Heidelberger Volksblatt — 4.1871

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des vermittelnden Arztes willen. Frankenſteins Er-
ſcheinung regte in mir mancherlei Empfindungen auf,
die ſich bald noch verſtärken und mit Bitterkeit vermi-
ſchen ſollten. Er hielt es für ſeine Pflicht, zum Beſten
May's ſich zu verwenden, und mich mit den glänzen-
den Ausſichten, die ſich mir darboten, bekannt zu ma-
chen. So beredt er mir auch die Vortheile dieſer Ver-
bindung, und mehr noch des jungen Mannes unleug-
bare Vorzüge und achtungswerthe Sinnes- und Hand-
lungsweiſe darſtellte, fehlte doch ſeinem Vortrage jene
Jnnigkeit und Wärme, welche ſo überzeugend zum Her-
zen ſpricht. Seine Worte enthielten Wahrheiten,
welche der Verſtand anerkanute, die aber das Gefühl
kalt und unbefriedigt ließen. Und denuoch erwachte
mein Unwille über ſeine Vermittlung, die mir keinen
Zweifel an ſeiner Abficht ließ, ſich durch die Verbin-
dung mit einer May'ſchen Tochter jener Familie zu
vereinigen. Weshalb hätte er ſich ſonſt ſo thätig für
einen nahen Verwandten jener Familie verwenden ſol-
len? - Jch erklärte unumwunden meine entſchiedene
Abneigung gegen dieſe Verbindung, eine Abneigung,
welche zu überwinden mir unmöglich ſchien, und mich
unfähig machte, May's Hand anzunehmen. Wie hätte
ich es wagen dürfen, die heiligſten Pflichten mit Wi-
derwillen und mit widerſtrebendem Herzen zu überneh-
men? Und wem nützte das ungeheure Opfer, wenn ich
es brachte? Wäre meines unglücklichen Vaters befleck-
tes Andenken durch ein ſolches Opfer wieder in ſeiner
Reinheit hergeſtellt worden, ſeine verlorene Ehre da-
durch zu erkaufen geweſen - ja dann! dann bedurfte
es kenes Zuredens, keiner Vorſtellung Anderer, um
mit Kraft mein Herz zu beſiegen, ſträubte es ſich noch
ſo ſehr. Schmerz und Unwille gegen Frankenſtein be-
mächtigten ſich meiner, und obgleich ich mir ſelbſt ſagte,
daß er mir durchaus kein Recht eingeräumt, Anſprüche
an ein wärmeres Gefühl als das des Mitleids, oder
höchſtens der Freundſchaft zu machen, ich konnte dieſe
widrigen Gefühle nicht beſiegen. Jch war ſo ungerecht,
ihm dieſe Verweudung für einen Andern als einen
Bruch unſers Verhältniſſes anzurechnen, und doch be-
lehrte mich mein Verſtand, daß eben dies Verhältniß,
weiches meine Hülfloſigkeit und der Zufall gebildet
hatten, ihm das Recht gab, auch jetzt noch, wie früher,
meine Lage verbeſſern und mein Glück begründen zu
wollei. Jch erklärte: Eigennutz, oder der Wunſch, reich
zu ſein, würde nie meine Schritte leiten, und daß, ſeit-
dem ich arbeiten und entbehren gelernt habe, ich die
Armuth nicht mehr fürchte. Noch an demſelben Tage
vertraute mir Herr Friedemann, er hätte dem Hofrath
längſt ſchon eine wichtige Sache entdecken müſſen, bis-
her aber immer Bedenken getragen, es zu thun, da er
nicht wiſſe, wie Frankenſtein ſie aufnehmen werde. Eine
Unpäßlichkeit, welche den ehrlichen Alten ſeit einigen
Tagen befallen und an ſein Ende mahnte, bewog ihn,
jetzt alle früheren Bedenklichkeiten zu beſiegen. Er bat
mich, dieſe Sache in meiner Gegenwart abmachen zu
dürfen, und ſchon am nächſten Tage, als Frankenſtein
die Kranke beſuchte, erbat ſich Friedemann mit wichti-
ger Miene, welche ſeine Verlegenheit bemänteln ſollte.

