Heidelberger Volksblatt — 4.1871

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vermuthen, als daß des jungen Mannes Herz ſib von
Laiden gewandt habe, und ſeine geliebte Schweſter auf-
dringen, das wollte er wahrlich nicht.
Noch hatte ihn nichts ſo ſehr gekränkt, als daß er
ſich in Friedberg ſollte geirret haben, da dieſer Jrr-
thum nicht blos ſeinem, ſondern auch dem Herzen ſei-
ner Laide ſo viel koſten ſollte. Doch hielt er es für
rathſam, als auch der vierte Tag vorüber gegangen
war, ohne daß Friedberg von ſich hatte hören laſſen,
mit ſeiner Schweſter zu ſprechen, und zu verſuchen,
ſie darauf vorzubereiten, daß ihre heiligſten Gefühle
gemißbraucht ſein könnten von einem Leichtſinnigen,
der jetzt ihres Grames nicht achte, und ſo nahe dem
Ziele, eine Verbindung aufzugeben ſcheine, die vor we-
nigen Tagen noch ſein heißeſter Wunſch geweſen war.
(Fortſetzung folgt.)

Louis Adolph Thiers.

Endlich glaubte er, ihn gefunden zu haben. Fried-
berg ſchien der Mann, der eine Laide beglücken konnte.
Er hatte ihn in Geſchäften als einen pünktlichen, thä-
tigen und rechtſchaffeneu, im Umgange als einen ge-
ſeßten, gefühlvollen und liebenswürdigen Mann ken-
nen gelernt, der die von ſeinem Vater auf ihn gekom-
mene Handlung anſehnlich erweitert und ihren Credit
in allen Handelsplätzen befeſtigt hatte. Friedberg wurde
von ihm in ſein Gärtchen eingeladen. Der Jüngling
gefiel ſich in dem traulichen Kreiſe der gebildeten Män-
ner und Frauen, der ſich dort faſt täglich einſand; er
wußte zu empfangen und zu geben, und wurde bald
darin vermißt, wenn er fehlte. Dieß traf ſich aber
nur ſelten, denn wie hätte er oft des Glückes entbeh-
ren können, Laiden zu ſehen, Laiden, die ihn mit un-
auflöslichen Banden feſſelte, ſo bald er nur in ihren
Zauberkreis trat, Laiden, deren ſchüchterner Blick ihm
ſagte, daß er ihrem Herzen nicht gleichgültig ſei.
Völkner bemerkte bald das Verſtändniß zwiſchen
den beiden jungen Leuten, und freuete ſich deſſen.
Friedberg hing uur von ſich ab, ſeine Abſichten waren
redlich, er wagte es, Laiden ſeine Liebe zu geſtehen, ſie
ſank an ſeinen Buſen und ging mit ihm zu ihrem Bru-
der, ſeinen Segen zu erflehen.
Völkner ſchloß die beiden jungen Leute feſt an ſein
Herz; er führte ſie zu den Vildern ſeiner Eltern, die
in ſeinem Eabinette als ein Heiligthum hingen; er
fragte die Mutter, ob er ihr Vermächtniß auch treulich
bewahret habe; ſie ſchien ihm zuzulächeln, und ſein
Herz flüſterte ein freudiges Ja; Laidens Herz und
Mund beſtätigten es laut. Er legte die Hände der
beiden Liebenden in einander, und ſegnete ſie in der
Verklärten und in ſeinem Namen. Freudeſtrahlend
führte er die Glücklichen nun in den Kreis ſeiner
Freunde, und verkündigte ihnen die Neuigkeit, die kei-
nem unerwartet kam, aber dennoch Alle mit lautem
Jubel erfüllte Jn ſechs Wochen ſollte die Hochzeit ſein.
Schon nahete der Augenblick, der Laiden mit dem
Geliebten ihres Herzens auf immer vereinigen ſollte,
als mehrere Tage verfloſſen, und Friedberg nicht er-
ſchien. - Es hatte ſich wohl eher getroffen, daß er
dann und wann durch Geſchäfte oder andere Verbin-
dungen abgehalten wurde, den trauten Kreis im Gärt-
chen zu beſuchen; allein drei Tage waren noch nie hin-
gegangen, ohne daß er ſeinen Freund und Laiden ge-
ſehen hätte. - Laide wurde unruhig; Völkner ſtutzte.
Cr wußte ſich ein ſo ſeltſames Benehmen nicht zu er-
klären, und ſahe mit Kummer die Angſt ſeiner Schweſter,
die mit ſjeder Stunde, daß Friedberg nicht erſchien,
höher ſtieg. Krank war er nicht, das hatte er von
dem Commis gehört, der jeden Morgen am Zolle Ge-
ſchäfte hatte, und den er jedes Mal darnach fragte;
allein auch hier ließ ſich Friedberg nicht ſehen, und
alles, was er erfuhr, war, daß überhäufte Geſchäfte
ihn an daß Comptoir feſſelten. Dieſes ſagte der Com-
mis mit einer gewiſſen Verlegenheit, die Völknern
noch mehr auffiel. Unter dieſen Umſtänden hielt er
es für unſchicklich, ihn ſelbſt um ein ſo ſonderbares
Benehmen zu befragen; denn was konnte er anders

