Heidelberger Volksblatt — 4.1871

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men die feindlichen Kolonnen in beſtem Schutze ein
Feuer eröffnen, dem eigentlich Nichts müßte widerſte-
hen können. Das ſauſt, pfeift, praſſelt, platzt, - aber
immer vorwärts, nicht umſehen, nur gradeaus, laßt
ſtürzen, was ſtürzt. Jmmer raſcher wird der Schritt,
immer höher ſchwillt die Wuth, die ſich endlich in ei-
nem ſchallenden Hurrah! Luft macht. Und nun -
mitten im qualmenden Dampfe tauchen dicht vor uns
die Geſichter des Feindes auf - ein Schreien, Aechzen,
Stöhnen, Klirren, Krachen - -
Einen Schleier darüber!
Mir läuft es jeßt noch kalt den Rücken hinunter
wenn ich daran denke, wie wir ſo den Geisberg er-
klommen, die Thore des alten Schloſſes auf ſeinem
Gipfel einſchlugen und nun die auf dem Schloßhofe
Mann an Mann zuſammengedrängten Franzoſen buch-
ſtäblich niedermetzeln mußten, wie die Vorderſten von
uns fielen, die folgenden über ihre Leichen hinwegſpran-
gen und nun wütheten wie die Würgengel; wenn ich
daran denke, wie wir eben durch die Sauer gewatet
und naß bis über die Hüften die Höhe nach Froſchwei-
ler hinaufſtürmten und die dreimal geworfenen Kame-
raden ſtützten.
Jn ſolchen Augenblicken freilich denkt, fühlt man
nichts als das Vertangen, an den Feind zu kommen
und die Gefallenen zu rächen, eine namenloſe Wuth
verhindert jeden Gedanken.
Jch ſehe ſie noch durch die enge Dorfſtraße heran-
gebrauſt kommen, die prächtigen Geſtalten der Kuiraſ-
ſire, die wir für Baiern hielten und mit Siegesjubel
begrüßten, bis wir, faſt zu ſpät, unſern Jrrthum er-
kannten und dann, nur einen Moment ſpäter, Roß und
Reiter unter unſerm entſetzlichen Schnellfeuer zuſam-
menbrachen, daß auch nicht ein Mann an uns kommen
konnte.
Entſetzliche Scenen! Auch die Roheſten unter uns
habe ich ſtill werden und finſteren Auges auf das dam-
pfende Schlachtfeld ſtarren ſehen. -
Stumm reichte ich meinem Freunde Paul Karrſtedt,
meinem Nebenmanne die Hand, wir waren ja Beide
nebeneinander zum zweiten Male unverletzt aus dieſem
ſchrecklichen Getümmel hervorgegangen. Der finſtere
Ernſt, der für gewöhnlich auf dem bärtigen Geſichte
des Freundes lagerte, war noch um einen Schatten
dunkler geworden. War's ein Wunder? War mir doch
das eigene Herz ſo übervoll.

