Heidelberger Volksblatt — 4.1871

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eillellekſef Ellellt.


Nr. 54.

Samſtag, den 8. Juli 1871.

4. Jahrg.

Geſcheint Mittwoch und Samſcag. Preis monatlich 1D kr. Einzelne Nummer à 2 kr. Man abonnirt in der Druckerei, Schiffgaſſe 4
und bei den Trägern. Auswärts bei den Landboten und Poſtanſtalten.

Die Roſe und das Schaffot.

(Forſetzung)

Familientempel geführt; nämlich in die Stube des Ge-
nerals.
Sie ſehen, mein Kind. begann dieſe, daß ich Sie
ſchon wie meine Tochter behandele. Hier iſt das Bett
Jhres Verlobten, worin Sie für jetzt noch allein ſchla-
fen ſollen. Bald aber wird Jhr Gatte neben Jhnen
ruhn.
Hoffentlich wird ihm der Ruhm ſoviel Zeit laſſen,
um glücklich zu ſein. Doch, um etwas Ernſthafteres
zu ſprechen, es ſcheint, daß mein Sohn ſeinem Adju-
tanten nicht wiſſen ließ, wo Sie her ſind; er hält Sie
ſchon für vermählt. Dieſe Vorſicht war nöthig, denn
das Geheimniß anvertrauter Ehre darf man keinem
Dritten mittheilen. Uebrigens iſt hier keine Gefahr
für Sie, Blerinval iſt aufrichtiger Republikaner; Re-
publikaner aus Grundſätzen und Ueberzeugung; aber
keiner jener elenden Clubbiſten, welche das Schaffot zur
Grundlage ihres Glücks machen wollen.
Ach! Frau Marceau - entgegnete Blanka melan-
choliſch, ſoll ich es Jhnen ſagen? Jch ſehe das Schaf-
fot beſtändig vor mir. Geſtern im Zelte Marceau's
ſtand es zwiſchen mir und dem General und auf ihm
zeigte ſich das ſchreckliche Geſicht des Henkers. Heute
lief es unterwegs vor dem Wagen her und das Blut,
welches fortwährend herunterfloß, ſchien mir Laub,
Gras und die Blüthen des Weißdorn zu färben. Selbſt
hier, ja hier zwiſchen dieſem Bette - dem Bette Mar-
ceau's und mir - erblicke ich ein ſchreckliches Schau-
ſpiel. - Die beiden Pfähle neben einander - das
funkelnde, in doppelten Fugen gehende Eiſen, welches
mit unheilvollem Getöne auf ein Haupt fällt, deſſen Le-
ben ſofort verlöſcht.
Beruhigen Sie ſich, liebe Blanka, dieſe gräßlichen
Viſio en ſind die Folge einer Furcht und eines Schrecks,
welche Jhrem Alter und Geſchlecht ſehr natürlich ſind.
Furchi und Schreck habe ich nie gekannt. Jch war
dem Tode nahe und bot ihm Trotz. Die Blauen über-
fielen nämlich das Schloß in der Nähe von Saumür,
worin ich wohnte. Die Exceſſe, welche man beging,
waren ſchrecklich; die Republikaner übten auf greuelvolle
Art Repreſſalien wegen eines Tages vorher am Hauſe
eines Patrioten begangenen Frevels. Jn der Kammer,
wohin ich mich geflüchtet und verbarrikadirt hatte, hörte
ich den verworrenen Lärm von zerſchlagenem Geſchirr,
von Hämmern, womit man die Mauern einſchlug, um
dort verborgenes Geld zu ſuchen, von Weibern und
Mädchen, welche man mit aller Zügelloſſigkeit mißhan-
delte, von Flinten, womit man Jedem den Kopf zer-

Wir wollen darüber zur gelegenen Zeit ſprechen -
äußerte Blanka in einem anmuthigen und zugleich edeln
Tone. Der Commandant ſelbſt weiß wenig von
meiner Verbindung mit Marceau. - Erlauben Sie
mir zuerſt, die Mutter desjenigen zu umarmen, dem
mein Leben gehört.
Sofort warf ſich die junge Vendéerin der Frau Mar-
ceau in die Arme, welche ſie an ihr Herz drückte.
Blanka übergab der Matrone einen Brief, welchen
ihr Sohn in der Eile geſchrieben, während Fräulein
Beaulieu ſich umkleidete. Beim Leſen deſſelben ſah die
gute Frau mehrmals mit Rührung auf die intereſſante
Vendserin. - Armes Kind, murmelte ſie, wieder auf
das Papier ſehend, das iſt viel, ſehr viel Liebe. Glück-
licher Weiſe hat ſie ſich an einen Mann von Ehre ge-
wendet, an einen jungen Mann, der unfähig iſt, Miß-
brauch davon zu machen - kurz, an meinen Sohn.
Das iſt nicht genug, meine Kinder, ſprach die acht-
bare Frau, ſich im Bette aufrecht ſetzend; ihr müßt
noch eſſen. Leonarde wird viel Worte gemacht haben,
was aber für den Hunger nichts hilft. Mit zwei Hand-
griffen ſoll das in Ordnung ſein.
Frau Marceau ſchloß hierauf ihre Vorhänge, zog
ſich dahinter an und war im Augenblicke fertig.
Sobald ſie auf den Beinen war, ſah Blanka eine
große, noch gerade Frau vor ſich, deren elegante Hal-
ung uan leicht, ſelbſt durch das Morgenkleid, was ſie
verhüllte, erkenuen konnte. Frau Marceau, kaum 42
Jahre att, beſaß jene bevorrechtete Schönheit, welcher
die Fülle alles erſetzt, was ihr die Jugend an Friſche
nahm. Dieſe Frau mußte mehr wie eine Leidenſchaft
eingeflößt haben, und der unbedeutende Eigenthümer,
welcher ſie geheirathet hatte, konnte ſich 17 bis 18
Jahre lang ſchmeicheln, eine hübſche Frau zu beſitzen.
Die Mutter des Helden der Weſtarmee war noch
ſo ſchön. als thätig. Nach eiuer halben Stunde war
das Mahl bereit und die alte Magd hatte wirklich
nichts dabei gethan, als geredet. Nach Tiſche begab ſich
Blerinval in das kleine Gemach, was er während der
kurzen Beſuche auf dem Lande mit ſeinem General zu
bewohnen pflegte. Blanka dagegen wurde von Frau
Marcean in das ſchönſte Zimmer des Hauſes, in den
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