Heidelberger Volksblatt — 4.1871

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Krieges. Mit dem Beginn des neuen Jahres ſollte die
große Heerfahrt nach Paris beginnen. Ein charakte-
riſtiſches Gedicht von Kopiſch zeichnet uns die Situa-
tion und die ſo eigenthümlich kräftige Weiſe des grei-
ſen Heerführers unübertrefflich:

Die Heere bleiben am Rheine ſteh'n:
Soll man hinein nach Frankreich geh'n?
Man dachte hin und wieder nach,
Allein der alte Blücher ſprach:
Generalkarte her!
Nach Frankreich geh'n iſt nicht ſo ſchwer.
Wo ſteht der Feind?" -

"Der Feind? - Dahier!"
"Den Finger d'rauf! Den ſchlagen wir!
Wo liegt Paris?" -

"Paris? - Dahier!"
"Den Finger d'rauf, das nehmen wir!
Nun ſchlagt die Brücke über'n Rhein,
Jch denke, der Champagnerwein
Wird, wo er wächſt, am beſten ſein!"

Vorwärts," der wie der Schatten des Kaiſers ſeinen
Fußtapſeu folgte, war leider von den Befehleu des
Hauptquartiers abhängig, und hier beeilte man ſich
nicht, die gemeinſame Verfolgung mit allem Nachdruck
fortzuſetzen. Vielleicht daß man Napoleon nicht einmal
zu vernichten wünſchte, und lieber einen erträglichen
Frieden mit ihm im Auge hatte. Auch drohten bald
die diplomatiſchen Verhandlungen, die man in Frank-
reich aufnahm, das mit der Feder zu verderben, was
man mit Blut und Eiſen errungen hatte. Es waren
zu viele Herrſcher vorhonden, die lähmend einwirkten.
Weder die leider reſtaurirten Fürſten Deutſchlands,
noch die bonepartiſtiſch geſinnten Mitglieder des Rhein-
bundes, mit denen man allzu ſchonend verfuhr, hatten
ein anderes Ziel vor Augen, als die kleinlichſte Wah-
rung der eigenen Jntereſſen, die Wahrung der unum-
ſchränkteſten Souveränetät auf Koſten des gemeinſamen
Vaterlandes.
Wer einen Blick hinter die Kouliſſen warf, erblickte
ein durch die Schuld der deutſchen Fürſten in ſich zer-
klüftetes, getrenntes Deutſchland, von deſſen Zukunft
Niemaud eine Ahnung hatte und haben wollte, für deſ-
ſen Einheit ein Mann wie Stein zürnend und war-
nend zu tauben Ohren ſprach. Und wie ſich ſpäter
beim Friedensſchluſſe ja an den Tag legte, wurden die
wahrhaft deutſchen Jntereſſen nicht minder durch die
fremden Allianzen in jeder Weiſe beeinflußt und be-
nachtheiligt. Es lag in Goethe's Worten, der für die
deutſche Bewegung nicht recht erwärmt wurde, immer-
hin eine tiefere Wahrheit, wenn er ſagte: "Franzoſen
ſehe ich nicht mehr und nicht mehr Jtaliener; dafür
aber ſehe ich Koſaken, Baſchkiren, Kroaten, Wagyaren,
Kaſſuben, Samländer."
Die Hauptſtütze der Kaiegs-Parthei, die ſich keines-
wegs mit dem Metternich'ſchen projektirten faulen Frie-
den begnügen, ſondern den Kampf bis zur Entthronung
Napoleons fortführen wollte, waren Stein und das
Blücher'ſche Hauptquartier. "Warten wir," ſchried
Gneiſenau dem Könige von Preußen, "ſo vergönnen
wir dem Feinde die Zeit, Rekruten zu ſammeln, und
Mittel zu entwickeln, um ſelbige feldfähig zu machen.
Wenige Monate werden verfließen, und wir werden
wieder zahlreiche Armeen auftreten ſehen, die unſere
tapferen Soldaten auf's Neue bekämpfen müſſen. Fah-
ren wir hingegen fort, unſere Siegesbahn zu verfol-
gen, ſo liegt hierin eine Härte gegen unſern achtungs-
würdigen Soldaten, der ſo viel getragen, gekämpft und
entbehrt hat. Die Hoffnung jedoch, durch einen, viel-
leicht noch zwei Monate verlängerten Feldzug, uns zwei
Kriegsjahre und Ströme von Blut und zweifelhafte
Schlachten zu erſparen, läßt mich über jenen Vorwurf
der Härte hinwegſehen."
Wenn Blücher in ſoldatiſcher Derbheit von diplo-
matiſchen "Schuften" ſprach, ſo war der Ausdruck zwar
nicht dem höflichen Komplimentirbuch entnommen, al-
lein die friſche, tapfere Geſinnung, aus der er hervor-
ging, gewann doch endlich die Oberhand. Das Mani-
ſeſt vom 1. November verkündete den Abbruch aller
Verhandlungen und die entſchiedene Fortſetzung des

Jn der Nacht vom 31. Dezember 1813 zum 1. Ja-
nuar 1814, mit dem Schlage zwölf, ging das ſchleſiche
Heer, 85,000 Mann ſtark, zu gleicher Zeit bei Mann-
heim, bei Caub und bei Coblenz über den Rhein. Die
Mitternachtsſtunde war gewählt, weil ohnehin das
Scheiden des alten und der Beginn des neuen Jahres
in jenen Gegenden durch Schießen und Lärmen gefeiert
zu werden pflegt. Andererſeits legte Blücher beſonde-
ren Werth darauf, das neue Jahr grade mit dem Rhein-
übergang anzufangen, um ſo den Anfang einer großen
erfolgreichen Zeit, die er vorausſah, noch bedeutſamer
zu bezeichnen. Die Franzoſen hatten gegenüber den
Mündungen der von der rechten Seite in den Rhein
ſtrömenden Flüſſe überall Schanzen aufgeworfen, allein
die ſchwachen Poſten durften nicht daran denken, den
Feind am Uebergange zu verhindern. Sacken erſtürmte
unter den Augen des Königs von Preußen die Neckar-
ſchanze gegenüber bei Mannheim, St. Prieſt nahm die
Lahnſchanze bei Mannheim, Blücher ſelbſt mit dem
Heertheil orks und einem Theil der Langeron'ſchen
Truppen ging bei Caub über. Es war die Pfalz am
Rhein, von wo aus er die Anſtalten zum Uebergange
leitete. Da die ruſſiſchen Leinwandpontons nicht hin-
reichten, ſo fuhren die erſten Truppen auf Kähnen
über. Jndeß die Brücke war kaum zu Stande gebracht,
als die Gewalt des Stromes den Theil zwiſchen der
Pfalz und dem linken Ufer fortriß und gänzlich umbog,
ſo daß die Arbeit auf's Neue gemacht werden mußte,
und zwölf bis vierzehn Stunden verloren gingen. Dieſe
Zeit hätten ſich die Franzoſen ſehr wohl zu Nutze ma-
chen können, allein ſie zogen ſich nach wenigen Schüſſen
zurück, und mit Hurrahgeſchrei drangen die Preußen
auf das linke Rheinuſer nach. Am Neujahrsmorgen
ſtand das geſammte ſchleſiſche Heer auf dem nun wie-
der freigewordenen deutſchen Boden.
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