Heidelberger Volksblatt — 4.1871

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zogen. Der Männerreichthum unſeres Landes und die
mehr oder weniger durchgeführten Grundſätze der all-
gemeinen Wehrpflicht erhielten die Armee in einem dem
Feinde furchtbaren, jedem Erforderniß genügenden Zu-
ſtande. Die nothwendigen Verſtärkungen kamen manch-
mal ſpät, niemals zu ſpät. Es iſt unmöglich, den Ein-
zelheiten dieſer Periode des Krieges zu folgen. Mitten
in einem harten Winter wurde überall gekämpft, um
Paris, im Norden, an der Loire, im Oſten. Seit der
zweiten Hälfte des Novembers hatte Prinz Friedrich
Karl mit der Loire-Armee Fühlung bekommen, und
nun folgte eine faſt ununterbrochene Reihe von Gefech-
ten und Schlachten, die einen erſten Abſchluß am 4.
Dezember mit der Wiedereinnahme von Orleans er-
reichte, mit der Einnahme von Le Mans am 11. Ja-
nuar (nach ſechstägigen Schlachten) und der Beſetzung
von Tours am 19. endete. An demſelben Tage
machte die Schlacht bei St. Quentin unter dem Ge-
neral von Goeben der Exiſtenz der franzöſiſchen Nord-
armee unter Faidherbe, die ſeit dem November von
Norden her die deutſche Belagerungsarmee bedroht und
durch ihre Uebermacht dem preußiſchen 8. Korps, wel-
ches ſie überwachte, manche ſchwere Stunde bereitet
hatte, ein Ende. Niemand aber hatte einen ſchwieri-
geren Stand, als General v. Werder im Oſten mit
dem erſt nach dem Falle von Straßburg gebildeten und
ziemlich bunt zuſammengeſetzten 14. Armeekorps, wel-
ches ſich Wochen lang mit den Garibaldianern und
ſpäter mit dem General Cremer herumgeſchlagen, ge-
gen das aber in den letzten Tagen des Novembers
Bourbaki mit der 150,000 Mann ſtarken Armee von
Lyon anrückte. Drei Tage, am 14., 16. und 18. Ja-
nuar, hielt das 14. Armeekorps in der feſten, aber
ausgedehnten Stelluug von Delle bis Frahier, ſüd-
lich und weſtlich von dem ſeit dem 3. November zer-
nirten Belfort, die ungeſtümen Angriffe des Feindes
auf, der ſich endlich aufgelöſt in eiliger Flucht zurück-
zog und nun von der herangekommenen Süoarmee durch
Manteuffel zum Uebertrit auf ſchweizeriſches Gebiet
genöthigt wurde (am 1. Februar) wo 80,000 Mann die
Waffen niederlegte.. Jm Laufe eines Monats waren
wiederum drei franzöſiſche Armeen vernichtet worden
und außerdem hatte Paris am 28. Januar nach hun-
dertunddreißigtägiger Belagerung kapitulirt. So un-
geheuere Kataſtrophen waren nothwendig, um den
Stoiz der Franzoſen zu brechen.

deſſen Louis Napoleon eine Armee in Chalons, aber
im Rathe Napoleon's überwog der Beſchluß, den Geg-
ner nicht zu erwarten, ſondern über Verdun der Metzer
Armee Hülfe zu bringen. Die Aufmerkſamkeit und die
Genialität der preußiſchen Heerführung ahnte und ent-
deckte dieſen Entſchluß. Der Kronprinz that keinen
Stoß in die Luft, ſondern ſeine Armee wendete ſich,
wie die übrigen nicht vor Metz zurückgehaltenen Armee-
korps (es wurde nach der Zerniung von Metz noch eine
vierte Armee unter dem Kronprinzen von Sachſen ge-
bildet: die Maasarmee) nach Nordweſten und nachdem
ſie zuerſt bei Beaumont am 30. Auguſt einen ge-
waltigen Schlag geführt hatten, gelang es ihnen am 1.
September nach einer immer noch blutigen, aber an
Verluſten für den Sieger nicht mehr mit den Tagen
von Wörth, Mars la Tour und Gravelotte zu verglei-
chenden Schlacht, die ganze franzöſiſche Armee mit dem
Kaiſer Napoleon in Sedan einzuſchließen. Der Kaiſer
ſtellte ſich am 2. früh als Gefangener, gegen Mittag
kapitulirte die ganze Armee, die Unmöglichkeit eines
Widerſtandes oder des Entrinnes einſehend.
Dieſe Kataſtrophe, eine der fürchterlichſten, von
welchen die Geſchichte zu erzählen weiß, hatte uumit-
telbar eine Revolution in Paris zur Folge. Die kai-
ſerliche Dynaſtie wurde des Thrones für verluſtig er-
klärt, eine proviſoriſche republikaniſche Regierung, welche
ſich die der nationulen Vertheidigung nannte, mit dem
General Trochu als Chef, Jules Favre als Mini-
ſter der auswärtigen Angelegenheiten, und Gambetta
ſtellte ſich an die Spitze und organiſirte zunächſt die
Vertheidigung von Paris, für welche namentlich durch
die Herbeiſchaffung ungeheurer Maſſen Proviants ge-
ſorgt wurde. Die Stadt iſt durch ihre Feſtungswerke
ſo ſtark, daß die preußiſche Heerleitung ſich entſchloß,
keinen gewaltſamen Angriff zu unternehmen, ſondern
ſie lediglich durch Hunger zu zwingen. Am 19. Sep-
tember war die Einſchließlung von Paris vollendet,
am 28. September fiel nach einer regelmäßigen Bela-
gerung Straßburg, am 27. Oktober übergab ſich,
nachdem mehrere Ausfälle blutig zurückgewieſen wa-
ren, die geſammte Armee Bazaine's in Metz, ein-
ſchließlich der Verwundeten und Kranken 173,000
Mann und 6000 Ofiziere. Jetzt war die Armee Fried-
rich Karls frei, aber unterdeſſen hatten ſich durch die
Maſſenaufgebote, welche der noch Tours gegangene
Gambetta mit unläugbarer Energie in dem ganzen
noch nicht okkupirten Gebiete Frankreichs angeordnet
hatte, zwei Armeen gebildet. Die hinter der Loire zu
ſammengezogene ſchlug zuerſt los und zwang am 9.
November den General v. d. Tann, ſich mit ſeinem
Korps aus dem von ihm beſetzten Orleans zurückzuzie-
hen. Der erſte Sieg entflammte ganz Frankreich, die
Anſtrengungen ſteigerten ſich und eine Zeit lang ſchie-
nen die Armeen förmlich aus der Erde zu ſteigen.
Aus Deutſchland waren ſchon ſeit den Verluſten
der erſten blutigen Schlachten, noch mehr aber, als
ſich nach dem Falle des Kaiſerreichs herausſtellte, daß
der Krieg länger dauern würde, als man erwartet
hatte, fortwährend Verſtärkungen nach Frankreich ge-

(Schluß folgt.)

ie Buchdruckerel von . eisendörfer

in Jeidelberg (Schiffgaſſe 4)

empfiehlt sieh in allen in dieses Gesehäft einschlagenden
Arbeiten, namentlieh im Druck von Visiten-, Verlobungs- und
Adress-Karten, Reehnungen, Cirularen ete. ete.
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