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Heidelberger Volksblatt (4) — 1871

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Nr. 44 - Nr. 51 (3. Juni - 28. Juni)
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Nr. 44.

Samſtag, den 3. Iuni 1871.

Sicheint Mittwoch und Samſtag. Preis monatlich 12 kr. Einzelne Nummer à 2 kr. Man abonnirt in der Druckerel, Schiffgaſſe 4
uuuund bei den Trägern. Auswärts bei den Landboten und Poſtanſtalten.

— — —

Eine Redoute.
„(Eine Erzählung.)

„Heut iſt Lichtmeß! man bemerkt es doch recht ſehr,

daß der Tag zugenommen hat! Schon iſt ein Viertel
auf Sechs, und noch ſo hell, daß ich nähen kann.“ —
So ſagte Julie, mit dem, bis auf einige Stiche vollen-

deten Schweizeranzuge an's Fenſter eilend. — Jetzt
forderte ihr Valer, der alte Syndikus Wange, aus ſei-

nem Lehnſtuhle heraus, zum Drittenmal ein Glas Waſ-

ſet; doch Molly, ſeine Nichte, reichte ihm ſtatt deſſen

den breunnenden Wachsſtock. — Nun loderte der Grimm

des Podag riſten in lichten Flammen auf. „Daß Dich!“
rief er erbittert, den Krückenſtock heftig auf die Erde
ſtampfend: „wollte ich doch, ich hätte mich eher zehn-

mal an das kranke Bein geſtoßen, als ich mir die Er-
laubniß zu der verdammten Redoute habe abſchwatzen

laſſen! Iſt mein Haus nicht ſeit drei Tagen ein wah-
Geht nicht Alles verkehrt? —
Vorhin fordere ich eine Schlafmütze und Julie bringt
mir Hut und Stock; ich verlange wiederholt ein Glas

res Narrenhoſpital?

Waſſer — und Molly reicht mir den Wachsſtock. —
Ja, ja! ſo lange man Euch Mädchen die ordinäre Koſt
des häuslichen Einerlei reicht, ſo lange bleibt Ihr ge-
ſund an Leib und Seele; laßt man Euch aber nur ein-
mal von der Frucht des Vergnügens koſten, ſo iſt es

auch, als hättet Ihr von der Tollwurzel gegeſſen, und

ſelbſt die Vernünftigſten unter Euch machen hiervon
keine Ausnahme.“ Bei dieſen Worten ſah er ſeitwärts
auf Molly, welche während dieſer Rede mit dem Glas
Waſſer in der Hand vor ihm ſtand, und ihr durch ei-
nen ſanft bittenden Blick ihrer milden Augen zu be-
gütigen ſuchte.
ö Indeß Julie ihren Anzug zuſammenſuchte, und an
dieſem eder jenem Sfück noch etwas zu verbeſſern fand,
entfernte ſich Molly und kam nach einer halben Stunde

als die niedlichſte Bewohnerin des reizenden Helvetiensd

wieder. Selbſt das finſtere Auge des grämlicheu Alten
erhellte ſich beim Anblick dieſer lieblichen Geſtalt. —
Jetzt half Molly Julien beim Ankkeiden. Sie ſchlang

das lange blonde Haar in künſtliche Flechten, ſchnürte
den ſchlanken Leib in ein knappes Mieder, und ſuchte

gefällig und neidiſch Alles hervor, was die natürliche
Schönheit ihrer Couſine erheben konnte.

Julie betrachtete den gelungenen Anzug wohlgefäͤl⸗
lig im Spiegel. Auf ihren dunkelglühenden Wangen

malte ſich die Vorempfindung des erwarteten Vergnü-
gens, und in den ſtrahlenden Augen brannnte der ge-

hoffte Triumpf über die Wirkung ihrer Reizz.
Es pochte. Man öffnete. Ein Gerichtsdiener brachte
dem Syndikus noch Akten zur Unterſchrift. „Der
Schreiber ſoll kommen, und Tinte und Feder mitbrin-
gen!“ rief der Alte, und Molly beſtellte den Auftrag.
Julie, welche in ihrer Zerſtreuung das Verlangen des
Vaters überhört hatte, glaubte, als ſie den Tritt des
Schreibers auf dem ſtillen Hausflur ertönen hörte, der
Kaufmann Anker, ihr Begleiter komme, ſie zum Ball
abzuholen. Sie wollte heute einen Total-Cindruck auf
den — ſichtlich zwiſchen den Couſinen ſchwankenden —
Verehrer hervorbringen; er durfte ſie daher nicht eher
überraſchen, als bis auch die letzte Nadel den rechten
Platz gefunden. — Sie eilte ſtürmiſch an die Thüre;
in demſelben Augenblick trat der Schreiber ein; durch
Juliens heftige Bewegung flog dos größte aller Tin-
tenfäſſer aus ſeiner Hand — Der ſchwarze Strom über-
fluthete den Purpur des ſeidenen Röckchens und ergoß
ſich zehnarmig bis zum geſtickten Zwickel des ſeidenen
Strumpfes. — Julie ſchrie vor Entſetzen lant auf;
ſie rang die Hände, und über das todtenblaſſe Geſicht
zuckten Schrecken und Zorn. Der Schreiber ſtammelte
zitternd einige Entſchuldigungen — der Alte fluchte
und tobte, und Mollys tröſtende Stimme ging in die-
ſem Orkan verloren. Endlich — als der Zorn des
Syndici ſo wüthend ward, daß Juliens Verzweiflung
ſchüchtern davor zurückbebte — gelang es Molly, ſich
Julien beruhigend verſtändlich zu machen. — „Weißt
Du was, liebe Julie?“ ſagte ſie mit Engelsfreundlich-
keit, „nimm meinen Auzng. Wir ſind von einerlei
Größe und Stärke, er wird Dir ſo gut paſſen, als der
Deinige. Auch thut mir ohnehin der Kopf etwas weh,
und ich opfere wenig auf, wenn ich zu Hauſe bleibe.
Du aber haſt Dich ſo lange ſchon auf das Vergnügen
geſreut!“ * ö
Julie weigerte ſich zwar einige Zeit, Mollhs Aner-
bieten anzunehmen; doch gab ſie endlich deren liebevol-
lem Andringen nachr —
Jetzt erſchien Kaufmann Anker, ſeine. Damen abzu-
holen. Er war durch Mollys Zurückbleiben, deſſen
wahre Urſache man ihm jedoch verſchwieg, betroffen,

und ſah in des Mädchens ſtillem Opfer nur die Unbill

des weiblichen Eigenſinnes. Er fühlte ſich verletzt —

gekränkt. Denn eben heute hatte er Molly ſeine Nei-
Zeichen ihres erwiedernden Wohlwollens nicht trügeriſch
 
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