Ja, der Krieg mit ſeinen Schreckniſſen. Es iſt ge-
wiß ſchauerlich, mitten im Granatfeuer ſtehen oder mit
ſtürmender Hand gegen eine feſte Poſition vorgehen zu
müſſen, die Aufregung läßt indeſſen das Schreckliche
der Situation gar nicht zum Bewußtſein kommen. Si-
cherlich noch ſchauerlicher aber iſt es, die Folgen eines
ſo gewaltigen Ringens anſehen und ſich ſagen zu müſ-
ſen: Du kannſt hier nichts thun. Dieſe Schreckniſſe
des Krieges haben wir auf unſerm Wege hierher nach
Hagenau mehr denn zu viel ſehen müſſen. Zehn, zwölf
Mann liegen die ſchwer verwundeten Kameraden in
den verlaſſenen, öden, unwirthſchaftlichen Räumen der
Bauernhäuſer, mit theilnahmloſem Blicke den Eintre-
tenden anſtarrend, ſtumpf und gleichgültig gegen das
eigene Elend, ſich mit einem Zweige die läſtigen Flie-
gen abwehrend, - ein herzbrechendes Bild. Mitten
unter ihnen hält der Tod ſeine Ernte, ſie achten es
nicht; wie lange dauert's, und auch ſie deckt der Hü-
gel, der als einziges Erinnerungszeichen vielleicht einen
verdorrten Baumzweig oder einen Pfahl mit der Jn-
ſchriſt: 37 Mann vom . . . Regiment.
Wehe dem, der dies Elend auf ſeinem Gewiſſen hat!
Die Sieger von Weißenburg und Wörth waren da-
hin gezogen, um ſo ſchnell wie möglich die Vogeſen-
päſſe zu gewinnen; wir mußten bieiben, um demnächſt
nach Süden dirigirt zu werden, den fliehenden Abthei-
lungen des Feindes nach, die ſich nach Straßburg ge-
worfen haben ſollten. Hagenau war unſer Ziel, dort
ſoll ein größerer Truppenkörper zur Aktion gegen Straß-
burg zuſammengezogen werden, und ſo ſtrömen die
Landsleute aller Dialekte hier zuſammen, ein ſo bun-
tes Bild, wie ich's in deſem Kriege noch nicht geiehen.
Die Herren Franzoſen in Hagenau haben ſich über-
raſchend ſchnell in die Lage der Dinge gefunden. Die
jeunesse de agenau ſpielt ſchon wieder ungenirt ihre
Partie Billard im Kaffeehauſe, und der Wirth antwor-
tete auf meine deutſche Anrede mit der liebenswürdig-
ſten Frechheit: Monsieur je ne comprends pas votre
langue! Nun, hoffentlich wird der gute Mann unſere
Sprache bald genug gründlich verſtehen lernen, nur
ein wenig Geduld. -
Karrſtedt iſt ein ſeltſamer Menſch.
Verſchloſſen und einſilbig hält er ſich von den Ka-
meraden gänzlich zurück. An Sticheleien hat's nicht ge-
fehlt, ſeit er aber mal gründlich dazwiſchen geſahren
iſt, laſſen ſie ihn in Ruhe. "Der Herr Graf" iſt ſein
Ehrentitel, und es iſt wahr, es blickt manchmal etwas
Vornehmes aus ſeinem Weſen, das mich ſelber ſtutzig
macht. Nur mit mir macht er eine Ausnahme, obwohl
er ein ganz Theil älter iſt als ich. Er ſpricht wenig
und ich weiß auch nicht mehr von ihm, als daß er Jn-
genieur und Freiwilliger bei nnſerm Regimente iſt.
Nie habe ich ihn bis jetzt lachen ſehen, er muß wohl
ſchon Schweres in ſeinem Leben durchgemacht haben.
Jndeſſen ſtehen mir jetzt Eröffnungen aus ſeiner Ver-
gangenheit bevor, und ich bin, aufrichtig geſagt, ſehr
geſpannt darauf, denn Manches davon ſcheint ſich grade
an dieſe Gegenden hier zu knüpfen. Nun, warum
ſollte das auch nicht ſein? Er iſt Jngenieur, und dieſe

Hagenau! Durch das altersgraue Thor haben wir
unſern Einzug gehalten in dieſe ehemalige deutſche
Reichsſtadt. Es herrſchte ein unbeſchreibliches Getüm-
mel auf den Straßen; Preußen, Baiern, Naſſauer, Ba-
denſer, Alles bunt durcheinander, lebhafter Verkehr,
fortwährendes Kommen und Gehen. Dazwiſchen die
endloſen Transportzüge und Proviantkolonnen, Herden
von Schlachtvieh in den Gräben, welche die alten Stadt-
mauern umziehen; überall - der Krieg mit ſeinem
Getümmel, ſeinen Schreckniſſen.
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