Heidelberger Volksblatt — 4.1871

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heileiberger Bollsblat.

Nr. 26.

Samſtag, den 1. April 1871.

4. Jahrg.

Erſcheint Mittwoch und Samſcag. Preis monatlich 12 kr. Einzelne Nummer à 2 kr. Man abonnirt in der Druckerei, Schiffgaſſe 4
und bei den Trägern. Auswärts bei den Landboten und Poſtanſtalten.

Freiheit - Wahrheit

- Liebe!

D'rum auf, ihr Lehrer, die die Schulen lenken,
Legt Hand an's Werk, von jedem Wahn befreit,
Lehrt unſ're Kinder frei und richtig denken,
Erzieht ein neu Geſchlecht der neuen Zeit!
Verſunken mod're unter Schutt und Trümmern
Der Vorzeit grauenvolle Märchenwelt.
Jhr ſeht erſtaunt die neue Leuchte ſchimmern
Die hochauflodernd flammt zum Sternenzelt;
Gewaltig - glänzend, fruchtbar, göttergleich
Entfaltet ſich des Wiſſens endlos Reich.

So lang ihr zitternd zu den Götzen betet,
Die, Stein auf Stein, die Burgen ihrer Macht
Mit eurem Blut gekittet uud verlöthet,
Das ihr in reichen Strömen dargebracht:
So lang Kanonendonner euch die Lehre
Von Blut und Eiſen in die Ohren dröhnt,
Und wildes Kampfgeheul entmenſchter Heere
Den Jammerſchrei der Völker übertönt. -
So lange Schlachten ſich an Schlachten reih'n,
Kann in der Welt die Freiheit nicht gedeih'n!

Nicht länger ziemt's, die Geiſter zu bethören
Mit Dingen, welche Niemand wiſſen kann -
Was Jeder wiſſen ſoll, das bringt zu Ehren
Jhr aber leuchtet kühn der Welt voran.
Humane Bildung ſei hinfort auf Erden
Das Loſungswort - o macht ſie allgemein!
Dann kann ein Hirt und eine Heerde werden,
Und alle Menſchen können Brüder ſein!
Jm wahren Wiſſen liegt die Einigkeit! -
Jm Wähnen ew'ger Wahn und Widerſtreit!

So lang ein Prieſterthum mit finſtern Lehren
Die Menſchen trennt im Leben und im Tod,
Und jeder freien Meinung - Gott zu Ehren -
Mit Bann und ewiger Verdammniß droht;
So lang die Schule noch mit Hirngeſpinſten
Und Aberwitz der Seele Blüthen knickt,
Und mit des Myſtieismus faulen Dünſten
Den freien Geiſt im Kinde ſchon erſtickt,
So lang ein Prieſter glänzt im Heil'gen Schein,
Kann in der Welt die Wahrheit nicht gedeih'n.

Zu ſpät.

Nach den Feldpoſtbriefen eines Musketiers erzählt

von

W. Lackowit,

So lang die Racen endlos ſich befehden,
Fanatiſirt für Ehre, Macht und Ruhm,
Was frommen all' der Heuchler ſchönſte Reden
Von Menſchlichkeit und reinem Chriſtenthum?
Apoſtel wollt ihr ſein der Nächſtenliebe,
Und eines Vaters Kinder nennt ihr euch,
Jndeß der Leidenſchaften wild Getriebe
Jn Raub und Mord euch drängt, Hyänen gleich?
So lang die Völker feindlich ſich entzwei'n
Kann in der Welt die Liebe nicht gedeih'n.

Denke Dich, der Du vor den Schreckniſſen des
Krieges ſicher in Deinem Studierſtübchen ſitzeſt, denke
Dich hinaus auf die offene Landſtraße. Ein Unwetter
zieht herauf, reißend ſchnell; nirgends ein Obdach, nir-
gends ein Unterkommen, kein Baum, kein Strauch, ſo
weit Du ſehen kannſt. Jetzt bricht's herein, ein ent-
ſetzlicher Windſtoß brauſt vor ihm her, Blitz auf Blitz,
Donner auf Donner, ein Rauſchen und Sauſen in den
Lüften, und mit Macht ergießen ſich Sturm, Regen
und Hagel über Dich Wehrloſen.
Denke Dir das, und Du haſt ungefähr eine Jdee
von dem Gefühl, wenn die Kolonne Schulter an Schul-
ter gedrängt vorrückt, vor ſich die kahle Anhöhe, von
deren Gipfel die Geſchütze Tod und Verderben in die
Reihen ſpeien, zur Seite den Wald, hinter deſſen Bäu-

D'rum wollt ihr Freiheit, Wahrheit, Liebe haben,
So werdet Menſchen ſondern Heuchelei -
Jhr müßt den alten Haß und Groll begraben,
Der menſchgeword'ne Menſch allein iſt frei,
Macht, daß ihr mit den ewigen Geſetzen
Der Weltenordnung denkt in Harmonie!
Der Racen und der Sekten wildes Hetzen
Verthierung ſchuf es, aber Menſchen nie.
Wollt ihr der ſchönen Gotteswelt euch freu'n
So müßt ihr Menſchen werden, Brüder ſein!
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