Heidelberger Volksblatt — 4.1871

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Nr. 52.

Samſtag, den 1. Juli 1871.

4. Jahrg.

Erſcheint Mittwoch und Samſcag. Preis monatlich 1D kr. Einzelne Nummer à 2 kr. Man abonnmrt in der Druckerei, Schiffgaſſe 4
und bei den Trägern. Auswärts bei den Landboten und Poſtanſtalten.

Die Roſe und das Schaffot.

über die Fluren ſtreut, um ſie zu ſchmücken und ver
ſchönern. - Ach! Fräulein, Jhr Geſtändniß zerreißt
mir das Herz. - Jch wünſchte, daß die Kugeln der
Jhrigen dieſen Kopf zerſchmettert hätten, welchen Sie
mit Verdruß und Aerger erfüllen. - Nein, nein, nie
ſoll auf meinen Befehl das Blei den Buſen zerreißen,
welchen ich hier unter dieſem Jäckchen wallen ſehe; nie
ſoll ein Wort aus meinem Munde, eine von meiner
Hand unterzeichnete Schrift dem gefühlloſen Offizier be-
fehlen, das Licht dieſer ſchönen, jetzt auf mich gerichte-
ten Augen zu verlöſchen. Hören Sie, Blanka. Jch
ſelbſt will Sie über meine Vorpoſten hinausführen;
nehmen Sie dieſen Frack meines Adjutanten, das gol-
dene Armband und dieſen Hut mit dem dreifarbigen
Federbuſch; aber ſchnell, die Zeit drängt; der Tag
bricht an, und mit ſeiner Rückkehr vermag ich nichts
mehr. Jch werde ſagen - ich weiß ſelbſt nicht was
- doch ja: Sie hätten mir ein wichtiges Geheimniß
entdeckt, einen beabſichtigten Ueberfall, und zur Beloh-
nung dafür hätte ich Jhnen das Leben geſchenkt. Meine
Oſfiziere ſind mir ergeben, und der Wohlfahrtsausſchuß
wird nichts erfahren. Sollte ſich, wider Erwarten,
ein Verräther finden, ſo werden meine Dienſte für mich
ſprechen. - Kurz, mein Kopf iſt nur compromitirt,
der Jhrige aber verloten, wenn ich Sie nicht rette. -
Beeilen wir uns. Sollte Jhr Geliebter in meine Hände
fallen, ſo ſollen Sie ihn wieder haben, wenn er auf
ſeine Ehre ſchwört, nicht wieder gegen die Republik zu
dienen. Sagen Sie mir ſeinen Ramen. -
Er heißt Marceau, erwiederte Blanka, und vergoß
Thränen der Rührung. Schließen Sie jetzt aus dem,
was ich that, ob ich Jhren Vorſchlag annehmen kann.
Himmel, was höre ich, rief der General. - Wie,
Fräulein, ich bin es, ich ſelbſt?
Ja, Marceau, ein edler Feind iſt gefährlicher für
das Herz eines Frauenzimmers, als ein übermüthiger
gebieteriſcher Sieger. Alle Jhre Kollegen haben mir
Abſcheu eingeflößt; Sie dagegen - doch, was ſoll ich
mehr davon ſagen? Jch veriieß die Sache, der meine
Familie dient, trotzte den Gefahren des Krieges, um
zu Jhnen zu kommen, und einem Tode, dem ſie mich
entziehen werden, wenn Sie meine Liebe theilen, zu
dem ich aber meine Zuflucht nehme, ſobald Marceau
das Herz Blanka's von Beauliu verſchmäht.
Es verſchmähen! - Ach! Blanka beſitzt ſchon das
Meinige - worauf der junge Republikaner die Heldin
er Vendöe an ſeine Bruſt drückte.
Du liebſt mich, Marceau! rief ſie mit gen Himmel

Der General Marceau war noch nicht vier und
zwanzig Jahre alt, Oberbefehlshaber der Armeen des
Weſten gegen die empörte Vendse. Kurz vor einem be-
deutenden Vortheil, den er über die Feinde erhielt, be-
merkte er unter den gefangenen Rebellen, die man ihm
vorführte, einen jungen Menſchen, deſſen zarte Geſichts-
bildung ihm auffiel. Dieſer Gefangene hatte mit dem
Obergeneral ſprechen wollen, man brachte ihn zu ihm,
worauf der Jüngling mit Marceau allein zu ſein ver-
langte. Der Republikaner befahl ſofort ſeinem Adju-
tanten und dem Sekretär, ſich einige Augenblicke zu
entfernen. Sie gehorchten, nachdem ſie auf verſchiedene
Art ihre Beſorgniß geäußert hatten:
Jch verſtehe Sie, meine Freunde, antwortete lä-
chelnd der tapfre Offizier; der Gefangene hat vielleicht
ſchon ſeine Statur mit der meinigen verglichen; und
ich bin überzeugt, daß unbeſchadet ſeiner, wie ich ver-
muthe, ſehr friedlichen Abſichten, ihm der Erfolg eines
Kampfes, Mann gegen Mann, mit mir, nicht ſehr gün-
ſtig ſcheinen wird.
Der Generalſtab und die Schreiber verließen das
Zelt.
General, begann der Gefangene, ſobald er ſich mit
ſeinem Sieger allein ſah. Sie ſehen ein Frauenzim-
mer vor ſich, ein Mädchen von der Zahl derjenigen,
welche man vor vier bis fünf Jahren Adliche nannte.
Mein Name iſt Blanka von Beaulieu; ich bin achtzehn
Jahre alt, und die Sache, der ich diente, iſt die Liebe. -
Großer Gott! was höre ich, Fräulein; in welche
peinliche Lage ſetzen Sie mich? - Wiſſen Sie denn
nicht, was meine Pflicht verlangt?
Ja, General; das Geſetz befiehlt Jhnen, mich vor
Jhrem Lager erſchießen zu laſſen. Jch wußte das, ehe
ich die Waffen ergriff und habe ſie doch ergriffen.
Selbſt Soldaten hören manchmal auf den Rath der
Klugheit; Liebende niemals.
Ach! ich begreife Jhre Lage, Fräulein; Sie lieben
einen jungen Anführer der Vendöe, und haben Alles
verlaſſen, Allen getrotzt, um ihm zu folgen - die Waf-
fen haben zu ihrem Nachtheil entſchieden, und ich, ich
bin es, den die Wuth des Partheigeiſtes empört, da ich
mit der Schärfe des Geſetzes ein unverſtändiges Kind
treffen muß, eines jener bezaubernden Geſchöpfe, welche
Gott in der Welt vertheilte, wie der Frühling Blumen
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