Heidelberger Volksblatt — 4.1871

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zu beſchwören, ſodann durch die Berufung von Thiers,
die aber in einem Augenblicke erfolgte, als die Stun-
den der Monarchie bereits gezählt waren, und daher
der durch ſeine Regreſſivmaßregeln beim Volke wenig
beliebte Name des Urhebers des September-Geſetzes
keine Sympathien mehr erwecken konnte. Jn den ent-
ſcheidenden Augenblicken, wo vielleicht noch die Regent-
ſchaft der Herzogin von Orleans gerettet werden konnte,
und Odilon-Barrot unter dem Beifall der Majorität
der Kammer das Wort ergriff, war Thiers verſchwun-
den, ein Beweis, daß der ehrgeizige Provencale die
Sache der Orleaus ſchon als verloren betrachtete. Viel
beſſer als alle Diejenigen, welche vor- und nachher
Thiers als den entſchedenen und ergebenen Anhänger
der Orleans betrachteten, denen er zum Throne ver-
holfen und deren Verwaltung er zu verſchiedenen Zei-
ten geleitet hatte, durchſchaute ihn Königin Amalie,
welche, ebgleich ſie ſich ſonſt nie, wie ihre Schwägerin
Adelaide, um Politik gekümmert, nachdem Louis Phi-
lipp die Abdankuugs-Urkunde unterzeichnet hatte, den
in der Nähe befindlichen Thiers mit den Worten an-
redete: "Das iſt Jhr Zweck, mein Herr! Sie haben
es ſo weit gebracht! Sie verdienten nicht, einen ſo
guten König zu haben!" Jn der That, man würde
ſehr irren, wenn man bei Thiers eine blinde Anhäng-
lichkeit für die Orleans vorausſetzen wollte, wie ſie
etwa Ehateaubriand für die ältere Linie der Bourbons
empſand, oder heute noch bei Guizot für die Nachkom-
men Louis Philipp's vorhanden iſt. Die Sache der
Orleans war für ihn nur ein Mittel zum Zweck, als
welchen er die Gründung einer Regierung in Frank-
reich betrachtete, welche die Geſellſchaft vor den Aus-
ſchweifungen der Republikaner und Sozialiſten, aber
auch zugleich vor den durch die Zeit überholten Tra-
ditionen der legitimen Monarchie, die ſelbſtverſtändlich
ſeinem Ehrgeiz keine Befriedigung verſchaffen konnte,
bewohren ſolte. Jn dieſem Sinne iſt auch die Rolle
aufzufaſſen, die er nach ſeinem Cintritte in die Natio-
nal-Verſammlung, als einer der Führer (Burggra-
fen") der ſogenannten Ordnungspartei ſpielte.
Mit Entſchiedenheit trat er den Ausſchreitungen
der ſozialiſtiſchen Partei entgegen, aber nicht weniger
bekämpfte er das Beſtreben der Bonepartiſten, denen
er bekanntlich durch ſeine Geſchichte des Konſulats und
Kaiſerreichs, und durch ſeine Wiedererweckung der na-
poleoniſchen Erinnerungen ſehr weſentlich vorgearbei-
tet hatte. Nach der Erwählung Louis Napoleon's zum
Präſidenten der Republik, ſah er ein, daß die Repu-
blik nicht mehr zu retten war und arbeitete daher ganz
offen auf die Wiedereinſetzung des Hauſes Orleans
hin, da er wohl hoffen konnte, unter dem jungen Gra-
fen von Paris eine maßgebende Rolle zu ſpielen.

ner Guizot zum Miniſterpräſidenten ernannt worden
war. Auſangs ſchien Thiers ſich ganz vom öffentlichen
Leben zurückziehen zu wollen, und unternahm Reiſeu
nach Deutſchland und Jtalien, um Materialien zu ſei-
ner Geſchichte des Konſulats und des Kaiſerreichs zu
ſammeln, welche eine Fortſetzung ſeiner Revolutionsge-
ſchchte bildete. Jn formeller Beziehung iſt dieſes Ge-
ſchichtswerk noch vorzüglicher als das frühere, aber die
Vorzüge deſſelben ſind eben rein äußerliche. Es ſpricht
aus ihm eine ſpezielle Borliebe für den kriegeriſchen
Ruhm Napoleon's, zu deſſen Verherrlichung er die
blendendſten Farben ſeiner Darſtellungskunſt verwandte.
Nach ſeiner Rückkehr zum öffentlichen Leben ſtellte
er ſich wieder an die Spitze der Oppoſition, deren eigent-
licher Leiter er war, obgleich er nicht öffentlich hervor-
trat und die Negierung in wichtigen Fällen ſogar un-
terſtützte. Gegen das nach dem Tode des Herzogs von
Orecan- vorgelegte Regentſchaftsgeſetz erklärte ſich Thiers,
indem er für eine Aegentſchaft der Herzogin von Or-
leaus entſchieden eintrat. Seine Oppoſition beruhte
weſentlich in der Nebenbuhlerſchaft gegen den aks
Staatsmann, Schriftſteller und Reduer gleich hoch be-
gabten Guizot, der indeß einen weit ſchmiegſameren
und unfelbſtſtändigeren Eharakter beſaß, als Thiers,
und daher den politiſchen Auſchauungen und Pläneu
des Königs beſſer ſich zu bequemen wußte. Grade die
Selbſtſtändigkeit in den politiſchen Anſchauungen, welche
einen Charakterzug von Thiers ausmacht, entfremdete
ihn dem Könige, der gern ſelbſt Politik machte und da-
her die ſeinem Miniſter geltenden Angriffe als gegen
ſeine Perſon gerichtet anſah. Er konnte ſich daher
uicht entſchließen, Thiers wieder in ſein Miniſterium
zu berufen, als bis es zu ſpät war. Thiers Oppoſi-
tion war indeß in der That niemals gegen die Juli-
Monarchie gerichtet, ſondern gegen den Doktrinaris-
mue Gutzot's, der auf eine Mehrheit nur von den
Privilegirten der Kammer geſtützt, die Stimmung der
Nation verachten zu können glaubte. Hätte Louis Phi-
lipp es verſtanden, den beweglichen Staatsmann, der
ſo viel zur Erhebang ſemes Hauſes beigetragen, dauernd
an ſich zu feſſeln, oder wenigſtens, wie er es in der
erſten Zeit ſeiner Regierung ihat, Thiers und Guizot
abwechſelnd zur Regierung zu berufen; Thiers, der,
durchaus eine franzöſiſche Natur, ſür die Vorzüge und
Voru theile feiner Landsleute ein lebhaftes Gefühl be-
ſaß, wurde es wahricheinlich verſtanden haben, den
Thron der Orleans vor den Stürmen des Jahres
1848 zu bewahren. Den Geſchichtsſchreiber der Re-
volution mochte der Februar Sturm nicht weniger über-
raſchen, als das Miniſterium, den König ſelbſt. Gleich-
wohl wird man nicht m Abrede ſtellen können, wenn
man die parlamentariſche Wirkſamkeit Thiers in der
lezten Periode der JuliMonarchie verſolgt, daß er
viellticht nicht weniger, wenn auh unabſichtlich, zum
Stueze derſelben beigetragen hat, als ſeiue viel radi-
kaleren Kolegen in der Deputirten- Kammer: Ledru
Rollin, Lamartine, Odilon-Barrot. Als der Sturm
endlich hereingebrochen war, ſuchte Louis Philipp ihn
znächſt durch die Ernennung eines M niſteriums Mols

(Schluß folgt)
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