Heidelberger Volksblatt — 4.1871

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Nr. 25.

Mittwoch, den 29. März 1871.

4. Jahrg.

Erſcheint Mittwoch und Samſcag. Preis monatlich 1 kr. Einzelne Nummer à 2 kr. Man abonnrt in der Druckerei, Schiffgaſſe 4
und bei den Trägern. Auswärts bei den Landboten und Poſtanſtalten.

Lenau als Bräutigam.

Von Guſtav Karpeles.

(Schluß.)

Es war jedoch dem Dichter mit dieſem Rücktritt
nicht wahrer Ernſt, und ſchon nach vierzehn Tagen,
als das Uebel nachließ, ſchrieb er wieder lebensvoll
und hoffnungsfreudig ſeiner hingebenden Freundin von
ſeinen Plänen und Abſichten für die Zukunft, die ihm
an der Seite einer edlen und liebevollen Gattin im ro-
ſigſten Lichte erſchien.
Lenau hatte ſich jedoch getäuſcht! Sein freudiges
Hoffen war nur das letzte Auflackern eines Feuerme-
teors vor dem gänzlichen Erlöſchen.
Schon in den, dem 12. Okiober folgenden Tagen
nahm ſein körperliches Leiden immer zu, nnd die Freunde
ſahen mit ängſtlicher Beſorgniß das Verhängniß herein-
brechen, ohne den von Allen Heißgeliebten retten zu
können.
Mehr jedoch als ſeine körperlichen Leiden, natürlich
aber in Verbindung mit denſelben, war ſein geiſtiger
Zuſtand Beſorgniß erregend. Er phantaſirte Tage lang
von den verſchiedenartigſten Gegenſtänden, gerieth oft
in eine entſetzliche Wuth gegen ſeine nächſte Umgebung,
ſtellte ſich jeden Augenblick vor den Spiegel und hielt
da Betrachtungen über ſein verfehltes Leben, über ſeine
verrathene Liebe, über ſeine engelmilde Marie, die je-
doch wieder von den ſchrecklichſten unartikulirten Tö-
nen unterbrochen wurden. Dann nahm er auch wohl
ſeine ſtete und treue Lebensbegleiterin, die kleine Geige
zur Hand, und entlockte ihr die ſchwermüthigſten und
wunderſamſten Weiſen.
Emma Niendorf, die geiſtreiche Schriftſtellerin, die
dem unglücklichen Dichter viele Jahre ſehr nahe geſtan-
den, und ihn auch in jenen letzten Leidenstagen ſorg-
ſam gepflegt hatte, ſagt bei der Schilderung eines der-
artigen Moments ſo ſchön von Lenau: "Er iſt eine
wahnſinnig gewordene Aeolsharfe. Seine Seele war
Muſik und die Saiten ſprangen im Sturme. Alles
Schöne muß auf Erden ſterben, um aufzuerſtehen und
neu zu leben."
Den Alten war der Jrre heilig, und auch heute
noch iſt er ein Jdol prophetiſcher Verehrung den Wüſten-
völkern Arabieas, die ſeinen Ausſprüchen weihevolle
Kraft beilegen. Unſere Zeit hat freilich für dieſen
Glauben nur ein ſpöttiſches Lächeln und mit Recht!
Machen aber nicht die gradezu prophetiſchen Aus-
ſprüche und Verkündigungen uns jnen geheimnißvoll
ſchaurigen Glauben, "daß der Schleier des Wahnſinns
nur ein Schlaf mit prophetiſchem Traume ſei," deutlich
und erklärlich?
Und es iſt merkwürdig, daß grade Lenau derartige

Von jetzt ab war Sophie auch die Vertraute aller
Leiden des Dichters, vor der er in ſeinen Briefen ſein
ganzes Herz ausſchüttet, und die ihm ſtets wieder Muth
und Troſt zuſpricht. Es muß dieſes Weib eine jener
ſeltenen Frauengeſtalten ſein, die einen gradezu todes-
muthigen Heroismus in ihrer Liebe entwickeln, die ihr
ganzes Sehnen und Fühlen ſorgſam verbergen und nur
ganz dem geliebten Manne ſich hingebend, ſeine Leiden
und Qualen, die er nichts ahnend ihnen anvertraut,
mitfühlen und ihm erleichtern helfen.
Mittlerweile rückten jedoch die Vorbereitungen zur
baldigen Verheirathung Lenau's immer näher heran,
bis ein Umſtand eintrat, der den ganzen Plan zu nichte
machte. Laſſen wir Lenau ſelbſt in einem Briefe an
Sophie den Beginn jener Katoſtrophe ſchildern, die mit
ſo furchtbarer Schnelligkeit über die ſturmgebeugte
Dichterblüthe hereinbrach.
"Letzten Sonntag vor vier Tagen ſaß ich mit Rein-
beck am Frühſtück. Da fiel mir plötzlich das ganze Ge-
wicht meiner Lage auf's Herz. Jch ſprang auf mit ei-
nem Aufſchrei des höchſten Zorns und Kummers, und
im gleichen Augenblicke fühlte ich einen Riß
durch mein Geſicht. Jch ging an den Spiegel,
ſah meinen linken Mundwinkel in die Höhe gezerrt und
die rechte Wange war total ſtarr und gelähmt bis an's
Ohr. Erſt heute kehrte wieder Leben und ein wenig
Beweglichkeit in den erſtarrten Theil zurück, zugleich iſt
ein Ausſchlag am Hals hervorgetreten, der zur Heilung
führen wird."
Und in dem nächſten, vom 4. Oktober datirten Briefe,
geſteht er ſchon wehmüthig ein, daß ihn eigentlich der
Schlag in's Geſicht getroffen habe, und daß er wohl
ſeine Heirath werde aufgeben müſſen.
"Jn meiner jetzigen Lage kann ich an Heirathen
kaum denken. Beinahe bin ich ſchon entſchloſſen - es
fehlt nur noch ſehr wenig - entſchieden zurückzutre-
ten. Wenn ich mir vorſtelle, daß ich jetzt bald nach
Frankfurt gehen ſoll, um dort von Neuem über tauſend
nothwendige Widerwärtigkeiten, die wie ein Gebirg von
Glasſcherben vor mir liegen, hinüberzuklettern, ſo ſchau-
dert mir."
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