Heidelberger Volksblatt — 4.1871

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Dann fühlet

Gedulde dich Herz! Bald löſen ſich dort die eng
noch geſchloſſenen Glieder,
Dann ſpiegelt im Thau, den ſelig du weinſt, ſich des
Andern Seligkeit wieder.
wohl auch das Mutterherz ſich erhoben
vom Jubel der Stunde,
An welches der Sohn verſtümmelt ſich lehnt. Für ſein
Volk empfing er die Wunde.
O jubelndes Volk, vergiß nicht die Pflicht, die ihm jeg-
liche Sorgen zerſtreue!
Germania muß nun Mutter ihm ſein. Sie vergelt
ihm dankbar die Treue.

Doch ihr, die ihr Thränen der Wehmuth weint und
wäret doch fröhlich ſo gerne,
Jhr könnt es nicht ſein. Zu ſchwer iſt das Herz. Jhr
denkt an ein Grab in der Ferne.
O weinet nicht mehr! ſie ſtarben ſo ſchön - das war
ein gar heiliges Sterben,
Ein Märtyrertod für das Vaterland - kein beſſerer
iſt zu erwerben.
Den Gräbern entſprießt Germanias Ruhm in ſchönſter,
erhabenſter Reinheit,
Der köſtlichſte Ruhm, der in Frieden erſtrebt den Se-
gen der Freiheit und Einheit.

Zu ſpät.

hinaufblickte hinter denen er, noch trunken von Liebe
und Glück, auf- und abwandelte.
Vergebens waren felbſt die flehentlichen Bitten des
geliebten Mädchens, auf der Hut zu ſein; Viktor mochte
nichts hören, er vertraute ſeinem ehrlichen Muthe und
ſeinem ſtarken Arm. Wohl war er unmuthig gewor-
den, es hatte ihn tief im Jnnerſten bekümmert, als
Jeannette ſeit einigen Tagen ſo ſtill geworden, mit ſo
ſchwermüthigem Blicke an ſeinen treuen Augen hing.
Aber durch verdoppelte Liebe ſuchte er ihre Schwer-
muth zu zerſtreuen, und als ſie ihm laut weinend an
die Bruſt flog und mit den Tönen des tiefſten Schmer-
zes ausrief: Rette mich vor ihm, vor Dir, vor mir
ſelber! da wußte er ſich im Augenblick ſelbſt kaum zu
faſſen. Aber er hatte trotzdem kein Arg, und er konnte
ſogar über ſeine kleine Geſpenſter ſehende Frau, wie er
ſie nannte, ſpotten. Jeannette beruhigte ſich auch wie-
der und lächelte ihn durch Thränen an, und ihre ganze
innige Liebe zu dem theuren Manne lag in ihren
Augen.
Das Natterngezücht ging langſam, aber ſicher; was
galten ſeinen ehr- und geldſüchtigen Plänen Menſchen-
glück, ja - Menſchenleben? War der widerſtrebende,
erſtgeborene Erbe erſt beſeitigt, dann konnie ja das
Spiel nicht mehr ſchwer ſein.
Es war ein heißer Tag geweſen, aber ein Gewit-
ter hatte zu Mittag Kühle, und ein tüchtiger Regen
dem dürſtenden Erdreiche wohlthätige Erquickung zu-
geführt. Dahin tanzte der Rappe durch den Wald.
War es der friſche, würzige Duft, welcher dem der
dumpfen Schwüle der Zimmer entflohenen Reiter die
Bruſt höher ſchwellte, oder war's die Sehnſucht nach
dem Tüchlein, das dort bald hinter dem Dorfe an der
Brücke flattern mußte? Der Rappe kannte die Unge-
duld ſeines Herrn bei dieſem Ritte, er bedurfte keines
Sporns, um ſich hinter dem Dorfe in geſtreckten Ga-
lopp zu ſetzen. Laut und freudig wieherte er, als er
um die Ecke bog, wo das Tüchlein wehen mußte. -
Nichts ließ ſich ſeheu. -
Entſetzt zügelte der wilde Reiter ſeinen Rappen,
daß er tief in de Ferſen ſank - die Brücke war leer.
Von einer entſetzlichen Angſt befallen, ſprang Viktor
vom Pferde und zog daſſelbe eiligſt hinter ſich her auf
dem Fußpfade am Bache, nicht achtend des Geſträuches,
das er ſonſt ſo ſorgſam zur Seite gebegen, und das
ihm heute das Geſicht peitſchte. Schnaubend folgte der
Rappe. Da lag die Mühle, und einen Augenblick hielt
Viktor inne, um ſeine von furchtbarer Ahnung gedrückte
Vruſt durch einen tiefen Athemzug zu erleichtern. -
Schrecklich ging ſeine Ahnung in Erfüllung; Jean-
nette war verſchwunden!
Schwer hielt es, aus ihrem Oheim Näheres he-
rauszupreſſen, dem Manne ſchien auf irgend eine Weiſe
die Zunge gebunden. Aber dem ſtürmiſchen Drängen
des verzweifelten jungen Mannes gelang es dennoch,
zu erfahren, daß ſeit längerer Zeit ſchon ein Pater
häufiger Gaſt in der Mühle geweſen ſei und viel mit
Jeannette verkehrt, ſtundenlang Unterredungen mit ihr
gehabt habe. Das Mädchen habe viel geweint, aber

(Fortſetzung.)

"Verzeihe, Freund, aber die Erinnerung überwäl-
tigt mich zuweilen, und dann läuft das Herz mit dem
Kopfe davon.
Ja, es waren ſchöne Abende, die auf der Bruch-
mühle. Wenn Viktor ſo auf dem dampfenden Rappen
dahergeſauſt kam, daß die weißen Schaumflocken dem
edlen Thiere die Bruſt bedeckten, ſo ſah er ſchon aus
der Ferne ein wehendes weißes Tüchlein. Ja, da an
der Wegecke hinter Surburg, an der Brücke der Sauer
ſtand das ſchönſte Mädchen des Elſaß und unfing mit
ihren weichen Armen den geliebten Bruder, der ihr
jetzt ſo unausſprechlich theuer geworden war. Es wa-
ren ſchöne Abende, zu ſchön, um Sterblichen hienieden
für die Dauer beſchieden ſein zu können.
Alle Bedenken des geliebten Mädchens wußte er
nieder zu ſchlagen. Wurde er nicht dereinſt der ge-
bietende Herr? Konnte er dann nicht thun und laſ-
ſen, was er wollte? Ja, ſie brauchte keine Beſorgniß
zu hegen, er wollte das Natterngezücht, daß ſich ſeinem
Glücke entgegenzuſtellen unterfing, zertreten, wie den
Wurm am Wege. Der kurzſichtige Thor ſah nicht, wie
ein gkühendes Auge durch die Büſche die Schritte des
holden Paares belauerte, ſah nicht, daß der Pater Be-
nediktus bisweilen erſt in ſpäter Abendſtunde das Schloß
betrat und mit höhniſchem Lächeln nach ſeinen Fenſtern
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