Heidelberger Volksblatt — 4.1871

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hleeſlellslal.


Nr. 61,

Mittwoch, den 2. Auguſt 1871.

4. Jahrg.

Erſcheint Mittwoch und Samſcag. Preis monatlich 1D kr. Einzelne Nummer à 2 kr. Man abonnirt in der Druckerei, Schiffgaſſe 4
und bei den Trägern. Auswärts bei den Landboten und Poſtanſtalten.

Die Braut vom Richtplatz.

Ruſſiſche Volksgeſchichte.

(Schluß.)

gedrungen war. Niemand hatte bemerkt, wie das ge-
ſchah; kaum der eine und der andere der im Zimmer
anweſenden Alten hatte eine raſche Bewegung von Da-
ria's Hand wahrgenommen, wie wenn ſie den Mann
zurückſtieß oder ihm abwehrend einen Schlag verſetzte.
Ein Schrei des Schreckens erſcholl im Hauſe Al-
ſen's, dann auf der Straße und wuchs bald zu einem
vielſtimmigen Geheul, welches ſich durch das ganze
Dorf und über die Felder verbreitete. "Daria hat ih-
ren Mann erſtochen," riefen die Begegnenden einander
zu, über die Gaſſe, über Höfe, Verſchläge und Hanf-
felder - und als nach einer Viertelſtunde der unglück-
liche Alſen wirklich ſeinen Geiſt aufgab, dachte Niemand
mehr daran, einer tauben Aiten, der berühmten Heu-
lerin, Einhalt zu thun, die ſich auf einen Baumſtumpf
ſetzte, wo ſie ſich berufsmäßig wie zu Hauſe einrichtete
und, die Hände zuſammenſchlagend, ſich in Todtenkla-
gen ergoß, die freilich auch keiner hörte.
Daria wurde in Ketten gelegt; die Unterſuchung
und die Rechtsprocedur nahm ihren Gang und wurde
ſehr ſchnell beendet, da die Sache eine ſehr einfache
war; die Ausſagen der ſämmtlichen Zeugen und der
Verbrecherin ſelbſt ſtimmten in Allem überein. Daria
erklärte nur, daß ſie ſich nicht mehr dentlich beſinne,
wie es geſchehen; wohl aber wüßte ſie, wie ſie ganz
außer ſich gerathen, als Alſen in Gegenwart Anderer
ihr Kind mit einem Schimpfnamen genannt, und ihr
ſelbſt einen Makel angeheftet, welchen ſie durch nichts
perſchuldet hätte. Dieſen Vorwurf habe ſie auch frü-
her kaum zu ertragen vermocht; jetzt vollends habe er
fie um alle Beſinnung gebracht, uno nur dunkel erin-
nerte ſie ſich, was geſchehen ſei. Jakow, der ebenfalls
verhört wurde, weinte heftig, rang die Hände und rief
Gott zum Zeugen an, daß weder er noch Daria fich
vergangen; Alſen habe, Gott weiß warum, gegen die
arme Daria eine grundfalſche Beſchuldigung erhoben.
Dem mochte nun ſein wie ihm wollte, Daria wurde
als des Mordes überführt und geſtändig zur Strafe
auf offenem Markte verurtheilt. Der beſtimmte Tag
kam heran, und alle Anſtalten waren auf dem Markt-
platz der Gouvernementſtadt getroffen, wo diesmal we-
gen der Prokow'ſchen Meſſe eine Menge Volkes zuſam-
menſtrömte.
Wir wollen nicht die Einzelheiten der damals üb-
lichen Vollſtreckung ſolcher Urtheile beſchreiben; ſie
ſind allbekannt, und wer ſie etwa nicht kennt, verliert
nicht daran. Als die Verbrecherin herbeigeführt wurde,
bemächtigte ſich Mitleid und Schreck der zahlloſen Menge.

Nach und nach wurde die Stube geräumt; die un-
gebetenen Beſucherinnen gingen zum Theil auseinan-
der, zum Theil ließen ſie ſich vor der Thüre nieder
und unterhielten ſich gegenſeitig durch ſpaßhafte Ge-
ſchichten. Als Daria allein geblieben, und nach dem
betäubenden Lärm um ſie her Ruhe eintrat, gerieth
ſie auf eiumal m eine gewiſſe Unruhe und fieberhafte
Bewegung; breunende Röthe bedeckte ihr Geſicht, von
Neuem funkelten ihre Augen; ſie blickte ſcheu um ſich.
Ohne die Leiche des Kindes von ihrer Bruſt wegzuneh-
men, ſchlich ſie leiſe an den Tiſch und ergriff ein gro-
ßes Brodmeſſer. Es ſchien nach Allem, daß ſie in ih-
rer bewußtloſen Verzweiflung Hand an ſich legen wollte;
ſie prüfte mit dem Finger die Schärfe des Meſſers,
dann ſah ſie ſich wieder vorſichtig um und horchte auf
die Stimmen der Weiber unter dem Fenſter; endlich
ließ ſie die Hand ſinken und verlor ſich im Anſchauen
ihres todten Kindes. Jn dieſer Stellung befand ſie ſich
noch, als ſie lautes Reden und Lärmen auf der Straße
vernahm; es war Alſen, der vom Felde heimkam und
den die aten Weiber in gemeinſamem Chor mit Bei-
leidsbezeugungen und Erzählung des Vorgefallenen em-
pfingen. Eines der Weiber klammerte ſich ſogar an
ihn und verfolgte ihn bis in die Stube mit den Wor-
ten: "Schlag ſie nur ja nicht, Liebſter, ſchlag ſie nicht,
das wär' eine Sünde; ſie that's ja ohne Willen, es
war Gottes Rathſchluß."
Alſen trat ein, hinter ihm her die Schaar der Nach-
barn und Nachbarinnen. Als Daria Geräuſch hörte,
ſuhr ſie zuſammen und zog die Hand mit dem Meſſer
hinter ſich zurück, wie wenn ſie es verſtecken wolte.
Alſen trat ganz ruhig und gleichgiltig an ſie heran,
warf einen Blick auf die Leiche des Kindes, dann auf
Daria und ſprach, indem er ſich abwendete: "Was iſt's
weiter! Ein Baſtard weniger im Dorf."
Kaum hatte Alſen das geſprochen, als er einen gel-
lenden Schrei that und zu Boden fiel. Man ſprang
ihm bei: Alſen's ganzes Geſicht war mit Blut bedeckt,
er athmete röchelnd; man hob ihn auf und jetzt erſt
gewahrte man mit Schrecken, daß in ſeinem Halſe ein
großes Meſſer ſtack, welches faſt bis an den Griff ein-
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