(Fortſetzung.)
Mit kluger Mäßigung abgefaßt, um die nech un-
ſchlüſſigen Mitglieder der Oppoſition fortzureißen, kon-
ſtatirte ſie die Ungeſetzlichkeit der Verordnungen, die
demgemäß keine verbindliche Kraft hätten, forderte die
Abgeordneten auf, ſich ſortwährend als geſetzlich ge-
wählt anzuſehen und ſtellte es dem franzöſichen Volke
anheim, "zu beurtheilen, bis wohin ſich ſein eigener
Widerſtand erſtrecken ſolle."
Freilich war der "National" das einzige Blatt
welches dieſe Proteſtation abzudrucken wagte, erſt am
ſolgenden Tage folgte der "Temps" ſeinem Beiſpiele.
Das Volk blieb damals in den erſten Stadien der Be-
wegung noch ziemlich theilnahmlos, und Thiers rieth
daher zunächſt, jeder Uebereilung ſich zu enthalten,
eine Mahnung, die bei den ohnehin zaghaften Depu-
tirten der Oppoſilion, welche die Revolution vielleicht
nicht wen ger als einen Sieg Polignac's fürchteten,
auf einen nur allzu fruchtbaren Boden fiel. Als ſpä-
ter die Volksbewegung Fortſchritte machte, wurde auch
Thiers kühner, und er benutzte die Gelegenheit, um
eine Verfaſſungsänderung in dem von ihm gewünſchten
Geiſte herbeizuführen, das heißt in dem Sinne, daß
nicht ſowohl das konſtitutionelle Syſtem auſgegeben,
als vielmehr die Durchführung deſſelben einer andern
Dynaſtie anvertraut werden ſolle. Jhm ſchwebte die
Analogie der engliſchen Revolution von 1688 vor,
welche an Stelle des freiheitfeindlichen Geſchlechts der
Stuarts das ſtammverwandte Wilhelms von Oranien
auf den Thron berufen hatte. Nach wiederholten Un-
terredungen mit mehreren Deputirten, namentlich mit
Lafitte, entwarf er eine Proklamation, welche am More
gen des 28. Juli an die Straßenecken von Paris an-
geſchlagen wurde, und in welcher er ſowohl die Un-
möglichkeit der Herrſchaft Karl's X., als auch die Ge-
fahren der Republik, die Frankreich ſpalten und mit
Europa überwerfen würde, geltend machte. Zu glei-
cher Zeit führte die Proklamation in kurzen, ſchlagen-
den Sätzen aus: der Herzog von Orleans ſei der
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