Heidelberger Volksblatt — 4.1871

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welche dieſem Zutrauen entſprach. So bald Laide das
Alter erreichte, wo es ihm rathſam dünkte durch ei-
gentlichen Unterricht in die bisher der Natur ganz
überlaſſene Entwickelung ihrer Geiſteskräfte einzugrei-
fen, übernahm er ſelbſt dieſes Geſchäft. Zwar fühlte
er nur zu wohl die Lücken in ſeinem Wiſſen; allein
was er wußte, darüber hatte er ſich eine helle, lichte
Ueberſicht erworben, bei der man oft mit Wenigem
weiter reicht, als mit einem Wuſte von Kenntniſſen,
der ohne Ordnung in dem Kopfe aufgehäuft iſt, und
es ſchien ihm hinreicheud für ein weibliches Weſen, das
er weiblich bilden, aus dem er aber auf keinen Fall
eine Modegelehrte ziehen wollte. Seine Vermögens-
umſtände verbeſſerten ſich immer mehr, und mit jeder
Verbeſſerung erweiterte er auch den Umfang von Lai-
dens Bildung, indem er ihr in Allem, worin er ſelbſt
keine Kenntniß beſaß, und was er doch zur weiblichen
Bildung erforderlich glaubte, die geſchickteſten Lehrer
hielt. - So oft er dann konnte, nahm er auch an
dieſem Unterrichte Theil, und freute ſich jedes Fort-
ſchrittes Laidens, deren reines Herz mit der innigſten
Zärtlichkeit einer Tochter an ih hing.
(Fortſetzung folgt.)

Louis Adolph Thiers

ſie ihm auch nicht Alles erſetzen, fo konnte ihr Mangel
ihm wenigſtens durch nichts erſetzt werden, nicht durch
glänzenden Witz, nicht durch gebildeten Geiſt. Zuerſt
und vor Allem muß der Menſch Menſch ſein, pflegte
er oft zu ſagen. Witz und Geiſt können einen Teufel
bilden; das Herz macht den Menſchen, und dieſer iſt
zur Liebe geſchaffen, wird von der Liebe geboren, durch
Liebe erzogen, und kann nur durch Liebe vollendet
werden. Nimm dieſer Erde die Liebe, und ſie wird
ein Wohnort des Elendes, der bald veröden muß;
nimm ihr Alles Uebrige, und laß ihr die Liebe und
bald wird ein Eden in ihr aufblühen. Das liebende
Herz des Menſchen iſt ein heiliger Tempel der Gott-
heit! Wehe dem, der ihn verwüſtet, oder auch nur
ſein nicht achtet.
Mit dieſem Herzen voll Liebe war Völkner dennoch
unverheirathet gebliebon. Jn früheren Jahren konnte
er bei der Eingeſchränktheit ſeiner Lage an keine Ver-
bindung denken, und als ſeine Pünktlichkeit und Recht-
ſchaffenheit ihm durch ein reichlicheres Auskommen, ja
ſelbſt durch Wohlhabenheit vergolten wurde, da beſchäf-
tigten andere Sorgen ſein Herz. Er war der Verſor-
ger ſeiner Schweſter, die von ſeiner ſterbenden Mut-
ter ihm, dem bereits erwachſenen Bruder, war an das
Herz gelegt worden. Einige Wochen nach dem Tode
des Vaters geboren, koſtete ſie der gebeugten Mutter
das Leben; mehrere Geſchwiſter waren den rechtſchaf-
fenen Eltern vorangegangen. Völkner ſtand damals
in den erſten Jahren der Mannheit mit ſeinem liebe-
vollen Herzen an dem Sarge der theueren Entſchlafe-
nen, und hielt das hülfloſe, noch in Sinnlichkeit ganz
befangene kleine Weſen, das mit ihm unter einem Her-
zen gelegen hatte, zum Himmel auf, und gelobte, ihm
Vater und Mutter zu erſetzen. Die Hinterlaſſenſchaft
der Elteru war nur gering uud nicht zureichend zur
früheſten Erziehung der K einen. Völkners Einkünfte
waren damals noch ſehr beſchränkt, er darbte ſich ſelbſt
ab, um Alles auf das Unterpfand der Liebe zu wen-
den, das ihm von ſo theueren Händen war anvertraut
worden.
Es lag ſchon in Völkners früherem Charakter,
nichts halb zu ſein. Die neuen wichtigen Pflichten,
welche das Schickſal ihm auferlegte, forderten ihn zu
neuer Thätigkeit auf. Jede Stunde, die ſeine Ge-
ſchäfte ihm frei ließen, wandte er an, ſich zu dem gro-
ßen Geſchäfte der Erziehung eines menſchlichen Weſens
geſchickt zu machen; er ſuchte ſich die Schriften zu ver-
ſchaffen, in welchen er für dieſen Zweck Belehrung zu
finden hoffte; und da er mit reinem unverblendeten
Blicke auffaßte, was ſich ihm darin darbot, da er auf-
richtig ſich zu belehren wünſchte, und Alles, was er
las, gleich an ſeiner eigenen Erfahrung zu prüfen ſich
gewöhnte: ſo bildete er ſich ein Erziehungsſyſtem, das
ſich in ſeinem Geiſte und Herzen frei entwickelte und
nicht ſelten mit den Behauptungen der Erziehungs-
künſtler im Widerſpruche ſtand, auch gewiß ehen ſo oft
ihre Syſteme zu berichtigen vermocht hätte.
Die Pflege der früheſten Kindheit Laidens vertraute
er der mütterlichen Sorgfalt einer Mutterſchweſter,

