Heidelberger Volksblatt — 4.1871

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eſletekſſe glll.


Nr. 50.

Samſtag, den 24. Juni 1871.

4. Jahrg.

Erſcheint Mittwoch und Samſtag. Preis monatlich 1D kr. Einzelne Nummer à 2 kr. Man abonnirt in der Druckerei, Schiffgaſſe 4
und bei den Trägern. Auswärts bei den Landboten und Poſtanſtalten.

Spielerglück.

(Novelle von Georg Reinbeck.)
(Forſetzung.)

gefällt, und an einem hinreichenden Nadelgeld ſoll es
ihr auch nicht fehlen. - Jſt das ihr Ernſt, Herzog?
fragte der Alte, angenehm überraſcht. - Mein völli-
ger Ernſt, wenn Adele darin übereinſtimmt. - So un-
dankbar, eine ſolche Großmuth zu verkennen, kann Adele
nicht ſein, erwiederte der Alte. Zwar, fügte er etwas
ſtockend hinzu, ſie hat allerdings ganz eigene Grillen.
Sie wird überraſcht ſein. Sie werden ihr Zeit laſſen
müſſen. - Jſt ihr Herz frei? fragte ich lebhaft. -
Jhr Herz, erwiederte er zögernd, ſie liebt ihren Vater
und weiß, was ſie ihm ſchuldig iſt. Ueberlaſſen Sie
es mir, ſie mit Jhrem großmüthigen Anerbieten bekannt
zu machen; ihre Hand iſt frei, ich kann darüber be-
ſtimmen. - Nicht ohne Adelens Einwilligung, entgeg-
nete ich. - Gewiß nicht, verſetzte er; aber ſie wird
einwilligen, ſie wird nicht verkennen, was Sie für ſie
thun wollen. Adele iſt ein gutes Kind, überlaſſen Sie
mir Alles, und ich hoffe, Sie ſollen mit mir zufrieden
ſein. Jch willigte ein, erſt nach einigen Tagen mei-
nen Befuch zu wiederholen.
Dieſe Tage wurden mir unbeſchreiblich lang. Jch
verſuchte, ſie mit der Jagd, mit rauſchenden Vergnü-
gungen, mit dem gewohnten Spiel zu verkürzen; das
Glück war mir auch überall günſtig, allein es konnte
meine innere Unruhe nicht beſchwichtigen. Mich mar-
terte der Gedanke an Bouchard, die Ungewißheit, wie
es um Adelens Herz ſtehe, und ob die Neigung, wenn
ſie noch ſtatt fand, ſo ſtark war, die Hand eines Her-
zogs und ſeine Reichthümer zu überwiegen. Und wo
Bouchard? Jch hatte Bekanntſchaft in der Kriegskanz-
lei, denn wo hätte ich nicht welche gehabt? Jch zog
Erkundigung ein. Er ſtand in Jtalien in Garniſon,
war als ein tüchtiger Offizier bekannt, ohne daß es ihm
bis jetzt geglückt war, die beſondere Aufmerkſamkeit de
Kaiſers auf ſich zu ziehen und ſchnell zu avanciren.
Jch ſchöpfte Hoffnung, und dieſe fand ſich nicht getäuſcht.
Als ich am dritten Abend zum Chevalier kam, trat
dieſer mir freudeſtrahlend entgegen. Adele iſt ein gu-
tes Kind, ſagte er: Jhr großmüthiges Betragen hat
ſie gerührt. Sie hat eingewilligt, den ehrenvollen An-
trag Jhrer Hand anzunehmen. Jch gehe, ſie Jhnen
zuzuführen, damit Sie ſich gegen ſie erklären können.
Und bald trat Adele, zwar mit verweinten Augen, aber
doch ohne Aengſtlichkeit, an ſeiner Hand herein. Jch
begrüßte ſie achtungsvoll ohne Zudringlichkeit. Mich
hielt ein gewiſſes Etwas von zu großer Vertraulichkeit
zurück; ſie war meine erſte ächte Liebe und - meine
einzige - ſagte der Herzog mit etwas bebender Stimme,

Adele beſchäftigte ſich ganz mit dem Frühſtück. Sie
blickte nur zuweilen ſcheu auf mich, doch weigerte ſie ſich
nicht, an der Unterredung Theil zu nehmen, in welche ich
ſie zu ziehen wußte. Jch fand in ihr eine Bildung, wie
ich ſie in der Tochter eines Wucherers und Spielers,
gewöhnlichen Schlages, niemals würde geſucht haben.
Daß ich mit keiner Silbe verrieth, wie ich ſchon früher
und durch wen ich Kunde von ihr erhalten hatte, kön-
nen Sie ſich vorſtellen, Herr Graf. -
Nach einiger Zeit verließ Adele das Zimmer und
jetzt wandte ich mich zu dem ſichtbar in Verwirrung
gerathenen Alten. Chevalier, ſagte ich zu ihm in ei-
nem leichten Tone, ich werde Jhnen meinen Notar
ſchicken, mit welchem Sie die Uebertragungsakte mei-
nes Hauſes und deſſen, was Sie darin beſitzen, nach
einer ungefähren Schätzung in Ordnung bringen kön-
nen. Das Kapital bedarf ich in dieſem Augenblicke
nicht, und bis ich es gebrauchen werde, überlaſſe ich
Jhnen und Jhrer Tochter gern die Nutznieſung. Was
ich mir dagegen ausbedinge, iſt die Erlaubniß, zuwei-
len einige angenehme Stunden in Jhrer Beider Ge-
ſellſchaft verleben zu dürfen. - Der Chevalier war
zu erfahren, als daß er nicht hätte überzeugt ſein ſol-
len, wem er dieſe milde Behandlung verdanke. Jhre
ſeltene Großmuth, ſtotterte er verlegen, ich weiß ſie zu
ſchätzen und - ſie würde mich weniger für mich, als
für meine Tochter freuen, wenn - ich hoffen dürfte,
ſie werde ſie annehmen. - Wie? rief ich aus, ſie
würde ſich weigern, zu theilen, was ich für ihren Va-
ter thue? - Jhr Rang, Herr Herzog, erwiederte er,
Jhr Reichthum, der Ruf meiner Tochter - Chevalier,
fiel ich ihm in's Wort, ich will ganz offen mit Jhnen
ſprechen. Jhre Tochter hat auf mich einen unauslöſch-
lichen Eindruck gemacht; ſie hat in mir eine Sehnſucht
entflammt, der ich nicht zu widerſtehen vermag. Die
Achtung für Schönheit und Tugend läßt in mir keinem
andern Gedanken Raum, als ſie mir zur Gattin zu
wünſchen. Sie wiſſen, ich bin gänzlich unabhängig und
völlig im Stande, meine Frau auf eine angemeſſene
Weiſe zu erhalten. - Das Haus überlaſſe ich ihr als
unbeſchräuktes Eigenthum, damit zu ſchalten, wie's ihr
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