Heidelberger Volksblatt — 4.1871

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unterrichtet worden, am andern Morgen im Schatten
der Linde ſich niedergelaſſen, als der kräftige Theologe
ihn mit ſtarkem Arm erfaßte und nach dem Holzſtalle
ſchleppte. Hier hielt er dem neuen Heiligen eine kurze
aber erbauliche Predigt, in welcher er darthat, daß es
gegen den Willen Gottes ſei, ſein von den Almoſen
des Volkes erpreßtes Brod im Eigenſinn und Müßig-
gang zu eſſen. Er werde ihm daher eine Beſchäftigung
geben, die er (Lange) mit ihm theileu und wofür er
ihm hoffentlich danken werde. Holzſägen ſei eine
nützliche und dabei ergötzliche Arbeit, mit der ſie ſo-
gleich, und zwar für's Erſte auf drei Stunden, begin-
nen wollten. Geſagt, gethan. Der erhabene Prophet
mußte wohl oder übel zur Säge greifen, und ſo oft er
im Schweiße ſeines Angeſihts ſtöhnend ausrief: "Ei,
der Prophet Elias muß Holz ſägen! 0 tempora! o
wores!" rief Lange ihm eindringlich zu: "Fort, fort,
mein Freund, nicht Zeit iſt es, zu ſtöhnen, nur friſch
gearbeitet! Der erſte Elias war kein Müßiggänger
und Faullenzer, warum ſollte es der zweite beſſer ha-
ben?" Nachdem das Tagewerk um elf Uhr beendet,
ſprach der junge Theologe: "Jetzt, mein Freund, nach-
dem wir miteinander gearbeitet, ſei es uns vergönnt,
auch einen Biſſen Brod mitſammen zu eſſen." Und er
führte ihn an den Tiſch ſeines Freundes, wo er wäh-
rend der Mahlzeit eine ſtattliche Strafpredigt über das
unordentliche Leben und den Betrug des Fleiſches hielt.
Damit ward der Prophet entlaſſen, ihm jedoch in Aus-
ſicht geſtellt, daß wenn er ſich jemals wieder unter der
Linde würde erblicken laſſen, das Geſchäft des Holzſä-
gens ſeiner harre. Das wirkte. Noch an demſelben
Tage verließ der Prophet nicht nur den kühlen Schat-
ten der Linde, ſondern kehrte auch der verderbten
Stadt für immer den Rücken zu.

Es ſeien dreierlei Sinn und Art der Menſchen:
Gute, die Anderer Schriften auslegen, Beſſere, die
fremder Sprachen Bücher überſetzen; die Beſten, die
ſeibſt etwas Gutes ſchreiben!
Ein Philoſophus ſoll ſeine Begierden entweder bre-
chen, oder doch verbergen können!
An witzigen und verſtändigen Leuten ſoll man mer-
ken, wie ein Tag den andern lehre.
Das ſei der lieblichſte Tod, den man durch einen
herrlichen Namen bei der Nachkommenſchaft überlebe!
Lebendige ſollen Lebendigen dieneu, dann es wiſſe
Keiner, was er nach ſeinem Tode für Erben bekomme.
Gefragt, wie man Einen follte kennen lernen? ant-
wortete er: An ſeinen Freunden und Geſellen!
Gefragt, worin das menſchliche Weſen beſtünde? ant-
wortete er: Nehmt ihnen die Red' nnd die Vernunft,
ſo werden ſie nichts übrig haben!
Die ihre Freunde in der Noth ließen, nennt er
Monatsfreunde!
Die Poeſie nennt er eine göttliche Bewegung des
Gemüths.
Die Tugend, ſagte er, ſei wie ein Schwamm und
wie ein Kieſelſtein; jener, wenn man ihn drückt, zeucht
er ſich zuſamnen, dieſer, wenn man ihn ſchlägt, giebt
Feuer.
Er machte mit Niemand Freund- oder Kundſchaft,
als mit Denjenigen, welche, wie er ſagte, entweder ihn
oder die er beſſern könnte!
Als er Einen ſtrafte, und derſelbe ſich damit be-
ſchönen wollte, baß führnehme Leut' ſeinen Mangel
auch an ſich hätten: antwortete er ihm: Jhren Laſtern
folgſt du, aber ihren Tugenden nicht!
Als er ſeiner guten Bekannten einen an einen Ort
verſchrieben hatte, derſelbe aber unfleißigr war, als
man ihm zutraute, alſo ihrer etliche Celtem ermahne-
ten, daß er ihn deßwegen ſchelten und ſtrafen ſollte,
antwortete er: Jch hab' einmal gelobt, ich kann ihn
nicht ſchelten!
Gefragt: Was Neues? antwortete er: Nichts ande-
res, als neue, närriſche Gedanken, Opinionen, Heuche-
leien, und neue angenommene Weiſen in verkehrten
Gemüthern!
Denjenigen, die die Wohlredenheit und griechiſche
Sprache verachten, ſagte er: Es ſei leichter, etwas Gu-
tes verachten, als lernen!
Als er gefragt ward, welches der beſte Sieg ſei?
antwortete er: Wenn man ſeinen Feind zur Reue, und
nicht zur Mißgunſt bringe!
Gefragt: Welches die rechte, wahre Luſt ſei? hat
er geantwortet: Die, auf welche keine Reue folget!
Gefragt: Warum er ſo gar nicht nach Gut trachte?
antwortete er: Jn großen Häuſern ſtecken große Sor-
gen, wer ſorgt, der hat nicht, was er hat!

Sprüche von Conrad Celtes.

Von dieſem werden folgende Apophthegmata ge-
funden:
Es lebe Keiner, dem nicht etwa eine Thorheit be-
gegnet ſei; es ſei nichts ſchwereres, als ſich ſelbſt ken-
nen lernen.
Der Schlaf, der Wein, die Philoophie und ein gu-
ter Freund ſeien eine Erleichterung, und führen uns
ſanft durch das Leben.
Wein und Vers, je älter, je köſtlicher ſie werden!
Ein weiſer Mann ſoll Derjenigen Loben oder Schel-
ten nicht achten, die ſelbſt kein lobwürdig Leben führen.
Die Tugend ſei wie Oel, man ſchütte es in's Waſ-
ſer, oder ſonſt wohin, ſo ſchwimme es immer oben!
Ungelehrte Regenten ſeien wie eine Orgel; die pfeift
nicht, wann ihr nicht ein Anderer einblaſe.
Die ſeien glückſelig, die Andere zum Guten anwei-
ſen, noch glückſeliger die, ſo ihre guten Gedanken und
Einfälle der Nachkommenſchaft mittheilen; die aller-
glückſeligſten ſeien die, ſo Beides thun.
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