Heidelberger Volksblatt — 4.1871

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Ein Hinabſturz mit dem Niagara-Fall.

Es war im Juni des Jahres 1854, als verſchiedene
Korreſpondenzen in Boſtoner und Newyorker Blättern
die erſtaunliche Begebenheit meldeten, daß ein Menſch
den Niagara-Fall*) herunterpaſſirt und mit dem Leben
davon gekommen wäre. Man erfuhr ſpäter, daß es
George Elford, Sohn des in Kanada, nahe dem
Falle lebenden engliſchen Lords Elford, geweſen, der in
in den Sturz hinabgezogen wurde, indem er aus aben-
teuerlicher Luſt verſuchte, den Ballon des Luftſchiffers
Merriman aus der Strömung oberhalb des Katarakr's
zu retten. Die Nachricht wurde mit verſchiedenen ſpöt-
tiſchen Kommentaren begleitet, welche den unfreiwilli-
gen Helden, und wohl nicht ohne Gruud, alſo reizten,
daß er in "Dodge's Muſeum" ſelbſt eine Beſchreibung
ſeines Abenteuers veröffentlichte, das allerdings ſeit
Menſchengedenken wohl kaum ein zweites zur Seite hat.
Jn der Hauptſache iſt an der Wahrheit nicht zu zwei-
feln, wenn auch der Darſtellung in Nebenpunkten durch
die Verwirrung des Augenblicks und die Nachwirkung
der Einbildung eines Viſionäres eingeflochten worden
ſein mag.

Wirkung auf ihn ausübte, daß er den gewaltſamſten
Schwankungen unterlag.So bedenklich auch meine Si-
tuation dadurch wurde, ſo hatten ſie doch das Gute,
den Ballon in ſeinem Falle aufzuhalten. Deſſenuuge-
achtet ſank ich in einem Winkel von 36 Grad und hielt
es endlich für das Gerathenſte, einen meiner Anker aus-
zuwerfen, der auch bald in den Zweigen eines hohen
und ſtarken Fichtenbaumes ſich fefl ſchlug. Der heftige
Stoß, welcher daraus für den Ballon erfolgte, ſchloß
wieder deſſen Klappe und ich mußte einſehen, daß es
mir unmöglich ſein würde, ihn von einem abermaligen
Aufſchwung zurückzuhalten, der ihn auf's Neue über
den See, in der Richtung nach Buffalo, führen oder
auch in den ſtarken Luftſtrom bringen konnte, welcher
dort, wo ich war, dem Niagara bis zum Falle zu ſol-
gen pflegt. Damit ließ ich mich raſch in den Baum
nieder und kaum, daß der Ballon frei war, als er, wie
ich vermuthete, ſtieg, und in ber Richtung nach dem
Niagara-Fall fortzog.
Jch folgte ihm am Ufer entlang und kam ſo nach
dem Landhauſe des Lords Elford, wo ich für die Hab-
haftwerdung des Ballons 10 Pfund ausbot."
Soweit Merriman; es beginnt nunmehr mein eige-
nes Erlebniß. Zufällig ſollte ich nämlich von dem Aus-
gebot hören, welches Merriman bei ſeiner Ankunft auf
der Beſitzung meines Vaters ſtellte. Alsbald ſagte ich
ihm, daß ich nicht ſeines Geldes wegen, aber aus Luſt
zu dem Abenteuer, den Verſuch zur Einfangung des
Ballons machen wolle. Zu dem Ende beſtieg ich mein
Segelboot und fuhr bei einer friſchen Vieriels-Briſe den
See hinunter. Ungefähr zwei Meilen war ich von der
Stelle entfernt, wo der Niagara abfließt, als ich den
Ballon in letzteren niederfallen ſah. Dies gab mir die
Ueberzeugung, daß ich denſelben noch erreichen und an
das Ufer bringen könne, und ich ließ daher mein Boot
in ſeinem Cours fortlaufen. Siebzehn Meilen mochte
ich zurückgelegt haben, als der Ballon dicht unter mei-
nem Bug trieb und ich nach vorne ſprang, um ihn zu
ergreifen. Jn dem Moment aber, daß ich mich über
den Bord hinlegte, traf eine ſtarke Schwellung das Boot
und warf es um. Die Stelle, wo dies geſchah, war
faſt in der Mitte des Stromes, wenigſtens eine halbe
(engliſche) Meile von beiden Ufern und etwa zwei von
dem Fall. Das Bewußtſein meiner gefährlichen Lage
traf mich im erſten Augenblick mit übermannender Ge-
walt. Jch ſchrie laut um Hülfe, obwohl mir dieſelbe
nicht gewährt werden konnte, wenn auch eiue zahlreiche
Zuſchauermenge an dem Ufer zuſammengelaufen war
und mich inmitten der wüthendeu und gegeneinander
treibenden Wirbel ſah, die mit unwiderſtehlicher Ge-
walt mich fortriſſen.
So näherte ich mich dem Fall in entſetzlicher Schnelle.
Mein Boot war bald nach ſeinem Umſturz an den zahl-
reichen, ſcharfen Felſen zerſchellt; ich hielt mich daſür
an dem Ballon, der ſein Gas verloren hatte, während
ſich ſeine vielen Falten mit Luft füllten, und er ſo
leicht und behende dahinglitt, als gehe er über die Ober-
fläche eines ruhigen Gewäſſers. Nahe vor dem Fall
verwickelte ein Strick des Ballons ſich mit meinen Bei.

