Heidelberger Volksblatt — 4.1871

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damit das große Opfer, welches mein Herz Jhnen dar-
gebracht hat, nicht verloren ſei.
Friedberg gelobte es auf das herzlichſte, und nach-
dem er Völknern hatte verſprechen müſſen, Laide mit
keiner Silbe in das Geheimniß einzuweihen, eilte er
zu ihr, die bald in ſeinem Anblicke, in ſeinen Schwü-
ren der Liebe und Treue die Leiden der verfloſſenen
traurigen Tage vergaß.
Die Verbindung der beiden Liebenden wurde bis
dahin verſchoben, wo alles wieder ausgeglichen ſein
würde; dies war eine unnachläßliche Bedingung, die
Völkner Friedbergen auferlegte. Laide, die jetzt den
Geliebten täglich ſahe, und, trotz ihrer Liebe, doch oft
vor dem Augenblicke zitterte, der ſie dem Hauſe ihres
Bruders entführen ſollte, ließ ſich jeden Vorwand, un-
ter welchem dieſer Augenblick noch verſchoben wurde,
willig gefallen. Nur der Ernſt, nur die Wehmuth,
die ſie jetzt oft in des geliebten Bruders Auge über-
raſchte, erfüllten ihr kindliches Herz mit ängſtlicher Be-
ſorgniß. Sie ſpähete jeden ſeiner kleinſten Wünſche
aus, haſchte nach jeder Gelegenheit, ihn zu erheitern;
doch nur ſelten gelang es ihr, die Wolken zu zerthei-
len, die an dieſem reinen Horizonte auch den redlichen
Freunden im traulichen Kreiſe nicht unbemerkt bleiben
konnten, von ihnen aber auf die Geſchäfte geſchoben
wurden, welche ſich bei der bevorſtehenden Reviſion des
Zoll-Departements häufen mußten. Die wahre Urſache
auch nur leiſe zu ahnen, wem hätte das einfallen
können?
So gingen mehrere Poſttage hin, und die Ankunft
der Waaren mußte in wenigen Tagen erſolgen, als
Briefe von den Amſterdamer Häuſern einliefen, welche
ſie verladen hatten. Friedberg erbrach dieſe Brieſe
mit einem Zittern, welches er ſich nicht zu erklären
wußte; aber als er hinein ſtarrte, und die ſchreckliche
Nachricht las, daß die bereits in See geweſenen Waa-
ren, durch widrige Winde gezwungen, in den Hafen
wieder einzulaufen, als eben die Nachricht von dem
Bruche des Londoner Hauſes an der Börſe ſich ver-
breitet hatte, von den Abladern wären zurückgehalteu
worden; da ſank er bewußtlos zu Boden. Der treue
Commis war gegenwärtig, als ſein Herr die Briefe
erbrach, und als er ihn hinſtürzen ſahe, durchbebte die
ſchreckliche Ahnung ſeinen Buſen.
(Fortſetzung folgt.)

Nachdem ihm Napoleon wieder die Rückkehr erlaubt,
beſchäftigte er ſich mit der Vollendung ſeiner Geſchichte
des Kaiſerreichs, die allerdings in den letzten Bänden
eine Heilung von ſeinen bonepartiſtiſchen Sympathien
aufweiſt, aber keineswegs von ſeiner Vorliebe für den
Nuhm und die Größe der franzöſiſchen Natiou, der die
Welt gebühre. Namentlich trat ſchon damals ſeine
Abneigung gegen die deutſche und italieniſche Einheit
recht deutlich hervor. Jm Jahre 1863 entſchloß ſich
Thiers, der bereits hochbejahrt war, das ihm angebo-
tene Mandat für Paris anzunehmen und in den ge-
ſetzgebenden Körper einzutreten. Er zeigte ſich auch
hier wieder als der meiſterhafte Redner, der dem Kai-
ſerreich die größten Verlegenheiten zu bereiten wußte.
Bei jeder Gelegenheit drang er auf Gründung einer
parlamentariſchen Regierung und geißelte die reaktio-
näre und despotiſche Politik des Kaiſers. Aber auch
auf dem Gebiete trat er dem Kaiſer entgegen, auf
welchem Napoleon den einzigen wahren Fortſchritt ge-
macht hatte, auf dem Gebiete der Handelspolitik, in
dem er gegen das Freihandelsſyſtem entſchieden Oppo-
ſition machte. Am hartnäckigſten aber bekämpfte er
die auswärtige Politik des Kaiſers, und zwar in ent-
ſchieden franzöſiſchem Geiſte. Jn ſtundenlangen Reden,
welche des Beifalls der Majorität der Kammer ſowohl.
als eines Theils der Oppoſition ſicher waren, trat er
für die Erhaltung der weltlichen Gewalt des Papſtes,
gegen die Einheitsbeſtrebungen der Jtaliener und Deut-
ſchen auf, die er für unverträglich mit der Erhaltung
des europäiſchen Gleichgewichts erachtete.
Wenn Napoleon JJ. überhaupt im Stande gewe-
ſen wäre, einen Mann von Genie, einen ſelbſtſtädi-
gen Charakter in ſeinem Rathe zu dulden, wenn ihm
franzöſiſche Politik, nicht lediglich bonepartiſtiſche Haus-
politik am Herzen gelegen hätte, ſo würde es eine ſei-
ner Hauptaufgaben geweſen ſein müſſen, den Geſchichts-
ſchreiber der Revolution und des Kaiſerreichs in ſei-
nen Rath zu ziehen. Das zweite Kaiſerreich konnte
aber nur Männer brauchen, die den Sultans Launen
Louis Napoleon's ſchmeichelten, wie Emile Ollivier,
ehrgeizige und eitle Männer, die im Dienſte des Cä-
ſar auf jede eigene Geiſtesthätigkeit verzichteten. Ein
erfahrener Slaatsmann wie Thiers, hätte das Kaiſer-
reich vielleicht vor der Kataſtrophe bewahrt, welche ſei-
nen Sturz herbeigeführt hat. Nicht aus Prinzip, da
er, wie geſagt, ſtets ein Feind des zu einer Großmacht
ſich entwickelnden Preußen geweſen iſt, und insbeſon-
dere deſſen auf die Einigkeit Deutſchlands gerichteten
Pläne entſchieden bekämpfte, trat er den kriegeriſchen
Abſichten der kaiſerlichen Regierung, die im Juli vori-
gen Jahres in Folge der Kandidatur des Prinzen von
Hohenzollern auf den ſpaniſchen Thron deutlich ſich of-
fenbart hatten, mit Entſchiedenheit entgegen. Während
die Mameluken des geſetzgebenden Körpers, auch nach
dem Bekanntwerden der Verzichtleiſtung des Prinzen
von Hohenzollern auf die ſpaniſche Thronkandidatur,
in kurzfichtiger Verblendung ihrem chauviniſtiſchen Eifer
die Zügel ſchießen ließen und zum Kriege hetzten, trat
der greiſe Staatsmann den kriegeriſchen Erklärungen,

Louis Adolph Thiers.

(Schluß.)

Er bekämpfte daher die von dem Praſidenten ge-
wünſchte Reviſion der Verfaſſung und gehörte auch zu
den Opfern des Staatsſtreichs, die mit anderen her-
vorragenden Mitgliedern der National-Verſammlung
in der Nacht vom 1. zum 2. Dezember aus ihren Bet-
ten geholt und nach Mazas gebracht wurden. Er wurde
aber bald darauf freigelaſſen und begab ſich nach Eng-
land, machte auch verſchiedene Reiſen nach der Schweiz
und Ober-Jtalien.
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