Heidelberger Volksblatt — 4.1871

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junge Mann unſerer Achtung unwürdig? Was haf
Du Ungünſtiges über ihn erfahren? Wenn man Bö
ſes über ihn geſprochen hat, ſo iſt es Verläumdung
ſchändliche Lüge! Man braucht meinen Emil nur ein
einziges Mal geſehen zu haben, um es auf ſeiner Stirn
zu leſen, daß er ein Mann von Ehre iſt.
Jhren Emil! ſagte Madame Firmin und ließ
wie eine Verzweifelnde die Arme ſinken, ach! Madame
Deschamps, dahin haben Sie die Sachen kommen laſſen?
Nun, wahrhaftig, Madame Firmin, durch Jhr Zu-
thun iſt es nicht geſchehen, daß ſie nicht noch weiter ge-
kommen ſind!
Meine Mutter, nahm Juliette wieder das Wort,
weil ſie glaubte, der ganze Zank habe ſeinen Grund
in einem Jrrthume des Gedächtniſſes; liebe Mutter
ich erinnere mich aber ganz deutlich, daß Du wollteſt,
ich ſollte machen, daß mich Emil liebte!
Ja, das iſt wahr, ſagte Madame Deschamps
Jch weiß auch ſehr gut, daß unſere gute Nachba-
rin, aus reiner Gefälligkeit gegen Dich, erlaubte, daß
er zu mir kommen durfte.
Das iſt wahr.
Wohlan, liebe Mutter, ich ſchwöre es Dir, jetzt, da
ich nun das Glück gehabt, Emil's Liebe zu gewinnen,
ſoll auch nur der Tod mich zwingen, ihm zu entſagen.
Ta, ta, ta, entgegnete Madame Firmin, die Achſeln
zuckend; das Fräulein iſt romanhaft geworden in der
Geſellſchaft eines Schriftſtellers.
Bei dieſen im verächtlichen Tone ausgeſprochenen
Worten rief das junge Mädchen aus: Ein Schriftſtel-
ler! Jſt es wahr, Mutter, daß Herr Raymond Bücher
geſchrieben hat? Welches Glück, einen berühmten Mann
zu heirathen, ſeinen Namen zu führen! O, wie gern
möchte ich leſen, was er geſchrieben hat! es muß höchſt
intereſſant ſein! Aber er hat mich nichts davon ſehen
laſſen; er iſt ſo beſcheiden!
Jn der That, ſagte Madame Deschamps, ein guter
Schriftſteller will ſchon etwas ſagen . . . . Aber wer
hätte das in dem jungen Menſchen geſucht? Er kam
mit der Poſt.
Der Jmpertinente! murmelte Madame Firmin;
das thut er, um ſich einen Schein zu geben, weil er
den Namen eines Millionärs führt. Mit der Poſt zu
reiſen!
Zum Geier, Nachbarin wenn Jhnen der Reiſewagen
in die Augen ſtach, wer kann dafür? Jhre Einbildung
iſt ein wenig vorſchnell geweſen; denn für ihn ſtehe
ich, daß er ſich nicht den Schein von etwas Beſſerem
giebt, als er iſt; er hat weder das, noch das geſagt.
Es iſt hart, Madame Firmin, das gebe ich zu; aber
nach Allem zu ſchließen, iſt dieſer junge Mann vielleicht
keine ſo üble Parthie. Man ſagt, die Schriftſteller
machten jetzt Glück.
So mag er ſein Glück für ſich allein machen, er-
wiederte Madame Firmin trocken, denn meine Tochter
bekommt er nicht.


haben mich betrogen, Sie haben meine Tochter ver-
kauft! . . .
Jhre Tochter verkauft, ich! ich, die ich Tag und
Nacht über Sie gewacht habe, damit ſie nicht ein Opfer
Jhrer Kuppeleien werden ſollte! . . . Nein, das iſt zu
arg! Wenn Sie das nicht widerrufen, ſo rufe ich die
Nachbarn, die Wache, und dann ſollen Sie ſehen . . .
Während Madame Deschamps ſo ſprach, gab ſie ih-
ren Unwillen durch eine drohende Stellung und ener-
giſche Gebehrden genugſam zu erkennen. Jn der Re-
gel beruhigen ſich zornige Perſonen ſogleich, wenn ſie
ſehen, daß ihre Gegner die Defenſive aufgeben, und
auch ihrerſeits kräftig auftreten. So wie Madame
Firmin ihre Nachbarin in die größte Hitze gerathen
ſah, kühlte ſie ſich ab, und nachdem ſie ſich neben Ju-
liette, der dieſe Scene einen tiefen und aufrichtigen
Schmerz verurſachte, niedergeſetzt hatte, ſagte ſie in
einem weit ſanfteren Tone: Madame Deschamps, ein
letztes Wort; die Perſon, um welche es ſich handelt,
iſt nicht der Sohn eines Millionärs und Sie wußten es.
Nein, ſo wahr ich eine rechtſchaffene Frau bin, ant-
wortete die Hausbeſitzerin; aber meinetwegen kann er
der Sohn ſein, von wem er will, ich bin eine ehrliche
Frau; das bin ich, verſtehen Sie mich?
Ja, Mutter, ſagte Juliette, ſich die Thränen ab-
trocknend, Du haſt Dich getäuſcht, denn Du ſelbſt haſt
es angekündigt, daß Raymond's Vater Banquier und
Millionär ſei; und wenn er das nicht iſt, wen trifft
dann die Schuld? hat er einen falſchen Namen ange-
nommen?
Schweig, Schwätzerin, Du biſt ja nicht gefragt
worden!
Juliettens Frage iſt ganz vernünftig, ſagte Ma-
da me Deschamps, durch die neue Wendung ein wenig
belänftigt, heißt denn der junge Mann nicht Raymond?
Meinetwegen mag er Lucifer heißen, antwortete
Madame Firmin, wenn Jhnen der Name gefällt; ſo
viel iſt aber gewiß, daß er kein Banquier iſt. Sie wuß-
ten es, Madame Deschamps, Sie erriethen es ganz ge-
wiß, als Sie ſahen, daß er vor all' dem alten Gerüm-
pel Jhres Hauſes vor Entzücken hinſtarb: Jhre Schul-
digkeit war es, mich das wiſſen zu laſſen. Aber nein,
um den Miethsmann um 6 Fr. noch einige Tage län-
ger zu behalten, haben Sie die Zuſammenkünfte eines
Taugenichts mit meiner Tochter begünſtigt, haben die-
ſen jungen Leuten eine unbeſchränkte, der Schicklichkeit
und meinen Grundſätzen ganz zuwiderlaufende Freiheit
gelaſſen! . . .
Es iſt abſcheulich! abſcheulich! ſchrie Madame Des-
champs völlig außer ſich, es iſt eine Schande! Wenn
ich einen Fehler begangen habe, Madame Firmin, ſo
iſt es der, daß ich mich in Jhre Angelegenheiten ge-
miſcht habe. Aber man ſtecke nur die Naſe in einen
ſchwarzen Topf und man kommt heraus wie ein Neger.
Mutter! meine liebe Mutter! beruhige Dich; und
Sie, meine gute Madame Deschamps, faſſen Sie ſich,
ſagte Juliette, ſich zwiſchen die beiden Alten ſtellend,
. . . . Ach! Mutter, laß mich nicht länger in dieſer
ſchrecklichen Pein, ich würde unſinnig werden. Jſt der

(Schluß folgt.)
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