Heidelberger Volksblatt — 4.1871

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gezwungenheit und ſchien in dem Kreiſe ſich immer be-
haglicher zu fühlen, was denn auf Stiller einen ſicht-
bar wohlgefälligen Eindruck machte, der ſich durch
wachſende fröhliche Laune kund gab. Jede Wendung
des Geſprächs gab dem Hausvater Gelegenheit, zu be-
merken, daß der Sohn ſeines Freundes ſehr wohl un-
terrichtet ſei, und Schappler, dem bisher ſein Prinzi-
pal für ein Orakel in der Handelswiſſenſchaft gegolten
hatte, konnte nicht umhin, als Samuel über den Ge-
genſtand der merkantiliſchen Verhältniſſe ſprach, ſtill
in ſich hinein zu brummen! Tauſendelement! der ver-
ſteht's!
Lieber Herr Klarens, ſagte Stiller nach aufgehobe-
nem Mahle, nun bitte ich, mein Haus ganz als das
Jhrige zu betrachten; gehen Sie, kommen Sie, fordern
S.e wann und was ſie wollen, und erlauben Sie mir
und den Meinen, eben ſo unbeengt mit Jhnen umge-
hen zu dürfen. Je länger Sie bei uns bleiben, deſto
angenehmer ſoll es mir ſein und als Beweis geiten,
daß Sie gern hier ſind.
Samuel beantwortete die Zuvorkommenheit des hei-
teren Mannes mit herzlicher Erwiederung, und ein
Handſchlag bekräftigte die zwiſchen ihnen getroffene Ue-
bereinkunft.
Jch mache ſogleich Gebrauch von Jhrer gütigen Er-
laubniß, ſagte Samuel, gegen die Frauenzimmer mit
einer Verneigung ſich wendend, und will einen Gang
durch die Stadt machen, um meine zuſammengerüttel-
ten Glieder wieder in Ordnung zu bringen; nebenher
habe ich auch einige Briefe abzugeben.
Wollen Sie Jemand als Wegweiſer mitnehmen, da
Sie hier fremd ſind? fragte Stiller.
Jch finde mich leicht zurecht, antwortete Samuel ab-
lehnend.
Man ſchied auf baldiges Wiederſehen, und Alles
ging an die gewohnten Geſchäfte.
Wie gefällt Euch Herr Kiarens? ſragte die Mutter
vertraulich, als ſie mit ihren Töchtern den Tiſch ab-
räumte.
Sybille, welche in dieſer Frage die Vermuthung ih-
rer Schweſter beſtätigt zu finden glaubte und ihre Ver-
legenheit kaum zu bergen wußte, antwortete kleinlaut:
er iſt recht artig!
Margarethe, um der Mutter Aufmerkſamkeit von
Sybillen abzuwenden, ſagte raſch und in munterem
Tone: ich weiß nicht, liebe Mutter, ob einem Mädchen
ein junger Mann gefallen - oder vielmehr, ob ſie es
geſtehen darf, aber als Antwort auf Deine Frage, die
ich jedenſalls zu geben ſchuldig bin, ſage ich: er gefällt
mir recht wohl!
Am zufriedenſten mit Samuel war Stiller. Es iſt
das Ebenbild ſeines Vaters - ſagte er in geheimer
Conferenz mit ſeiner Gattin - beſcheiden, verſtändig
und voll Kenntniß ſeines Fachs. Gegen ſeine Figur
iſt nichts einzuwenden, und wenn er auch kein ausge-
zeichnet ſchönes Geſicht hat, ſo wird der Mangel durch
einen Zug vollkommener Guthmüthigkeit erſetzt, der
tiefern und bleibenderen Eindruck macht, als eine glatte
nichtsſagende Larve

Du haſt Recht! beſtätigte Frau Stiller, aber eben
deßwegen ſind meine früher geäußerten Bedenklichkeiten
noch nicht gelöſt. Es bleibt mir unbegreiflich, ich wie-
derhole es, daß ein junger Mann von ſolchem Aeuße-
ren, der einzige Sohn eines ſehr wohlhabenden Man-
nes, keine paſſende Barthie in der Reſidenz gefunden
hat und an uns kommt.
Um ſo ehrenvoller für uns! entgegnete Stiller.
Sollte vielleicht - was wir beide nicht wiſſen kön-
nen - ſollte Herr Klarens in ſeinem Vermögen zu-
rückgekommen ſein und die Lücke durch uns wieder aus-
füllen wollen, weil er uns für reicher hält als wir
ſind? Ein Kaufmann kann gegen ſein Verſchulden
durch mißglückende Spekulationen in ſolchen Fall kommen.
Wo denkſt Du hin? fiel Stiller ein, Klarens iſt ein
kluger und vorſichtiger Mann, der ſein Geſchäft ver-
ſteht und ſich gewiß nie in zu gewagte Spekulationen
eingelaſſen haben wird, dafür kenn' ich ihn. Sein
Haus gilt in der ganzen Handelswelt als ſehr ſolid;
ich ſage Dir, er kommandirt mindeſtens ſeine achtzig-
tauſend Gulden.
Nun, ſo muß es ſonſt eine Bewandtniß haben, be-
hauptete die Gattin - und es iſt unſere Pflicht, recht
vorſichtig zu Werke zu gehen und nach allen Seiten
hin zu beobachten, ehe wir uns in Verbindlichkeiten
einlaſſen.
Höre Mütterchen! ſagte Stiller, ich ehre Klugheit,
ich achte und übe Vorſicht, aber hier ſcheinen mir beide
nicht ſo außerordentlich von Nöthen. Jch ſage Dir,
daß ich bei der ganzen Sache auf nichts ſonſt begierig
bin, als darauf, ob eine von meinen Töchtern und
welche ihm gefallen wird, um alles Uebrige trage ich
keine Sorge. Jhr Frauenzimmer ſeid ja iu ſolchen
Dingen am ſcharfſichtigſten; beobachte ihn im Beiſein
der Mädchen, es wird fich bald zeigen, wohin er ſeine
Reigung wendet. Gieb Acht! er wählt Sybillen; und
auf ſie ſcheint er auch Eindruck gemacht zu haben, ſie
getraute ſich ja während des Eſſens kaum die Augen
aufzuſchlagen.
So ungern ich eines meiner Kinder in unſerer Mitte
vermiſſen möchte, fuhr Steller fort, ſo würde ich doch
mit Freuden in dieſe Ehe willigen, weil ich es gut
verſorgt wüßte. Sieh, Mutter! ich traue den gewöhn-
lichen jungen Männern in dieſer Zeit nichts Gutes zu,
das will ich Dir hier unter vier Augen geſtehen. Es
herrſcht ein Geiſt unter denſelben, der mich zuſammen-
ſchreckt, wenn ich einen Laut davon höre. Um's dritte
Wort heißt es: Fortſchritt! Volksrecht! Bürgerthum!
Freiheit! Gleichheit! und was dergleichen wieder Mode
gewordene alte Wörter mehr ſind. Jch ehre und achte
dieſe Dinge; ich bin ſelbſt Bürger und vernünftige,
geſetzliche Freiheit iſt ein edles Gut, das jeder redliche
Mann mit ſeinem Herzblut vertheidigen muß; aber ich
möchte wohl ſehen, wie es in der Welt zugehen würde,
wenn ſolche - in voller, wilder Freiheit waltenden
Faſelköpfe die Gleichheit herſtellten. Sieh', Mutter!
ich wollte lieber meine Töchter alte Jungfern werden
ſehen, als ſie mit Männern verheirathet wiſſen, die ſolche
verzweifelte Jdeen im Kopfe haben, welche nirgend und
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