Heidelberger Volksblatt — 4.1871

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Nr. 59.

Mittwoch, den 26. Juli 1871.

4. Jahrg.

Erſcheint Mittwoch und Samſcag. Preis monatlich 3 kr. Einzelne Nummer à 2 kr. Man abonnirt in der Druckerei, Schiffgaſſe 4
und bet den Trägern. Auswärts bei den Landboten und Poſtanſtalten.

Die Roſe und das Schaffot.

(Schluß.)

tant, verſetzte Marceau mit einer Wärme, die er nicht
meiſtern konnte.
Gewiß, Bürger; ich bin auch Deiner Meinung,
aber ich rathe Dir, ſie nicht an andern Orten verlau-
ten zu laſſen. Vielleicht kommt bald die Zeit . . .
Robespierre hielt inne; uach einer Pauſe fuhr er fort:
Grauſamer! machſt Du Dir mein Glück zum Vor- Bürger Marceau, ich, d. h. das Vaterland, rechne auf
wurfe? Dich.
Blanka! ſechs Tage und dann der entſetzliche Ruf, Es hat keinen eifrigern Vertheidiger, Bürger-Re-
den Du eben vernahmſt. präſentant, und wenn meine Talente . . .
Gott meines Herzens und meiner Gedanken, theu- Deine Talente, General, ſchätze ich, und ich, d. h.
rer noch hätt' ich das Glück bezahlt, Dir anzugehören. das Vaterland, hoffe, ſie auf einem Schauplatze ver-
Laß mich reiſen, ich will die Bürgſchaft holen, die wenden zu können, wo ſie Dir beſſeren Lohn tragen.
es bewahren wird. Mein Blut iſt ſein.
Bewahren willſt Du es und mich verlaſſen? ſagte Reiſe ab, General, kehre zurück nach Nantes; Car-
Blanka, Marceau umſchlingend mit ihren ſchönen Ar- riers Verſprechen . . .
men; ſonderbar, die Gegenwart einer unſichern Zukunft Darf ich nicht darauf bauen?
opfern . . . Das will ich nicht ſagen, allein laß keine Minute
Hier hallte ein leichter Schritt, und das Rauſchen über den von ihm geſtellten Zeitpunkt verſtreichen.
eines ſeidenen Gewandes im Korridor wieder. Das Lebe wohl, Bürger, ſagte der verliebte Marceau,
Fräulein von Saint-Urbain ward abgeführt. die Hand von Blankas Retter herzlich ſchüttelnd; -
Hörſt Du, Blanka? rief der General, ſich mit Ge-) nimmer vergeß ich, welchen Dienſt Du mir heute ge-
walt aus den Armen der zärtlichen Vendeerin reißend; leiſtet haſt.
Deine unglückliche Nachbarin wandelt dem unerbittli- Auch ich nicht, General Marceau; es wird mir im-
chen Tribunal zu, deſſen Urtheilsſpruch dem unglückli- mer höchſt angenehm ſein, mir einen braven und treuen
chen Beklagten kein Morgeu übrig läßt. Lebe wohl, Republikaner verpflichtet zu haben.
Theure; ich eile, Dich zu retten. Und einen letzten Ein Poſtklepper harrte des Generals; er ſchwang
Kuß auf die Lippen Blankas drückend, erſtickte er nur ſich in den Sattel, der vierte Tag von Carriers gege-
unvollkommen die Worte: leb' wohl, mein Geliebter, bener Friſt ging zu Ende und er hatte grade noch Zeit
für immer.- zur Rückkehr nach Nantes uud einige Stunden übrig.
Auf ein verabredetes Zeichen öffnete ein Schließer Wer damals mit Gold zahlte in Frankreich, brauchte
den Kerker vor dem General der Weſtarmeen, der vier nicht lange auf Erfüllung ſeiner Wünſche zu warten,
ſelige Stunden in der Gefangenſchaft hier zugebracht und ſo kam denn Marceau ohne Aufenthalt bis zwan-
hatte. Blanka horchte geſpannt auf den ſich mindern- zig Stunden von Nantes, wo plötzlich keine Pferde zu
den Schall ſeiner Schritte, mit denen auch ihr Glück haben waren; alles Zugvieh iſt zum Transport der
und ihre Hoffnungen ſchwanden. Bald umgab die Muntion für die Armee in Beſchlag genommen wor-
junge Gattin Einſamkeit und Grabesſtille. Bei Fackel- den, erwiederte man auf ſein Begehr. Marceau war
ſchein ward um dieſelbe Stunde ihre zweite Nachbarin, in Verzweiflung. Er ſah immer fort auf ſeine Uhr,
das Fräulein von Saint-Urbain, guillotinirt. ſtimmte in die Verwünſchungen anderer Reiſenden ein,
Robespierre bewilligte die Begnadigung Blan- welche ebenfalls aufgehalten wurden, nnd ſah mit
kas von Beaulieu auf der Stelle und ließ ſie vor al- Schrecken, daß die zwei Stunden verſtrichen waren, die
len andern Sachen ausſertigen. er über ſeine Zeit hatte. Jetzt war kein Augenblick
Bürger-General, - ſagte er zu Marceau; das Va- zu verlieren. Da nahte eine Staubwolke von Nantes
terland hat Dir nichts zu verſagen und dankt Dir zu her, Helme blitzten; Reiter! rief der General jubelnd
viel, um geizig gegen Dich zu ſein, zumal, wenn Du und ſprang ihnen entgegen. Es war ein Detaſchement
im Namen der Menſchlichkeit bitteſt. Man mißbraucht vom achten Dragonerregiment, ſein Befehlshaber er-
ſie dermalen eben nicht dazu . . . kannte ſogleich den Obergeneral, der ihm ſeine Lage
Und das iſt ein großes Unglück, Bürger-Repräſen- kurz auseinanderſetzte. Jm Nu waren die drei beſten
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