Heidelberger Volksblatt — 4.1871

Seite: 176
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Molly, als der junge Mann die Bewußtloſe auf ſeine
Arme nahm und fich nach einem Zufluchtsorte umſah.
Molly öffnete ihr kleines Zimmer, man legte die Dame
auf das ſchneeweiße Mädchenlager, und Molly lüftete
mit heftig zitternder Hand den blutigen Schleier. -
Da leuchtete ihr das wachs-bleiche Geſicht eines ſchla-
fenden Engels entgegen. Eine tiefe Stirnwunde und
kleinere Wunden um Wangen und Mund, bildeten die
Schläferin zur Märtyrerin. - Molly - ob zwar in
allen Tiefen des zarten verletzbaren Herzens erſchüt-
tert - leiſtete mit Beſonnenheit und Faſſung der Un-
glücklichen alle nur mögliche Hülfe. Sie rieb mit köl-
niſchem Waſſer fortgeſetzt Schläfe und Pulſe und nach
einiger Zeit zeigte ſich ihren ſtarr betrachtenden Blicken
der erſte Schimmer des wiederkehrenden Lebens auf
dem Geſichte der Kranken. Molly verdoppelte ihre
Bemühungen, und es öffneten ſich ein Paar ſchöne
draune Augen, erſtaunt und fragend auf die nächſten
Umgebungen blickend. - Mollys Lippen entglitt ein
Freudenlaut; der junge Mann küßte weinend die Hände
der Erwachten, indem er ausrief: "Gott ſei geprieſen!
Nun hole ich den Arzt und Wundarzt. Sei ruhig, lie-
bes Guſtchen! Du befindeſt Dich in dem Schutz eines
Engels!" - Bei dieſen Worten eilte er von dannen.
Behutſam und ſchonend fing nnn Molly an, zu der
Kranken zu ſprechen. Dieſe drückte der holden Tröſte-
rin innig die Hand und klagte, daß ſie heftige Schmer-
zen an der Stirne fühle, um welche Melly einen leich-
ten Verband gelegt hatte. - Jert erſchien der junge
Mann mit dem Anzt, bald darauf kam der Wundarzt.
Dieſer unterſuchte die Wunden, fand ſie ziemlich unbe-
deutend und verband ſie. Der Arzt hingegen meinte,
der heftige Schreck, verbunden mit der Wirkung der
äußern Verletzungen auf die innere, ſehr zarte Organi-
ſation der Dame, würde ein Wundfieber zur Folge ha-
ben, welches auch bereits im Anzuge ſei. An eineu
Transport der Kranken ſei daher in dieſer rauhen,
naßkalten Witterung, ohne die größte Gefahr, nicht zu
denken, und wenn das Fräulein (hier wandte er ſich
zu Molly) ſich bereit finden laſſe, ihr Stübchen auf ei-
nige Tage abzutreten, ſo ſtehe er für dir Einwilligung
des Hausbeſitzers, deſſen alter Freund er ſich nannte.
(Fortſetzung folgt.)

geſchmeichelt - morgen den Syndikus um ihre Hand
bitten wollen. - Julie ſtand vor ihm im blendendſten
Reiz. - Sie war nun in ſeinen Augen, welche der
Unmuth verdüſterte, die Beſſere, ja die Liebende. Denn
- ſie war auf die unzweideutigſte Art dem jungen,
liebenswürdigen Manne, von dem erſten Tage ihrer Be-
kanntſchaft an, mehr entgegen gekommen, als die ſtren-
gen Geſetze der jungfräulichen Zurückhaltung es geſtat-
ten wollten.
Als Julie mit ihrem Begleiter fort war, fühlte
Molly ſchmerzlich, was ſie aufgegeben hatte. Allein -
jedes Opfer iſt mit Roſen begränzt, und Molly fand
die Jhrigen in dem lohnenden Bewußtſein, ihre Couſine
zufrieden geſtellt zu haben und in dem Beifall ihres
Oheims. - Dieſer rief Molly an den Sorgenſtuhl.
"Höre Molly," ſagte er in einem Tone, welchem ein
mildes Gefühl die ſonſtige Rauheit benahm: "Du biſt
ein gutes Kind! - Jch habe heut, wie immer, Dein
Herz erkannt! - Glaube jedoch nur, daß es ſeinen
Lohn finden werde! Schwer habe ich mich darüber ge-
ärgert, daß Julie ein Vergnügen annehmen konnte,
welches nur durch Deine Entbehrung möglich ward;
doch Du, meine Tochter, biſt im Vortheil. - Juliens
Freude verblüht mit dem Genuß; die Deinige blüht
unverwelklich, und noch ſpät wird Dich die Erinnerung
an dieſen Maskenball befriedigen." - Molly küßte
dankbar die liebkoſende Hand des Alten und entfernte
ſich jetzt, weil dieſer noch ein Geſchäft beendigen wollte.
Das kleine Stübchen, welches Molly bewohnte, war
auf ebener Erde. Das einzige, aber große Fenſter deſ-
ſelben ging auf die Straße, die der Umſtand, daß der
berühmteſte Gaſthof der Stadt ihren Anfang bildete,
vorzüglich belebt machte. - Ehe Molly ſich entkleidete,
trat ſie einige Minuten ans Fenſter und ſah, in tiefes
Sinnen verloren, auf der hell erleuchteten Straße das
Treiben und Drängen der Menſchen, die der ſtille Abend
vergebens zur Ruhe einlud, weil ſie lieber dem lauten
Rufe der Luſt folgten. - Vier wilde, vor einem ho-
hen, feſtverſchloſſenen Wagen langgeſpannte Pferde
brauſten jetzt die Straße herauf. Jhnen entgegen rollte
flugſchnell ein anderer Wagen. Die Pferde des erſten
ſcheuten und bäumten auf die Seite; der Kutſcher
lenkte, mehr übereilt, als geſchickt, durch eine gewalt-
ſame Wendung ein, und der Wagen ſtürzte mit lantem
Gekrach vor Mollys Fenſter darnieder. - Fürchterlich
klirrten die zertrümmerten Glasſcheiben des Wagens;
die kräftige Stimme eines zürnenden Mannes übertönte
das Fluchen des Kutſchers. Jetzt glaubte Molly ein
Frauenzimmer regungslos auf der Erde liegend wahr-
zunehmen, und ohne an ihren Anzug zu denken, eilte
die Halbſchweizerin zur Hausthüre hinaus. - Sie fand
einen jungen Mann, von ſchlanker, ſchöner Geſtalt, be-
müht, mit der höchſten Kraftanſtrengung ein, wie es
ſchien, ohnmächtiges weibliches Weſen unter dem Wa-
gen hervor und dieſen in die Höhe zu heben. - Molly
ſprang helfend hinzu. Sie hielt die Dame, deren
Schleier in Blut getaucht war, und der junge Mann,
jetzt ſeiner beiden Hände mächtig, richtete nun ſchnell
den Wagen auf. - "Hier hinein, in dies Haus!" rief

Beethoven's Mahl.

Nach dem Franzöſiſchen des Jules Janin, von F. Damanee.
(Schluß.)

Beethoven war bekanntlich taub, hörte mich alſo
nicht. Jch nahm daher ein Stück Papier und ſchrieb
darauf:
"Ein Pariſer bringt Jhnen warmen Kalbsbraten
und Rheinwein, ſetzen wir uns zu Tiſche. Jules Janin."
und reichte ihm das Blatt hin. Er las noch mehrere
Jnſekten von der Nelke ab und las dann das Billet.
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