Heidelberger Volksblatt — 4.1871

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Uebrigens finde ich an Gemälde und Motto nichts An-
ſtößiges oder Demagog'ſches. Wir wollen frei ſein,
wie die Väter waren - drückt keinen andern Wunſch
aus, als: wir wollen es haben, wie unſere Voreltern
und das iſt ein recht beſcheidener Wunſch, auf den ſich
nicht blos drei, ſondern drei Millionen Männer geſetz-
lich die Hände geben dürften.
Stiller nickte beiſällig mit dem Kopfe und ſagte:
Gut ausgelegt!
Nun kommt aber der wichtigſte Anklagepunkt, fuhr
er fort, der Beſuch in der Krone ſogleich nach Jhrer
Ankunft, bei einer Geſellſchaft, die bei allen Vernünf-
tigen im Verrufe iſt. Wie kamen Sie dahn?
Auf die natürlichſte und unſchuldigſte Weiſe von
der Welt, verſetzte Samuel.
Sie ſind gleich auf Antwort gefaßt und haben eine
eigene Stärke im Auslegen, fiel Stiler ein.
Die Wahrheit bedarf der Kunſt der Auslegung
nicht! entgegnete Samuel. Jch ſchleuderte in den Stra-
ßen umher, ſah mir die Häuſer an und die Menſchen,
und was ſonſt ſehenswerth war; da begegnete mir ein
junger Mann, den ich von Hauſe her kenne, und der
ſich freute, mich hier zu treffen. Er lud mich ein,
ihm in eine fröhliche Geſellſchaſt gleichgeſinnter junger
Leute zu folgen und da ich nichts zu verſäumen hatte,
ſo ging ich aus Gefälligkeit mit. Jch geſtehe aber, daß
es mich baid gereute. Jm Anfange waren die jungen
Herren recht artig und beſcheiden; wir ſprachen von
gewöhnlichen allgemeinen Gegenſtänden und ſtießen recht
munter und freundlich auf neue Bekanntſchaft miteinan-
der an; aber bald leukte ſich das Geſpräch auf öffent-
liche Angelegenheiten und nun war es, als ſühre ein
anderer Geiſt in ſie, ſogar die Geſichter verwandelten
ſich und nahmen bei einigen etwas wildes - ſatani-
ſches, kann ich ſagen, an. Jch hätte nie geglaubt,
daß hier, in einer weniger großen und ſo gewerbrei-
chen Stadt, wo mau alle Hände voll zu thun haben
muß, um mit den Geſchäiten fertig zu werden, ſolche
Wahnwitzige zu ſinden ſeien, die gewöhnlich nur das
Attribut großer Städte ſind, wo Müßiggang und Ueher-
muth zu ſolchen Schwammauswüchſen des Geiſtes
führen.


ind: man nennt ſie Demagogen. Sie beherbergen
einen Gaſt unter Jhrem Dache, dem dieſe Jdeen nicht
fremd ſind."
O, die Schelmen! rief lachend Samuel, denen es
gelungen iſt, einen ſolchen Verdacht auf mich zu wälzen.
Wie das? fragte Stiller betroffen.
Merken Sie denn nicht, Papa, daß es Scherz iſt,
daß man mir einen Streich bei Jhnen ſpielen wollte?
verſetzte Samuel. Mit wenigen Worten kann ich Auf-
ſchluß geben, was meine luſtigen Geſellſchafter dazu
vermocht haben mag. Meine Hierherreiſe war bekannt
unter ihnen, ich ſelbſt hatte am Vorabende derſelben
mit Vergnügen davon geſprochen und mich der gütigen
Aufnahme voraus gerühmt, die ich, auf das ſreund-
ſchaftliche Verhältniß mit meinem Vater rechnend, in
Jhrem Hauſe zu erwarten hätte. Jch hatte ſogar, was
ich Jhnen jetzt geſtehen muß, einige Worte fallen laſ-
ſen, daß mir ein ſchönes G ück für die Zukunft daraus
erblühen könne, - wie es eben geht, wenn die Zunge,
von Wein und Freude leicht gemacht, mit der Beſon-
nenheit davon läuft. Man zweifelte, um mich zu necken,
ich behauptete, um zu widerlegen, endlich kam es ſo
weit, daß ich auf die Erfüllung meiner Hoffnungen
wettete. Es war frivol, ich geſteh' es und ich habe mit
vollem Rechte am geſtrigen Tage dafür gebüßt. -
Man muß nun - woher, weiß ich nicht, vielleicht durch
einige Aeußerungen von mir ſelbſt - Jhre politiſchen
Geſinnungen, Jhre Abneigung gegen das neueſte Trei-
ben einer gewiſſen Parthei kennen, kurz, man baute
wahrſcheinlich darauf den Plan, meine Verhältniſſe hier
- mindeſtens ſür den Augenblick - zu ſtören und ſo-
mit mich die Wette verlieren zu machen, was über Er-
warten gelungen iſt.
Und Sie glauben - unterbrach ihn Stiller
Jch glaube - ſiel Samuel ein, daß Sie bei ruhi-
gerer und vorurtheilsfreier Leſung des Briefs nichts
finden werden, was dieſen Verdacht rechtfertigt. Man
warnt Sie im Allgemeinen vor den Demagogen, aber
wo ſteht denn geſchrieben, daß ich einer bin? Aller-
dings ſcheint der letzte Satz darauf hinzudeuten, oder
vielmehr, er iſt pfiſfiger Weiſe ſo geſtellt, daß er da-
rauf hindeuten muß; aber er ſagt ſo ſt nichts, als daß
Sie einen Gaſt haben, dem dieſe Jdeen nicht fremd
ſind. - Nun, beim Himmel! er giebt hundert Dinge,
die man weiß und wiſſen kann, ohne je Gebrauch da-
von machen zu wollen, das iſt wohl klar.
Sie ſind ein gewandter Ausleger, ſagte Stiller, in-
deſſen muß ich bekennen, daß ich mich allerdings von
meiner vorgefaßten Meinung vielleicht zu ſchnell habe
hinreißen laſſen und daß es mich herzlich freuen würde,
wenn ich die Ueberzeugung erlangte, daß ich mich ge-
irrt hätte. Aber da ſind, außer dem Warnbriefe, noch
andere Dinge zu erläutern, auf die ich, durch ihn ver-
anlaßt, erſt gekommen bin. Was tragen Sie für ein
Gemälde und welches Motto auf Jhrer Tabakspfeife?
Jch muß meiner Autwort hier voranſchicken, daß
die Pfeife nicht meine Wahl, ſondern das Geſchenk ei-
nes Freundes iſt, der bereits in die Wohnungen der
ewigen Freiheit eingegangen iſt, entgegnete Samuel.

(Schluß folgt)

Ein "letzter Ritter

Kulturhiſtoriſche Skizze von W. Angerſtein

(Schluß.)

Das erſchien Flemming bedenklich. Er ſchaffte nun-
mehr Pulver und Blei an, ließ das ganze Dorf mit
Palliſaden umgeben, und die Eingänge mit ſpaniſchen
Reitern verſperren. Er erwartete einen engeriſchen An-
griff, indeſſen blieb er vorläufig noch unbehelligt. Viel-
leicht hierdurch ſicher gemacht, wagte der Deſerteur ei-
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