"Man hat über meinen Verſuch - ſchreibt Elſord
- den Ballon des Luftſchiffers Herrn Merriman zu
retten und über den unerwarteten Ausgang dieſes Un-
ternehmens, indem es mich in den Sturz des Niagara-
Falls zog, ſehr verſchiedenartige Berichte publizirt. Jch
werde dadurch zur Mittheilung der wirklichen Thatſa-
chen veranlaßt.
Jm Mai 1854 ſtieg der Herr Merriman mit ſeinem
Ballon in Clareland, in Ohio, in Gegenwart von meh-
reren Tauſend Zuſchauern auf. Aus ſeinem Journal,
daß er mir in dieſer Beziehung zur Verfügung ſtellte,
mache ich folgenden Extrakt:
"Nachdem ich bis zu einer Höhe von 50 Fuß geſtie-
gen war, führte mich ein friſcher Weſtwind etwa 15
Meilen öſtlich. Jch erleichterte den Ballon um zehn
Pfund, was ihn raſch um eine Meile höher und in ei-
nen Südweſtſtrich brachte, wo er ſich 25 Meilen die
Stunde fortbewegte. Jch kreuzte auf dieſe Weiſe den
Erie-See bis zum Kanadiſchen Ufer. Hier beabſichtigte
ich mich niederzulaſſen und öffnete eine der Luftklap-
pen, wobei die Schnur ſich ſo verwickelte, daß ich die
Klappe nicht wieder zu ſchließen vermochte, und mit ge-
fährlicher Schnelle niederſank. Dabei gerieth der Bal-
lon wieder in den Weſt Strich, was eine ſo plötzliche

*) Bekanntlich befindet ſich der Niagara-Fall 21 engliſche Mei-
len von Buffalo im Staate Newyork und iſt der durch den Niaga-
ra-Fluß vermittelte Sturz des Erie-See's in den Ontario-See. Der
Erie-See, der faſt eben ſo groß iſt, wie das ganze Königreich Bel-
gien, liegt 300 Fuß höher als der Ontario-See. Der Niagara-
Fluß wird an einer Stelle durch Felſenufer bis auf etwa 600 Fuß
eingeengt, dann theilt er ſich um einige Felſeninſeln herum in mehrere
Arme und gewinnt eine Breite von etwa 4000 Fuß. Jn dieſen Ar-
men aber ſtürzt das Waſſer über die vorſtehenden Felſen 160 Fuß
tief - alſo thurmhoch - in den Ontario hinab. Der Fall zeichnet
ſich durch Waſſerfülle, furchtbare Kraft und grandioſe Majeſtät wohl
vor allen ähnlichen Erſcheinungen der Erde aus.
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