Heidelberger Volksblatt — 4.1871

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Samſtag, den 16. Dezember 1871.

4. Jahrg

Erſcheint Mittwoch und Samſcag. Preis monatlich 3 kr. Einelne Nummer à 2 kr. Man abonnirt in der Druckerei, Schiffgaſſe 4
und bei den Trägern. Auswärts be den Landboten und Poſtanſtalten.

Leid und Lösung.

Eine Weihnachtsgeſchichte von Hermann Klerke

(Fortſetzung).

lichkenr vünktlich nachzukommen, weil die Summe jedoch
ziemlich bdeutend war, ſo hatte er in einer plötzlichen
Anwandlung on Vorſicht das Geld nicht ſeinem Die-
ner anvertraut, ſondern es ſelbſt zu Bergemann ge-
bracht und ſeien Schein von dieſem zurückerhalten.
Zufälligerweiſe wr bei der Zahlung Niemand zugegen
geweſen. Wer de grinſenden Bergemann beobachtet
hätte, der hätte glaben müſſen, er begrüße in Frank
einen alten, neu wiedrgewonnenen Freund. Er nöthigte
Frank in ein abgeleges Zimmer, um das Geldgeſchäft,
das er wie nebenſächli behandelte, abzumachen und
zwang ihn mit aufdringicher Freundlichkeit, ein Glas
ſpaniſchen Weines zu triken, "auf die Beſiegelung ih-
res ferneren freundſchaftlichn Vorktehrs." gehörte
die ganze Gutmüthigkeit Frant's dazu, um dieſes heu-
leriſche Entgegenkommen, das ihn entſchieden widerwär-
tig berührte, nicht kurz abzubrechen. Er entwand ſich
indeß ſo raſch er konnte, dem allzu höflichen Geidmnn
und nahm ſeinen Weg nach Hauſe.
Als er in ſein Zimmer trat, empfand er eine ei-
genthümliche Dumpfheit im Kopfe und eine lähmende
Müdigkeit in allen Gliedern. Jn den Vormittagsſtun-
den ſchweren Wein zu trinken, lag allerdings ganz au-
ßer ſeiner Gewohnheit, allein es war ja kaum ein Glas
geweſen und der Genuß deſſelben konnte unmöglich eine
ſolche Wirkung hervorbringen. Das Einzige, deſſen ſich
Frank ſpäter mit Beſtimmtheit erinnerte, war, den
Schuldſchein zerriſſen und in den Papierkorb geworfen
zu haben. Dann überwältigte ihn eine Betäubung,
der er vollſtändig erlag. Jn dieſem Zuſtande fand ihn
Anna, als ſie nach einiger Zeit in's Zimmer trat.
Der Arzt ſprach die Beſorgniß eines nervöſen Fiebers
aus. Nach einigen elenden Tagen und Nächten aber,
die Frank halb beſinnungslos, halb in Fieberphanta-
ſien zugebracht, trug ſeine kräftige, geſunde Natur den
Sieg davon, und er konnte ſeine Geſchäfte wieder auf-
nehmen. Frank ſprach ungern von dieſem Zufall und
gedachte nicht einmal des Weines, den er vorher ge-
trunken hatte, denn Beides in Zuſammenhag zu brin-
gen, erſchien ihm als eine Verdächtigung, die er durch-
aus abwies. Er wollte den Gedanken, der einem Drit-
ten allerdings ſehr nahe lag, der Wein habe irgend ei-
nen nachtheiligen Zuſatz gehabt, gar nicht in ſich auf-
kommen laſſen. Jm Uebrigeu war ja nun Alles vor-
über. So ſchien es. Vor einigen Tagen aber ſtellte
ſich ein Abgeſandter Bergemann's mit einem groben
Briefe deſſelben ein, worin Frank an ſeine Zahlgs-
verbindlichkeit gemahnt wurde; zugleich ward ihm ſein

Was Bergemann mit allem Reichthum, mit allen
Künſten und Liſten nicht hatte erreichen können, gewann
die Liebe leicht und raſch. Das junge Paar fühlte ſich
auch in beſcheideneren Verhältniſſen ſo glücklich, als es
zwei Menſchen nur immer ſein können, die ein ſympa-
thiſcher Zug zuſammengeführt hat, die thätig, redlich
und wohlwollend ſind, und die das eigene Glück in dem
des andern ſuchen. Zwei reizende Kinder brachten zu
dieſem Glück noch einen reichlichen Zuwachs. So ver-
ſtrichen die erſten Jahre. Seit einiger Zeit ſchien in-
deß ein eigener Unſtern in den geſchäftlichen Beziehun-
gen Franks zu walten. Es war, als ihn auf Schritt
und Tritt ein böſer Geiſt belauere und ihn zu Schaden
zu bringen ſuche. Er konnte nicht klär darüber wer-
den, er ſah nur die Wirkung, ohne den Urheber zu
entdecken. Vortheilbafte Unternehmungen wurden plötz-
lich rückgängig, andere vereitelt, die er mit dem beſten
Wiſſen geheim gehalten. Zuweilen verſchwand ein
Brief, ein Papier mit geſchäftlichen Notizen; er glaubte,
Beides verlegt zu haben, alleines fand ſich nicht wieber.
Doch alle dieſe kleinen Verluſte und Verdrießlichkei-
ten hätten ſich noch ertragen laſſen, wenn nicht in letz-
ter Zeit verſchiedene harte Schläge ſich vereinigt hät-
ten, ihn für den Augenblick rath- und hilflos zu machen.
Der Hauptſchlag heſtand darin, daß der Buchhalter
eines ſeiner älteſten und beſten Freunde mit dem ge-
ſammten baaren Kapital deſſelben durchgegangen war.
Der Beſtohlene hatte ſich ſofort zur Verſolgung aufge-
macht, allein ſchon waren vierzehn Tage vergangen und
noch war keine Nachricht da. Frank, der mehrere Tau-
ſend Thaler von ſeinem Freunde zu empfangen hatte,
wurde dadurch in deſſen Fall hineingezogeu. Eine an-
dere ſehr unangenehme Verwickelung hatte ſich mit dem
oben erwähnten Kommiſſionsrath Bergemann ergeben.
Sie war zugleich ſo unerklärlicher Art, daß Frank ver-
gebens nach der Löſung ſuchte. Vor etwa einem Jahre
war ein Schuldſchein, deu er einer auswärtigen Fabrik
für Rechnung eines Auftraggebers ausgeſtellt, an Ber-
gemann in Zahlung gegeben und Frank davon benach-
richtigt worden. Er war im Stande, ſeiner Verbind-
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