Heidelberger Volksblatt — 4.1871

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Nr. 5J.

Mittwoch, den 28. Juni 1871.

4. Jahrg.

Erſcheint Mittwoch und Samſcag. Preis monatlich 1D kr. Einzelne Nummer à 2 kr. Man abonnirt in der Druckerei, Schiffgaſſe 4
und bei den Trägern. Auswärts bei den Landboten und Poſtanſtalten.

Spielerglück.

(Novelle von Georg Reinbeck.)
(Schluß.)

will jede Entbehrung gern übernehmen, um Deine Seele
zu retten. Wenn ich auch ihre Beſorgniß nicht theilte,
ſo rührte mich doch ſo viele Liebe und ich ſchwur ihr,
niemals wieder eine Bank zu übernehmen. Jch ord-
nete, ſo gut es ſich wollte thun laſſen, alle meine An-
gelegenheiten, legte den Verkauf des Palais in ſichere
Hände und war nach 24 Stunden auf dem Wege nach
Genua, wo ich mich mit den Trümmern meines Ver-
mögens niederzulaſſen beſchloſſen hatte. Chevalier Fro-
ville, Adelens Vater, war kurz vor dieſer Katoſtrophe
geſtorben.
Mir blieben nach dem allerdings nicht vortheilhaf-
ten Verkaufe des Hauſes in Paris doch mit dem ſtets
unangerührten kleinen Vermögen von meinem Vater
her noch hinlängliche Mittel, eine Villa am Meeresufer
zu kaufen und auf dieſer zwar nicht glänzend, aber
ſorgenfrei zu leben und in gewohnten Kreiſen, da Rang
und Titel erſetzte, was mir an Vermögen gegen meine
Nachbarn abgehen mochte.
So lange die Neuheit der Lage und die nothwen-
digen Einrichtungen der Villa und meines Hansweſens
mich beſchäftigten, genügte mir das einfache Leben und
das Glück Adelens. Als aber nun Alles gethan war,
da fühlte ich eine Leere, die ich nicht auszufüllen ver-
mochte. Jch wollte mich wieder den Wiſſenſchaften zu-
wenden, allein an heftigere Aufregungen in dem Wech-
ſelſpiei des Glücks gewöhnt, konnte ich in dem Frieden
der Wiſſenſchaft keine Befriedigung finden und der
Drang, das alte Glück zu verſuchen, wurde immer
ſtärker, ja unwiderſtehlich. Und als ich ihm nun nach-
gab und wieder zum Spieltiſch trat, da fühlte ich eine
Leidenſchaft dafür, deren ich mich für ganz unfähig ge-
halten hatte, und dieſe ſtieg, je entſchiedener Fortuna
mir ihre Gunſt verſagte. Meine Eitelkeit, die mich
ehemals uberredet hatte, dieſe Gunſt ſei nicht blind,
ſondern könne durch ſcharfſinnige Combinationen ge-
lenkt werden, fühlte ſich verletzt und wollte ſich die
Täuſchung immer nicht eingeſtehen und doch konnte ich
ſie mir nicht ganz verhehlen und es bemeiſterte ſich mei-
ner eine Verachtung meiner ſelbſt, die mich in meinem
Jnnern gänzlich zu Grunde richtete. - Adele bemerkte
dieſe unſelige Umwandlung, ſie nagte an ihrem Her-
zen, ihre Geſundheit wankte; allein ſie ertrug Alles
mit himmliſcher Geduld und ihr thrönenfeuchter Blick
lächelte mir mit einem Zauber, der mir zur Verdamm-
niß wurde und doch mein einziges Glück war. - So
taumelte ich dem Abgrunde zu, der ſich weit öffnete,
ſein Opfer zu verſchlingen.

Jch ſorgte für die Sicherheit der Bank in dem Tu-
multe und ließ ſofort den nahen Polizeikommiſſär
rufen. Der Thatbeſtand wurde aufgenommen, die
Leiche hinweggetragen, die Bank in ein anderes Zim-
mer gebracht; allein die Spieler hatten ſich zerſtreut
und wollten ſich nicht wieder ſammeln. Der Vorfall
war mir unangenehm, doch einen weitern Eindruck
konnte er nicht auf mich machen. Der Thor! war das
einzige Wort, das ich darüber verlor. Auch war der
Eindruck bei Denen, die gewohnt waren, die Bank zu
beſuchen, bald verlöſcht; ja die Neugier zog in den er-
ſten Abenden Manchen herbei, die Stelle, auf welcher
ſich der Vorfall ereignet, und den Bankier mit der ſel-
tenen ruhigen Faſſung, die das allgemeine Geſpräch
der Bewunderung und der Verdammung war, zu ſe-
hen. Jch verläugnete auch jetzt dieſe Faſſung nicht, ſo
viel Veranlaſſung ich auch dazu finden konnte, denn
das Glück hatte ſich gegen die Bank gewendet und ſie
wurde mehr als einmal geſprengt. Dieſe Nächte ver-
ſchlangen bedeutende Summen und am dritten Mor-
gen erhielt ich vom Kaiſer den Befehl, Paris zu ver-
laſſen. Nur 24 Stunden wurden mir geſtattet, meine
Angelegenheiten zu ordnen. Die anſehnliche Kaution,
welche der Spielpacht erfordert hatte, blieb in den
Händen der Regierung, und nur mit ſehr bedeutender
Einbuße konnte ich mit den Mitpächtern mich ausei-
nanderſetzen. Abweſend in dem Verbande zu bleiben,
war beinahe unmöglich und dem widerſtrebten auch
Adelens Bitten und Thränen. Als ſie mit dem Schlage,
der mich betroffen, und mit der an ſich höchſt ungerech-
ten Verbannung aus Paris bekannt machte und ihr
ſagte, welche Opfer ich bringen müſſe, da jubelte ſie,
ſtatt zu jammern und brachte mir allen ihren bedeuten-
den Schmuck, alle werthvollen Geſchenke, die ſie von
mir bekommen hatte, ja ſelbſt die Urkunde über das
Eigenthum ihres Hauſes und beſchwor mich auf's Drin-
gendſte, kein Opfer zu ſcheuen, um mich aus einem Ver-
hältniſſe zu reißen, das mich nur zum Unglücke führen
werde. Der Geiſt des Grafen verfolgt Dich - ſagte
ſie - nur durch Entſagung des Spiels kannſt Du ihm
entfliehen und ich folge Dir überall mit Freuden hin,
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