Heidelberger Volksblatt — 4.1871

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Nr. 18.

Samſtag, den 4. März 1871.

4. Jahrg.

Erſcheint Mittwoch und Samſtag. Preis monatlich 1 kr. Einzelne Nummer à 2 kr. Man abonnirt in der Druckerei, Schiffgaſſe 4
und be den Trägern. Auswärts bei den Landboten und Poſtanſtalten.

Des Freundes Sohn.

Ein Familiegemälde von Karl Haniſch.

(Fortſetzung.)

Schappler eilte in den Laden, um ſeine Doſe mit
Doppelmops zu füllen, während Samuel aus dem
Gaſtzimmer ſeine Tabakspfeife holte, die er, in der
Hand tragend, herunterhrachte.
Sie häben da ein ſchönes Gemälde auf dem Pfeik
fenkopfe, ſagte die begegnende Margarethe, die Gele-
genheit ergreifend, um durch ein freundliches Wort die
kühle Behandlung bei'm Mittagsmahle einigermaßen
bei dem Gaſte gut zu machen.
Er iſt ſehr gut gemalt, entgegnete Samuel, den
Kopf zeigend.
Was ſtellt es denn vor? fragte ſie betrachtend.
Den Schweizerbund im Rütli, antwortete Samuel
Richtig! Drei Männer, die ſich die Hände reichen,
und drüber ſteht: "wir wollen frei ſein, wie die Vä-
ter waren." Jch danke und wünſche viel Vergnügen
auf dem Spaziergange, ſagte Margarethe, davonhü-
pfend.

Gnt, Kinder, daß ich Euch beiſammen fiude, ſagte
ſie, ich habe Euch etwas vorzutragen.
Beide traten näher.
Jhr ſeid in einem Alter, begann ſie, wo eine Mut-
ter ohne Zurückhaltuug einen Gegenſtand berühren
darf, der über kurz oder lang doch zur Sprache kom-
men wird. Es verſteht ſich, daß das, was ich jetzt
mit Euch abhandeln will, unter uns bleibt. Wißt ihr,
warum Samuel hier iſt?
Nein! antworteten beide Mädchen.
Hat auch Samuel während ſeines kurzen Hierſeins
nicht einer oder der andern von Euch eine beſondere
Aufmerkſamkeit gewidmet, eine Art von beſonderer
Zuneigung zu erkeunen gegeben?
Mir nicht, antwortete ſchnell Sybllle.
Mir auch nicht, verſetzte Margarethe, wenn das
nicht etwa dafür gelten ſoll, daß er mir ſeinen wun-
derſchönen Pfeifenkopf gezeigt hat, auf dem die drei
Schweizer im Rütli den Bund ſchließen und frei ſein
wollen, wie die Väter waren.
Ein ſolches Gemälde beſitzt er? fragte betroffen die
Mutter - nun, ſo iſt es doch wahr, was man dem
Vater geſchrieben hat. Hört alſo: Samuels Vater
wünſcht eine Verbindung ſeines Sohnes mit einer von
Euch; der Antrag wäre unter andern Umſtänden nicht
wegzuweſen, wenn der junge Klarens nicht einer -
Sekte will ich es nennen - angehörte, die dem Vater
und mir in den Tod zuwider iſt; ſomit kann aus der
Sache nichts werden, vielmehr iſt es unſere Pflicht,
Euch vor dem jungen Manne zu warnen, und unſer
Befehl, jedes nähere Verhältniß mit ihm zu vermeiden.
Jch will mich wohl hüten, verſetzte raſch Sybille.
Zu welcher Sekte gehört er denn? fragte Margarethe.
Jch will es Euch ſagen, aber ſo leiſe, als möglich,
damit dieſe Wände nicht dos fatale Wort vernehmen,
er iſt ein - und nun wisperte ſie beiden das Wort
in's Ohr.
Jch weiß nicht, was das eigentlich iſt, ſagte Sy-
bille, aber ich gehorche gern.
Jſt denn das ſo etwas Schlimmes? fragte kleinlaut
Margarethe.
Ja Kinder, etwas ſehr Schlimmes, antwortete die
Mutter, das glaubt meiner und des Vaters Verſiche-
rung,
Margarethe ſchüttelte zweifelnd das Köpſchen, weil
ſie nicht begreifen konnte wie Samuel und etwas
Schlimmes zuſammengehören könne; indeſſen - die
Eltern mußten das beſſer wiſſen, und ſo verſprach ſ

Beiden Mädchen war die trübe Laune der Eltern
aufgefallen, geſtern ſo freundlich und heute ſo zurück-
haltend, ſogar verlegen in Gegenwart des Gaſtes.
Sollte es bereits zu einer Erklärung über die Abſicht
des Beſuchs gekommen und eine abſchlägige Antwort
erſolgt ſein? Man reimte die Zuſammenkunft des
jungen Manues mit dem Vater im Comptoir und die
von deeſem Augenblicke an ſichtbar gewordene Kälte
gegen den Gaſt zuſammen und ihr Vermuthung ſchien
dadurch an Wahrſcheinlichkeit zu gewinnen, obgleich Sa-
muel eben n cht ausgeſehen, wie ein abgewieſener Braut-
werber. Sybille konnte die Frende nicht bergen über
die Möglichkeit eines ſolchen Vorganges, der ſie von
aller Beängſtigung befreite; nur Margarethe ſchien da-
mit nicht ganz zufrieden und meinte, es ſei doch nicht
recht, den artigen jungen Mann ſo Knall und Fall ab-
zuweiſen.
Wenn ich nur wüßte, ſagte die Letztere, wie ich es
mit Anſtand an die Mutter bringen könnte; ich möchte
gar zu gern Aufſchluß.
Dieſe, die unterdeſſen mit dem Gatten eine geheime
Unterredung gehabt hatte, trat eben ein.
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