Gehör. Er begann nun einiger Sonderbarkeiten mei-
nes Vaters zu erwähnen, welche ſich vorzüglich auffal-
lend in der letzten Zeit ſeines Lebens, als er gewiß
ſchon ſeinen Fall vorausſah, äußerten. So hatte mein
Vater die Gewohnheit, ſich zum Schreiben eines un-
ſcheinbaren, ſchweren, unförmlichen Tiſches zu bedienen,
der mit mehreren Schiebefächern verſehen war, welche
zur Aufbewahrung von moncherlei Schreibgeräth dien-
ten. Dieſen Tiſch nun, dieſen armſeligen Tiſch, -
hier war des treueu Alten Verlegenheit ohne Grenzen,
- ja dieſen plumpen armſeligen Tiſch habe ſein wer-
ther Prinzipal in beſtimmten Ausdrücken und wieder-
holt dem Hofrath vermacht. Wenn dieſer noch von
ſeinen Reiſen nicht zurückgekehrt, ehe mein Vater, der
ſeinen nahen Tod ahnte, ſeiner Gattin und den Kin-
dern, welche um jene Zeit ſtarben, nachgefolgt ſei, ſo
war Friedemann, deſſen ſtrenge Redlichkeit anerkannt,
bevollmächtigt, dem Abweſenden nach ſeiner Rückkehr
den Tiſch als ein Vermächtniß zu übergeben, und bis
dahin bei ſich zu behalten. - Herr Friedemann ſchloß
mit vielen Cntſchuldigungen über den ſchlechten Zuſtand
des alten Hausgeräthes, und ſchien es kaum zu wa-
gen, den alten Tiſch auszuliefern, welcher ſich in ſeiner
jetzigen Wohnung, das heißt, in einem Zimmer der unſ-
rigen, befand.
Frankenſtein äußerte weder Mißfallen noch Spott
während der langen Erzählung des guten Alten, die
ich hier nur im Auszuge wiedergebe. Nur ein kleines
Lächeln, welches der breiten Darſtellung und Verlegen-
heit des Erzählers galt, erlaubte er ſich. Alle Wun-
den meines Herzens begannen bei dieſer harten Be-
rührung zu bluten. Jch erblaßte und konnte meine
ſtrömenden Thränen nicht verbergen. Frankenſtein
faßte theilnehmend meine Hand, und verſicherte dem,
immer noch mit ſeiner Verlegenheit ringenden Alten:
er wolle noch heute den Tiſch von ihm in Empfang
nehmen, und in ſeine Wohnung bringen laſſen. Plötz-
lich erheitert ſtand Herr Friedemann auf und erſuchte
uns Alle, ſeine Zuhörer, zu denen auch Rich gehörte,
ihm in ſein Zimmer, zu dem Schreibtiſch zu folgen,
und wir mußten ſeinem Verlangen willfahren. Hier
übergab er feierlich das Vermächtniß, und öffnete alle
Fächer, die ſich in dem Raum des Schreibtiſches befan-
den, genau, und fand endlich nach wiederholten Ver-
ſuchen und der eifrigſten Nachforſchung eine verborgene
Feder, durch deren Druck ein bisher unentdecktes Fach
ſich öffnete. Es befand ſich in demſelben ein ſorgſam
verſchloſſenes Käſtchen, welches Friedemann und Rich
für daſſelbe erkannten, welches einſt Frankenſtein's
Oheim, der wunderliche alte Hageſtolz, meinem Vater
übergab. Außerdem befand ſich auch hier der ganze
Schmuck meiner ſeligen Mntter, deſſen hoher Werth
hinreichte, alle noch unbefriedigten Forderungen der
Gläubiger zu berichtigen. Es fiel dieſer Schmuck de-
nen zu, welche Anſprüche an die Verlaſſenſchaft mei-
nes Vaters hatten. Man zog die Gerichte herbei, und
mit Entzücken ſah ich die Ehre meines Vaters geret-
tet, und Frankenſtein im Beſitze ſeines rechtmäßigen
Eigenthums.
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