſo fühlte ich die peinlichſte Beklommenheit,
in ſeiner Gegenwart Sara's Bitterkeiten anhören zu
müſſen. Sie hingegen ſchien ſich ſeiner, mir jetzt ſo
unangenehmen Erſcheinung höchlich zu erfreuen. Viel-
leicht wollte ſie ihm ihre Fähigkeit zur Ausrichtung
wichtiger Geſchäfte beweiſen und vielleicht auch mich
noch tiefer dadurch demüthigen, daß er ein Zeuge der
angenehmen Dinge war, welche ſie mir ſagen wollte.
Als ſie den Hofrath begrüßt und einen Sitz mir ge-
genüber angenöthigt hatte, lehnte ſie ſich bequem in ih-
rem Großvterſtuhl zurück; dann klopfte ſie bedächtig
mit dem Finger auf ihre Schnupſtabaksdoſe, und be-
gann, indem ſie noch ſchnupfte, folgende Rede an mich:
"Jch muß Jenen kurz und gut ſagen, Mamſell Chari-
tas, daß Jhr hoffärtiges Benehmen gegen meinen kreuz-
braven, und, Gott ſei's gedankt! auch reichen und wohl-
gebildeten Neffen, Jhnen über kurz oder lang ſchlechte
Früchte tragen wird. Denken Sie nur an mich! Jch
hab' es geagt und ſage es Jhnen noch tanſendmal!
Noch geſtern ſagie mein Vetter, der Herr Geheime-Rath,
zu ihm: "Sage mir doch, lieber Neffe, warum Du wie
ein Thor dem einfältigen Mädchen nachläufſt, und Dir
einen Korb nach dem andern von ihr nachwerfen läſ-
ſeſt? Giebt es denn nur die Eine in der Stadt? Und
Dieſe hat doch nur ihr hübſches Lärvchen und ſonſt auf
der Welt Nichts, keinen baaren Schilling in der Taſche,
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