Heidelberger Volksblatt — 4.1871

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Die Hexenwage zu Oudenwater.

Leute kommen viel herum in der Welt, mehr als wir
Büchermenſchen.
Wir gingen nämlich nach mehrtägigem Bivouakiren
in nnd um Wörth auf das Städtchen Sulz zurück, um
von hier aus die Straße nach Hagenau zu verfolgen.
Am Nachmittage des folgenden Tages waren wir in
Surburg, wo wir abermals bis zum nächſten Morgen
liegen bleiben ſollten, um uns nachrückenden Truppen
anzuſchließen; andere waren voraus, Hagenau ſchon
von den Deutſchen beſetzt.
Der Abend näherte ſich ſchon, als Karrſtedt mich
aufforderte, ihn zu begleiten.
"Wohin denn jetzt?"
"Komm nur!"
Dicht hinter dem Dorfe fließt der Sauerbach in ei-
nem prächtigen Thale. Mein Begleiter zeigte ſich mit
dem Terrain vollkommen vertraut. Hart an Bache
lief ein Fußweg hin unter überhängendem Geſträuch.
Unwillkührlich faßte ich mein Seitengewehr feſter.
"Laß nur," entgegnete er, als er die Bewegung be-
merkte, "ich denke, wir haben hier nichts zu fürchten,
wir könnten höchſtens unter alte Bekannte gerathen."
Nach einigen tauſend Schritten öffnete ſich das Thal
ein wenig, und eine Mühle lag vor uns, wie ich mir
romantiſcher eine Mühle gar nicht liegend denken kann,
ich habe höchſtens auf Bildern Aehnliches geſehen und
das Beſte daran der Phantaſie des Malers zugeſchrie-
ben. Selbſt der Krieg hatte dies romantiſche Fleckchen
Erde verſchont, aber das Rad ſtand ſtill, die Gebäude
waren verſchloſſen, und als wir ringsum gegangen wa-
ren, geſpäht und gehorcht hatten, mußten wir uns über-
zeugt halten, daß die Mühle gänzlich verlaſſen war.
Die Stille war unheimlich.
"Das macht die Furcht vor uns Menſchenfreſſern,"
ſagte ich endlich, um nur mit etwas dieſe drückende
Stille zu unterbrechen.
Paul antwortete nicht. Tief in Gedanken verſun-
ken ſtand er da, bis endlich ein ſchwerer Seufzer ſeine
Bruſt hob. Dann fuhr er ſich mit der Hand über die
Stirn und war mit einem ſichtlich gewaltſamen Ruck
wieder er ſelbſt.
"Komm!" ſagte er kurz und ſchritt voran, denſel-
ben Weg zurück. Erſt am Eingange des Dorfes ſtand
er ſtill.
"Jch bin Dir Dank und eine Erklärung ſchnldig,
Freund. Du ſollſt ſie haben, ſollſt das Geheimniß der
Bruchmühle kennen lernen, laß mich nur erſt mich ſel-
ber wiederfinden."
Er ſtreckte mir ſeine Hand entgegen. Jch muß ge-
ſtehen, daß mich eine Art von unheimlichem Gefühl be-
ſchlich, als ich die meinige hineinlegte.
Bis jetzt warte ich noch auf die Erklärung. Paul
iſt ruhig und ernſt, wie immer; ſeit wir aber in Ha-
genau ſind, will mir's vorkommen, als ſei eine Laſt
von ſeinem Herzen genommen. Du weißt aber, daß es
nicht meine Art iſt, Anderen mit Fragen läſtig zu fal-
len, er wird ſchon kommen.

Zu den ſeltſamſten Privelegien, die je ertheilt wor-
den ſind, gehört dasjenige, welches die holländiſche
Stadt Oudenwater angeblich von Kaiſer Karl V.
empfangen hatte. Seit der Zeit dieſes Kaiſers bis zu
Ausgang des 17. Jahrhunderts, alſo nahezu zwei Jahr-
hunderte hindurch, galt die Stadtwage zu Oudenwater
für die allein berechtigte Hexenwage. Der Ruf,
welchen die Wage in dieſer privilegirten Eigenſchaft
beſaß, war ſo groß, daß, wie Becker in ſeiner bezau-
berten Welt (1691) erzählt, Leute aus den Bisthümern
Münſter, Köln und Paderborn hinkamen, um ſich wie-
gen zu laſſen. Es waren ſolche, die man zu Hauſe
ungerachter Weiſe der Zauberei beſchuldigt hatte, und
die ſich nun durch dieſe Ar der Hexenprobe öffentlich
reinigen wollten. Der Beweis der Unſchuld ergab ſich,
wenn die angeklagte Perſon ſchwerer oder doch eben
ſo ſchwer war als das Gewicht, welches man nach der
vorangegangenen ungefähren Schätzung des Bürger-
meiſters in die andere Schaale gelegt hatte. Man ſieht
alſo, das Verfahren war ziemlich willkührlich und ließ
bei einigem Wohlwollen, das ja muthmaßlich auch der
Stadt eine gute Einnahme zuführte, immerhin den er-
wünſchten Ausgang zu. Man betrachtete den Körper
des Wage-Kandidaten und richtete nach der Beſchaffen-
heit deſſelben das Gewicht ein. Freilich, wer zu leicht
befunden wurde, der mußte nothwendig ein Zauberer
ſein und ſtand dann in Gefahr, daheim Gut und Blut
zu verlieren. Welchen praktiſchen Werth dieſe Probe
hatte, ergiebt ſich aus dem, was ein Oudenwater Raths-
ſekretär aus jener Zeit erzählt. Ein gewiſſer Oberlän-
der ſei mit Jemanden in Streit gerathen, der ihm im
ganzen Lande den böſen Namen machte, er ſei ein He-
xenmeiſter. Man rieth dieſem vorgeblichen Zauberer,
nach Holland zu reiſen, und ſich auf der Stadtwage zu
Oudenwater wiegen zu laſſen, um dadurch die Verläum-
dung zu Schande zu machen. Er ſei darauf angekom-
men, aber entweder aus Dummheit oder Furcht, oder
weil man ihn nicht gut unterrichtet hatte, ungewogen
wieder nach Hauſe zurückgekehrt. Man fragte ihn, ob
er die Probe gemacht habe? Weil er es aber nicht be-
ſcheinigen konnte, o nahm der Argwohn wider ihn zu;
man glaubte, er ſei zu leicht befunden worden, ſolglich
ſchuldig. Das Gerücht kam dem Richter des Orts zu
Ohren, der Befehl gab, oen vorgebihen Zauberer ge-
ſänglich einzuziehen; der aber ergriff die Fiucht. Er
kam zu Jemand, dem es beinahe ebenſo ergangen war
und dieſer rieth hm, nach Qudenwater zurückzukehren.
Beide trafen daſelbſt ein, der Angeklagte ward gewo-
gen, und kehrte desmal mit den erforderlichen Bewei-
ſen zurück, daß er gewogen ſei und das völlige Gewicht
gehabt habe. Dadurch erhielt er ſeinen guten Namen
wieder, nebſt ſeinem Vermögen, daß der Richter ſchon
eingezogen hatte.
Man mag der Gegenwart noch ſo viel Schlimmes
nachſagen, in die Zeiten der Oudenwater Stadtwage
wird ſich heutigen Tages ſchwerlich Jemand zurückſehnen.

(Fortſetzung folgt.)
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