Die Augen Europa's oder vielmehr der ganzen zi-
viliſireen Welt ſind gegenwärtig auf den berühmten
Geſchichtsſchreiber und Staatsmann gerichtet, der durch
eine merkwürdige Verkettung von Umſtänden am Abend
eines äußerſt bewegten Lebens an die Spitze der fran-
zöſiſchen Nation in dem verhängnißvollſten Augenblicke
berufen worden iſt.
Wenn auch die ſeit einem Jahrhundert abwechſeln-
den Staats-Umwälzungen den Grundſätzen der Frei-
heit einen vollſtändigen und dauernden Sieg in Frank-
reich nicht ſichern konnten, wie ſehr die Jdee der Gleich-
heit, welche ſelbſt das zweite Kaiſerreich nicht zu un-
terdrücken vermochte, in der Nation Wurzel geſaßt hat,
offenbart ſich am unwiderleglichſten in dem Lebensgange
von Thiers. Louis Adolph Thiers iſt ein echter Sohn
des Volkes, der ſein Steigen zur Höhe lediglich ſeinen
Talenten und ſeiner raſtloſen und ungeheuren Arbeits-
kraft verdankt. Als Sohn eines Schloſſers wurde er
am 16. April 1797 in Marſeille geboren und widmete
ſich, nachdem er ſich ſchon in der Vorbereitungsſchule
durch ungewöhnliche Begabung, durch Fleiß und ſchnelle
Auffaſſungsgabe hervorgethan hatte, auf der Akademie
zu Aix dem Studium der Rechte, ohne demſelben in-
deß ein beſonderes Jntereſſe abgewinuen zu können.
Gleichwohl eroberte ſich der mit einem unverwüſtlichen
Selbſtvertrauen ausgeſtattete Provencale, wie Gervi-
nus ſich ausdrückt, durch einen "Schelmenſtreich" einen
Preis, der ihm vorher, als einem Schlechtgeſinnten,
vorenthalten worden wor. Da er indeß auch als Ad-
vokat wenig Glück machte, und die geringe Praxis,
welche er in der Provinzialſtadt erlangte, ſeinen Ehr-
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